Modern Slavery: Transparenz ist gefragt

Das neue Lieferkettengesetz macht Unternehmen dafür verantwortlich, wenn bei ihren Lieferanten Formen der „Modern Slavery“ vorkommen. Doch oft wissen die Firmen nicht einmal, mit wie vielen und welchen Lieferanten sie überhaupt Geschäftsbeziehungen unterhalten, und wie kritisch diese für ihr Business sind.

Mit dem jüngst in Deutschland in Kraft getretenen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (kurz: Lieferkettengesetz) endet die Verantwortung der Unternehmen nicht länger am eigenen Firmeneingang, sondern besteht entlang der gesamten Lieferkette. Das Gesetz gilt zunächst für Unternehmen mit mindestens 3.000, ab 2024 mit mindestens 1.000 Beschäftigten. Doch de facto sind auch kleine Firmen betroffen, die selbst entsprechend großen Kunden zuliefern, und somit im Hinblick auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben auskunftsfähig sein müssen. Hinzu kommt, dass viele große Unternehmen in mehreren Ländern mit jeweils eigener nationaler Modern Slavery-Gesetzgebung tätig sind. Glücklicherweise ähneln sich die nationalen Gesetze einander sehr, da sie alle auf der UN-Erklärung von 2011 beruhen. So empfiehlt es sich in der Regel, dass sich ein Unternehmen am jeweils schärfsten nationalen Gesetz orientiert.

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Gefährdeter Ruf als Arbeitgeber

Ohnehin unterscheiden sich die nationalen Gesetzgebungen weniger mit Blick auf ihre jeweiligen Vorgaben, sondern mehr durch die bei Verstößen potenziell fälligen Strafen. Hier sieht das deutsche Gesetz mit die höchsten Bußgelder vor – bis zu acht Millionen Euro oder bis zu zwei Prozent des weltweit erwirtschafteten Jahresumsatzes. Außerdem ist es möglich, ab einem bestimmten Strafmaß von der Vergabe öffentlicher Aufträge ausgeschlossen zu werden – von der Rufschädigung in solchen Fällen ganz zu schweigen. Diese kann nicht nur mit Blick auf Kunden oder (End-)Verbraucher erhebliche wirtschaftliche Verluste nach sich ziehen, sondern insbesondere auch die Attraktivität als Arbeitgeber deutlich senken. In Zeiten des Fachkräftemangels etwa in der IT-Industrie ein sehr ernstzunehmender Faktor.
 

Modern Slavery

Bild: „Modern Slavery“ kommt in unterschiedlichen Formen vor. (Quelle ISG)

 

Unternehmen sind deshalb gut beraten, sich rechtzeitig mit dem Thema „Modern Slavery“ auseinanderzusetzen. Ein erster Schritt ist hier, Transparenz über das häufig hunderte oder gar tausende Lieferanten umfassende Portfolio herzustellen. Eine Herausforderung, insbesondere dann, wenn Unternehmen international agieren oder nicht alle Verträge über den zentralen Einkauf zustande kommen, sondern auch über Fachabteilungen.
 

Modern Slavery im eigenen Unternehmen?

Verstöße gegen rechtliche Vorgaben sind nicht nur bei Lieferanten zu suchen. Wenn Unternehmen sich kritisch selbst betrachten, sind unangenehme Aha-Effekte nicht unwahrscheinlich. Wie sehen die eigenen Mitarbeiterverträge aus? Erfüllen sie in allen internationalen Dependancen die gesetzlichen Anforderungen? Auch in Deutschland selbst können Unternehmen fündig werden: Dem Global Slavery Index und der UNO zufolge, arbeiten hierzulande schätzungsweise 167.000 Menschen unter den Bedingungen von Modern Slavery.

Es ist sinnvoll, eine Ende-zu-Ende-Sicht zu etablieren, die die gesamte Dauer einer Lieferantenbeziehung umfasst und alle beteiligten Unternehmensbereiche einbezieht. Hierfür ist es wesentlich, bereits bei der Vertragsgestaltung Zielsetzungen und Klauseln einzubauen, die die Bedeutung sowie die Steuerung von Risiken im Zusammenhang mit den gesetzlichen Vorgaben einheitlich vorgeben. Darüber hinaus ist es sinnvoll, die initiale Datenerfassung und Risikoeinstufung im Rahmen der Lieferantenauswahl bereits auf Basis eines standardisierten Verfahrens vorzunehmen – und die dabei angelegten Kriterien, Verfahren und Risikoprofile nach Vertragsabschluss regelmäßig zu prüfen und zu aktualisieren. Neben den Informationen, die aus der internen Lieferantensteuerung selbst erhoben werden, können auch externe Marktdaten und Monitoringdienste dazu beitragen, eine ganzheitliche Sicht auf die Lieferanten beziehungsweise das gesamte Lieferantenportfolio herzustellen.

Viele Informationen lassen sich über spezialisierte Informationsdienste beschaffen. Ein Beispiel ist der „Risk Monitor“ der Information Services Group (ISG). Vor allem auf der Basis kontinuierlich gesammelter und bewerteter Presseberichte können Unternehmen mit seiner Hilfe weitgehend automatisiert Risikoprofile für einzelne Lieferanten erstellen. Neben der Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben im Rahmen des Lieferkettengesetzes können diese Informationen auch helfen, weitere Risikofaktoren ganzheitlich zu überwachen und im Sinne des Unternehmens und seiner Risikostrategie aktiv zu steuern.

Am leistungsfähigsten sind möglichst standardisierte und skalierbare Verfahren, die wiederum einheitliche Bewertungen etwa für bestimmte Lieferantengruppen, Weltregionen oder Rohstoffe beinhalten. Je standardisierter diese Bewertung erfolgt, umso leichter lässt sie sich auch unternehmensweit anwenden, evaluieren und automatisieren, was wiederum schnelle und kostengünstige Abläufe ermöglicht.

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Gute Standards und ausreichende Ressourcen

Alle Gesetze zu Modern Slavery zielen vor allem darauf ab, dass Unternehmen sichtbare Anstrengungen unternehmen, um Transparenz in ihren Lieferketten zu schaffen und darauf aufbauende Steuermaßnahmen einzuführen. Dies erfordert die Schaffung eines entsprechenden organisatorischen Rahmens, einschließlich ausreichender qualifizierter Ressourcen und klarer Rollen und Verantwortlichkeiten in den definierten Abläufen. Die Einbettung in die Unternehmens-Governance und der Zugang zu den relevanten Führungsebenen und -gremien ist ausschlaggebend dafür, dass die Unternehmensführung über Risiken informiert ist und basierend auf der Datenlage informierte Entscheidungen treffen kann.

Die eigentliche Kontrolle der einzelnen Lieferanten kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Neben der Auswertung von internen und externen Daten und Informationen ist es auch notwendig, die Lieferanten selbst zu überprüfen. Zum Teil genügen virtuelle Prüfungen über den Austausch von Dokumenten und Self-Assessments, zum Teil sind persönliche Betriebsbegehungen notwendig.

Ohne Technologie geht es nicht

Generell gilt: Ohne unterstützende Technologie ist der Aufwand des Lieferanten-Monitorings gerade in Großunternehmen wirtschaftlich kaum darstellbar. Software-Lösungen tragen vor allem dazu bei, die kontinuierlichen Assessments und die damit verbundene Datenerfassung, -auswertung und -aufbereitung weitgehend zu automatisieren – vorausgesetzt, es stehen zugleich gut ausgebildete Fachexperten zur Verfügung, die diese Werkzeuge zielgerichtet bedienen können und die für standardisierte Prozesse sorgen, ohne die keine Technologie greifen kann.

Nicht zuletzt muss sich das Bewusstsein zu Modern Slavery und Lieferantentransparenz wie ein roter Faden durch das ganze Unternehmen ziehen. Dies fängt beim Management an, das die Bedeutung des Themas anerkennt, die Herausforderung begreift und in die notwendige Ausbildung, Schulung und technologische Ausstattung von Mitarbeitern investiert. Der Umgang Modern Slavery ist demnach weniger administrative Aufgabe als Frage der Unternehmenskultur. Sie entscheidet darüber, ob Initiativen für mehr Transparenz in den Lieferketten am Ende scheitern oder erfolgreich sind.
 

Tanja Kruse JonesISG     McBlainHanneSq

Tanja Kruse-Jones (li.) und Hanne McBlain sind beide Director bei der Information Services Group (ISG), www.isg-one.com

 

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