Anthropic wirbt damit, dass sein Werkzeug Claude Code jahrzehntelang gewachsene Altsysteme analysieren und dokumentieren kann und so teure Beraterprojekte überflüssig macht.
COBOL stirbt nicht. Schätzungen zufolge laufen täglich hunderte Milliarden Zeilen des 1959 entwickelten Standards in Produktionssystemen, in Banken, bei Versicherungen, in Behörden, schreibt der KI-Hersteller. Das Problem ist durchaus bekannt: Die Entwickler, die diese Systeme gebaut haben, sind längst im Ruhestand. Die Dokumentation hat mit Jahrzehnten von Änderungen nicht Schritt gehalten. Und COBOL-Kenntnisse werden an kaum noch irgendwo gelehrt.
Jetzt behauptet Anthropic, sein KI-Werkzeug Claude Code könne einen Großteil der Analysearbeit übernehmen, an der Migrationsprojekte traditionell scheitern.
Das Versprechen
Laut Anthropic soll Claude Code in der Lage sein, einen kompletten COBOL-Quellcode einzulesen, Abhängigkeiten zwischen Tausenden von Dateien zu kartieren, Datenflüsse zu rekonstruieren und Geschäftslogik zu dokumentieren, die sonst nur noch im Code selbst existiert. Besonders betont wird die Erkennung impliziter Kopplungen, also Abhängigkeiten, die entstehen, wenn zwei Programme denselben Datenbankzustand oder dieselbe Datei voraussetzen, ohne sich explizit aufzurufen. Genau solche Kopplungen sind im Quellcode nicht direkt sichtbar und haben schon manches Migrationsprojekt torpediert.
Anthropic formuliert das Versprechen deutlich: „Mit KI können Teams ihre COBOL-Codebasis in Quartalen statt in Jahren modernisieren.” Beraterarmeen sollen überflüssig werden.
Was Anthropic nicht sagt
Was in der Ankündigung fehlt, sind Belege. Anthropic nennt keine konkreten Kundenprojekte, keine Fehlerquoten bei der Abhängigkeitsanalyse, keine unabhängigen Validierungen. Wie gut Claude Code mit COBOL-Dialekten aus den 1970ern zurechtkommt, mit proprietären Erweiterungen einzelner Mainframe-Hersteller oder mit Code, der über Jahrzehnte von wechselnden Teams ohne Konventionen gepflegt wurde, dazu schweigt das Unternehmen.
Auch die Grenzen des Ansatzes werden nur am Rande erwähnt. Regulatorische Anforderungen, operative Einschränkungen und die eigentliche Entscheidung, was modernisiert werden soll und was nicht, bleiben laut Anthropic beim Menschen. „Hier wird menschliches Urteilsvermögen unverzichtbar”, schreibt das Unternehmen. Das klingt nach vernünftiger Aufgabenteilung, relativiert aber gleichzeitig, wie viel die KI tatsächlich abnimmt.
Bekanntes Muster
Die Ankündigung folgt einem inzwischen vertrauten Schema: Ein KI-Anbieter identifiziert ein teures, schlecht gelöstes Problem in der Industrie und behauptet, sein Modell könne den Kern der Arbeit automatisieren. Dass große Sprachmodelle beim Lesen und Zusammenfassen von Code nützlich sein können, ist unbestritten. Ob Claude Code den spezifischen Anforderungen von COBOL-Migrationen in Produktionsumgebungen gewachsen ist, mit all ihren historischen Sonderlocken, ist eine andere Frage.
Die Antwort darauf werden erst Unternehmen liefern, die es ausprobiert haben.