Kurz und knapp: Eine Kearney-Studie zeigt den Kreislauf aus zögerlichem Netzausbau und schrumpfenden Investitionen im deutschen Telekommarkt. Dasselbe Muster bremst IT-Infrastruktur und KI: Gartner warnt vor wachsender technischer Schuld trotz IT-Ausgaben von 6,37 Billionen Dollar 2026.
Investitionsstau, Fachkräftemangel, Regulierungsdruck: Wer über die Digitalisierung in Deutschland spricht, landet schnell bei Symptomen. Die eigentliche Ursache liegt jedoch oft tiefer, in einer Struktur, die sich selbst am Laufen hält. Die Unternehmensberatung Kearney hat dieses Muster kürzlich im Global Telecom Health Index für die Telekommunikationsbranche sichtbar gemacht. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, denn dasselbe Prinzip bestimmt gerade auch, wie erfolgreich Unternehmen ihre IT-Infrastruktur modernisieren und Künstliche Intelligenz produktiv einsetzen.
Kearney Global Telecom Health Index: Deutschland im Rückstand
Der Global Telecom Health Index von Kearney bewertet 34 Telekommunikationsmärkte weltweit anhand von fünf Dimensionen: finanzielle Performance, kommerzielle Leistungsfähigkeit, Technologieausbau, Marktumfeld und Kundenzufriedenheit. Deutschland landet dabei auf den hinteren Rängen, obwohl die finanzielle Verfassung der Betreiber im oberen Mittelfeld liegt. Bei der kommerziellen Leistungsfähigkeit erreicht der deutsche Markt Rang 33 von 34, beim Technologieausbau Rang 31 und bei der Kundenzufriedenheit Rang 29.
Die Ursache liegt laut Studie nicht am Kapital, sondern an der Umsetzung. Das 5G-Netz erreicht zwar bereits 99 Prozent der Bevölkerung, im Festnetz erreicht Glasfaser jedoch nur 40 Prozent der Haushalte, angeschlossen sind lediglich 15 Prozent. Im weltweiten Durchschnitt der untersuchten Märkte liegen diese Werte bei 75 beziehungsweise 51 Prozent. Christoph Neunkirchen, Partner und Managing Director bei Kearney sowie Co-Autor der Studie, bringt es auf den Punkt: Das Problem in Deutschland sei nicht fehlendes Kapital, sondern die zurückbleibende Umsetzung von Netzausbau und Netzauslastung.
Daraus entsteht ein Kreislauf, den die Studie in mehreren Märkten beschreibt: Begrenzte Netzqualität dämpft die Kundenzufriedenheit und die Zahlungsbereitschaft, geringere Erträge dämpfen wiederum die Mittel für den nächsten Ausbauschritt. Die Schweiz zeigt mit Rang 5 des Index, dass sich dieser Kreislauf auch positiv drehen lässt: Qualität erzeugt dort Zahlungsbereitschaft, daraus entstehen die Erträge für den nächsten Investitionszyklus.
Warum das Muster auch IT-Infrastruktur-Modernisierung betrifft
Was die Kearney-Studie für Glasfaser und Mobilfunknetze beschreibt, ist im Kern ein allgemeines Muster der IT-Ökonomie: Wer Investitionen in Infrastruktur verschiebt, verliert nicht nur an Wettbewerbsfähigkeit, sondern verringert auch die Mittel, die für den nächsten Modernisierungsschritt zur Verfügung stehen. Dieses Muster zeigt sich fast identisch in der allgemeinen IT-Infrastruktur und bei Investitionen in Künstliche Intelligenz, nur dass hier nicht der Anschlussgrad von Glasfaser die entscheidende Kennzahl ist, sondern die sogenannte technische Schuld.
Gartner definiert technische Schuld als die Summe der Ineffizienzen und Risiken, die aus veralteten Systemen oder aufgeschobener Wartung entstehen und in der Zukunft behoben werden müssen. Laut Gartner weisen im Durchschnitt rund 40 Prozent der Infrastruktursysteme über alle Assetklassen hinweg potenzielle Probleme mit technischer Schuld auf. Diese Schulden entstehen, wenn Teams kurzfristige Abkürzungen wählen, um Lieferfristen einzuhalten, und langfristig Qualität, Skalierbarkeit und Resilienz darunter leiden.
Damit ist der Mechanismus derselbe wie im Telekommunikationsmarkt: Aufgeschobene Modernisierung erzeugt wachsende technische Schulden. Wachsende technische Schulden verringern die Fähigkeit, neue Technologien wie Cloud-native Architekturen oder KI-Anwendungen produktiv zu nutzen. Eine geringere KI- und Cloud-Reife schwächt den erzielbaren Return on Investment. Ein schwächerer ROI wiederum verringert das Budget, das für die nächste Modernisierungsrunde zur Verfügung steht, und der Kreislauf beginnt von vorn.

KI-Investitionen: Technische Schuld verschärft den Kreislauf
Besonders deutlich zeigt sich dieses Muster derzeit beim Thema Künstliche Intelligenz. Ein Gartner-Bericht zu den wichtigsten Trends für CIOs im Fertigungssektor aus dem Februar 2026 nennt kumulierte technische Schuld als einen von drei zentralen Hemmschuhen, die den KI-Fortschritt in den kommenden drei Jahren ausbremsen könnten. Gealterte IT-, OT- und ET-Systeme sowie komplexe Integrationen bremsen demnach die Skalierbarkeit von KI-Projekten und erhöhen Kosten, Risiko und Starrheit. Der Bericht stellt zudem fest, dass 48 Prozent der Fertigungsunternehmen mit definierten Modernisierungsplänen ihre Kernsysteme derzeit aktiv modernisieren, der Rest also weiterhin auf veralteter Basis arbeitet.
Auch bei den Investitionsentscheidungen selbst zeigt sich der Kreislauf. Eine Gartner-Befragung von 782 Führungskräften aus dem Bereich Infrastruktur und Betrieb ergab, dass nur 28 Prozent der KI-Projekte die Erwartungen an den Return on Investment vollständig erfüllen, während 20 Prozent der Initiativen offen als gescheitert gelten. Eine weitere Gartner-Umfrage unter 394 Supply-Chain-Verantwortlichen aus Unternehmen mit mindestens 250 Millionen US-Dollar Jahresumsatz zeigt, dass zwar bereits 67 Prozent der digitalen Investitionen auf KI entfallen, aber 55 Prozent der befragten Supply-Chain-Officers unklar ist, welche Rendite diese Investitionen tatsächlich erzielen.
Gartner-Analystin Sandhya Mahadevan verwies bei der Gartner CSO and Sales Leader Conference darauf, dass die Hürden für einen belastbaren KI-ROI meist in eigenen strukturellen Faktoren liegen, etwa in der Datenreife, der Nutzerakzeptanz und der Auswahl der richtigen Anwendungsfälle. Auf dem Gartner Finance Symposium/Xpo 2026 in Sydney betonte Gartner-Analyst Twisha Sharma zudem, dass CFOs Künstliche Intelligenz fälschlicherweise als einheitliches ROI-Problem behandeln, statt sie als Portfolio sehr unterschiedlicher Investitionen mit jeweils eigenen Zeithorizonten, Risikoprofilen und laufenden Kosten zu betrachten.
Gartner IT-Ausgaben 2026: 6,37 Billionen US-Dollar im Überblick
Dass trotz dieser Warnsignale massiv investiert wird, zeigen die aktuellen Zahlen von Gartner. Die weltweiten IT-Ausgaben sollen 2026 auf 6,37 Billionen US-Dollar steigen, ein Plus von 14,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit hat Gartner seine Prognose im Jahresverlauf mehrfach nach oben korrigiert: Im Oktober 2025 ging die Prognose noch von 9,8 Prozent Wachstum aus, im Februar 2026 von 10,8 Prozent, im April 2026 von 13,5 Prozent und im Juli 2026 schließlich von 14,2 Prozent. Gartner-Analyst John-David Lovelock bezeichnete den Aufbau der für KI notwendigen Rechenkapazität als das größte Infrastrukturprojekt, das die Menschheit je unternommen habe.
Innerhalb dieses Wachstums verschieben sich die Gewichte deutlich zugunsten der Infrastruktur. Laut der Gartner-Prognose vom April 2026 sollen die Ausgaben für Data-Center-Systeme 2026 um 55,8 Prozent zulegen und die Marke von 788 Milliarden US-Dollar übersteigen, deutlich stärker als jedes andere Segment. Die Softwareausgaben sollen um 15,1 Prozent wachsen, die Ausgaben für Kommunikationsdienste um 4,8 Prozent und die Ausgaben für Endgeräte um 8,2 Prozent. Insgesamt entfällt mit 1,87 Billionen US-Dollar der größte Einzelposten weiterhin auf IT-Services. Gartner beschreibt diese Entwicklung als einen Markt mit mehreren Geschwindigkeiten, in dem Hyperscaler-Investitionen und KI-zentrierte Softwaresegmente traditionelle Kategorien deutlich abhängen.