In nur sechs Monaten entstand in München eine der größten KI-Fabriken Europas – gemeinsam mit 35 Partnern. Lars Neumann, Senior Vice President T Cloud, erklärt, warum digitale Souveränität nicht durch Strategiepapiere entsteht, sondern durch gezielte Investitionen, leistungsfähige Infrastruktur und echte technologische Wahlfreiheit.
„Beim Thema Souveränität muss Europa liefern, nicht debattieren“

Herr Neumann, Deutschland wird beim Thema Digitalisierung oft als langsam und viel zu bürokratisch dargestellt. Dann baut die Telekom mit Partnern in München innerhalb von sechs Monaten eine der größten KI-Fabriken Europas. Wie passt das zusammen?
Lars Neumann: Ja, eigentlich gar nicht, oder? Tatsächlich höre ich oft, dass Deutschland zu langsam sei. Aber die Industrial AI Cloud in München beweist das Gegenteil. Von der Entscheidung bis zur Inbetriebnahme einer Cloud-Infrastruktur mit bis zu 10.000 GPUs vergingen nur sechs Monate. Das zeigt, was möglich ist, wenn wir gemeinsam handeln.
Stichwort „gemeinsam“: Welches Zusammenspiel hat den Aufbau der Industrial AI Cloud in dieser Geschwindigkeit möglich gemacht?
Lars Neumann: Die Industrial AI Cloud ist echtes europäisches Teamwork: Mehr als 30 Partner waren beteiligt, fast alle davon aus Europa. Namen wie SAP, Siemens oder Quantum Systems stehen neben Forschungseinrichtungen und Start-ups. Auch die Politik war mit dabei, von Lars Klingbeil über Markus Söder bis Dieter Reiter. Entstanden ist ein offenes Ökosystem, bei dem alle mit am Tisch saßen. Genau das braucht Europa: nicht Abschottung, sondern Zusammenarbeit mit klaren Werten.
Allerdings kommen die GPU-Chips für die Gigafactory von NVIDIA, einem US-Unternehmen. Wie souverän kann Europa sein, wenn die leistungsfähigste Hardware aus den USA stammt?
Lars Neumann: Eine berechtigte Frage. Ja, wir nutzen rund 10.000 NVIDIA-Chips. Aber Souveränität bedeutet für mich nicht, jede Komponente selbst zu produzieren. Es geht darum, Wahlfreiheit zu haben und die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Und die haben wir: Alle Daten bleiben physisch in Deutschland und der gesamte Betrieb liegt bei europäischen Mitarbeitenden. Damit sichern wir Souveränität strukturell.
Was macht die Industrial AI Cloud besonders relevant für Unternehmen im DACH-Raum?
Lars Neumann: Der eigentliche Hebel liegt in der Vernetzung. Erst durch eine souveräne Cloud-Infrastruktur können wir diese enorme Rechenleistung zugänglich machen – für jedes Unternehmen, das sie braucht. Ob Automobilzulieferer, Robotik-Start-up oder Simulationsspezialist: Sie alle können auf dieser Infrastruktur KI-Modelle trainieren, digitale Zwillinge betreiben oder komplexe Berechnungen durchführen. Die Industrial AI Cloud ist zudem eingebettet in das EU-Programm für KI-Fabriken. Was hier entsteht, ist perspektivisch das europäische Cloud-Backbone für industrielle KI.
Digitale Souveränität ist ein viel diskutierter Begriff. Manche halten ihn für politische Rhetorik. Was bedeutet er konkret für Unternehmen?
Lars Neumann: Digitale Souveränität entsteht nicht durch Debatten, sondern durch Investitionen. Für mich bedeutet sie: Abhängigkeiten reduzieren und gleichzeitig Innovation, Wertschöpfung sowie Wachstum ermöglichen. Wenn Unternehmen in die Cloud wollen, aber wegen rechtlicher Grauzonen zögern – weil die Frage nach Datenzugriff aus dem Ausland ungeklärt bleibt –, dann ist das ein handfestes Problem.
Bitkom-Umfragen zeigen, dass 93 Prozent der deutschen Unternehmen uns bei digitalen Technologien für abhängig halten …
Lars Neumann: Die Zahl ist ernüchternd, aber sie muss nicht so bleiben. Schauen Sie sich an, was gerade passiert: Unter anderem Frankreich treibt den Einsatz staatlicher und europäischer Open-Source-Lösungen deutlich voran. Dort sollen alle Ministerien bis zum Herbst dieses Jahres konkrete Pläne entwickeln, um ihre Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien zu reduzieren. Aber auch bei uns in Deutschland zeigt etwa Schleswig-Holstein, dass konkrete Schritte möglich sind: LibreOffice ist bereits auf nahezu 80 Prozent der Arbeitsplätze außerhalb der Steuerverwaltung eingeführt. Parallel wird der Umstieg auf Linux schrittweise ausgeweitet. Gerade die öffentliche Verwaltung zeigt hier also, dass konsequente Umsetzung möglich ist. Und dass wir auf einem guten Weg zu einem wettbewerbsfähigen europäischen Cloud-Ökosystem sind.
Trotzdem sagen viele Unternehmen, es gebe für ihre Anforderungen keine gleichwertige europäische Cloud-Alternative. Wie begegnen Sie diesem Einwand?
Lars Neumann: Europäische Cloud-Anbieter sind heute eine relevante Ergänzung im Cloud-Ökosystem. Es geht nicht darum, globale Plattformen komplett zu ersetzen. Aber gerade dort, wo Datenschutz, Compliance und die Kontrolle über kritische Daten eine besondere Rolle spielen, gewinnen europäische Angebote an Bedeutung. Deshalb braucht es leistungsfähige europäische Alternativen, die Unternehmen echte Wahlfreiheit ermöglichen. Wer zwischen verschiedenen Cloud-Modellen und Anbietern entsprechend seiner Bedürfnisse wählen kann, ist souverän. Wer es nicht kann, ist abhängig.
Was braucht Deutschland jetzt konkret, um im KI-Zeitalter wettbewerbsfähig zu bleiben?
Lars Neumann: Wir brauchen vor allem Mut. Mut, jetzt in Cloud, KI und Rechenkapazitäten zu investieren – und mehr technologische Wahlfreiheit. Wir brauchen nicht nur Strategien, sondern Infrastruktur. Wir brauchen einen verlässlichen regulatorischen Rahmen, aber ebenso konsequente Investitionen und schnelle Umsetzung. Die Chancen sind da. Jetzt müssen wir sie nutzen.
Die Industrial AI Cloud ist also nur der Anfang?
Lars Neumann: Genau. Die KI-Fabrik ist ein starkes Signal. Aber wir bekommen keine echte digitale Souveränität ohne ein wettbewerbsfähiges europäisches Cloud-Ökosystem. Und das bauen wir alle miteinander. Ich bin optimistisch: Wenn Wirtschaft und Politik jetzt gemeinsam handeln, kriegen wir das hin. Ich bin überzeugt: Digitale Souveränität entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch eigene, leistungsfähige Infrastruktur, die wir selbst betreiben und kontrollieren.
(red)





