München setzt künftig auf Open-Source-Software. Ein neues Koalitionsabkommen priorisiert digitale Souveränität und beendet die Abhängigkeit von Microsoft.
München, die Landeshauptstadt des Freistaats Bayern, hat im Rahmen eines neuen Koalitionsvertrages eine wegweisende Entscheidung für die digitale Zukunft der Stadtverwaltung getroffen. Die regierende Koalition unterzeichnete am 13. Mai 2026 ein Abkommen, das Open Source Software zum Standard für die gesamte kommunale Softwarebeschaffung erhebt. Damit unternimmt die Millionenstadt einen erneuten Anlauf, sich aus der Abhängigkeit proprietärer Softwarehersteller zu lösen und die digitale Souveränität ins Zentrum der administrativen Modernisierung zu rücken. Diese Entscheidung markiert einen Wendepunkt in der wechselvollen IT-Geschichte Münchens, die bereits seit zwei Jahrzehnten von Debatten über den Einsatz quelloffener Systeme geprägt ist.
Prinzip Public Money, Public Code
Die Landeshauptstadt gilt international als Pionier und zugleich als Mahnmal für die Einführung von Open-Source-Lösungen in der öffentlichen Verwaltung. Bereits im Jahr 2006 begann die Stadt mit der Umstellung auf LiMux, einer eigens entwickelten, auf Ubuntu basierenden Linux-Distribution. Über ein Jahrzehnt lang wurden schrittweise rund 14.800 Desktop-Arbeitsplätze auf dieses System migriert. Trotz des technischen Erfolgs entschied der Münchner Stadtrat im Jahr 2017 die Rückkehr zu Microsoft Windows. Kritiker sahen darin eine politisch motivierte Entscheidung, während die Verwaltung damals Kompatibilitätsprobleme anführte. Mit dem nun geschlossenen Abkommen im Mai 2026 korrigiert die neue Stadtführung diesen Kurs erneut und setzt konsequent auf herstellerunabhängige Standards.
Ein zentraler Pfeiler der neuen IT-Strategie ist das international anerkannte Prinzip Public Money, Public Code. Dieses besagt, dass Software, die mit Steuergeldern finanziert wird, der Öffentlichkeit auch als Quellcode zur Verfügung stehen muss. Die Stadtverwaltung argumentiert, dass dies nicht nur die Transparenz erhöhe, sondern auch die Innovationskraft fördere, da andere Kommunen und öffentliche Einrichtungen von den Entwicklungen Münchens profitieren können. Durch die Veröffentlichung des Codes wird zudem die Sicherheit erhöht, da Sicherheitslücken durch eine breite Fachöffentlichkeit schneller identifiziert und behoben werden können.
Um den Übergang technologisch und organisatorisch abzusichern, wertet München das bereits 2024 ins Leben gerufene Open-Source Program Office (OSPO) deutlich auf. Diese spezialisierte Abteilung erhält zusätzliche Kompetenzen und Ressourcen, um eine IT-Infrastruktur aufzubauen, die frei von den Beschränkungen proprietärer Anbieter ist. Das Ziel des OSPO ist es, eine Architektur zu schaffen, die auf offenen Schnittstellen und herstellerunabhängigen Standards basiert. Dadurch soll sichergestellt werden, dass einzelne Softwarekomponenten künftig leichter ausgetauscht werden können, ohne das gesamte System gefährden zu müssen. Dies dient primär der Vermeidung von Vendor Lock-ins, also der langfristigen vertraglichen und technischen Bindung an einen einzigen Anbieter.
Wirtschaftliche Vorteile durch wegfallende Lizenzgebühren
Die finanzielle Motivation hinter dem Wechsel ist erheblich. Die Stadtführung erwartet durch den Verzicht auf proprietäre Softwarelösungen signifikante Einsparungen bei den jährlichen Lizenzgebühren. Diese Mittel sollen stattdessen in die lokale IT-Wirtschaft und in die Eigenentwicklung spezifischer Lösungen investiert werden. Während bei Microsoft-Produkten ein Großteil der Wertschöpfung in die USA abfließt, verspricht sich München durch die Beauftragung regionaler IT-Dienstleister für Anpassung und Wartung der Open-Source-Systeme einen positiven Effekt für den heimischen Wirtschaftsstandort. Zudem entfällt der Zwang zu regelmäßigen Hardware-Upgrades, die oft durch neue Versionen proprietärer Betriebssysteme diktiert werden.
Münchens Entscheidung steht nicht isoliert da, sondern ist Teil einer umfassenden europäischen Bewegung hin zu mehr digitaler Autonomie. In einem geopolitischen Umfeld, das durch verschlechterte Beziehungen zur US-Administration unter Donald Trump geprägt ist, suchen europäische Regierungen verstärkt nach Wegen, ihre kritische Infrastruktur abzusichern. Deutschland nimmt hierbei eine Vorreiterrolle ein. Bereits im März 2026 ordnete die Bundesregierung an, dass alle Dokumente des öffentlichen Sektors künftig ausschließlich in offenen Formaten ausgegeben werden dürfen. Proprietäre Formate wie Microsoft Word wurden damit de facto aus der behördlichen Kommunikation verbannt.
Schleswig-Holstein hat bereits 80 Prozent auf Open Source umgestellt
Andere deutsche Regionen haben diesen Pfad bereits erfolgreich beschritten. Das Bundesland Schleswig-Holstein meldete bereits im Jahr 2025, dass 80 Prozent der staatlichen Regierungsarbeitsplätze erfolgreich von Microsoft-Software auf quelloffene Alternativen umgestellt wurden. Auch auf internationaler Ebene ist eine Beschleunigung feststellbar. Zu Beginn des Jahres 2026 verkündeten sowohl die französische als auch die Schweizer Regierung umfassende Pläne, ihre Verwaltungen weg von Microsoft und hin zu Linux-basierten Systemen zu führen. München schließt sich mit seinem aktuellen Beschluss dieser Allianz an, um eine europäische IT-Landschaft zu fördern, die auf Kooperation und offenen Standards statt auf Monopolen basiert.