Nach dem erzwungenen Stopp der Manus-Übernahme durch Meta erlässt China neue Regeln zur Blockade und Rückabwicklung internationaler Tech-Deals.
Der chinesische Staatsrat hat eine umfassende Verschärfung der Vorschriften für Auslandsinvestitionen und grenzüberschreitende Technologieübernahmen bekannt gegeben. Die neuen Richtlinien sollen am 1. Juli 2026 offiziell in Kraft treten und erweitern die Befugnisse der Regulierungsbehörden in Peking erheblich. Die Verordnung reagiert direkt auf die zunehmenden geopolitischen Spannungen im Technologiesektor und schafft erstmals eine lückenlose, formalisierte Rechtsgrundlage, mit der die chinesische Führung bereits vollzogene Auslandstransaktionen rückwirkend zwangsweise rückabwickeln kann.
Dies betrifft insbesondere Transaktionen, an denen chinesische Investoren, geschützte Technologien, sensible Datenbestände oder Belange der nationalen Sicherheit beteiligt sind. Für globale Investoren und Technologieunternehmen, die Akquisitionen in strategischen Branchen wie der künstlichen Intelligenz oder der Halbleiterindustrie anstreben, erhöht sich das regulatorische Compliance-Risiko durch diese Maßnahme drastisch.
Präzedenzfall um die KI-Übernahme von Manus durch Meta
Die Veröffentlichung des neuen rechtlichen Rahmens erfolgt exakt einen Monat nach einem bemerkenswerten regulatorischen Eingriff der chinesischen Behörden im Bereich der künstlichen Intelligenz. Im April 2026 ordnete die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission die Rückabwicklung der laufenden Übernahme des KI-Startups Manus durch den US-Mutterkonzern Meta Platforms an. Die Transaktion besaß ein geschätztes Volumen von zwei Milliarden US-Dollar. Manus, das für die Entwicklung des ersten universellen KI-Agenten bekannt ist, hatte im Vorfeld versucht, seine operative Basis und wesentliche Unternehmensteile nach Singapur zu verlagern, um den strengen inländischen Regulierungen zu entgehen.
Die chinesischen Behörden wandten jedoch das Prinzip der wirtschaftlichen Substanz an und argumentierten, dass die Technologie und die wissenschaftliche Expertise in China entwickelt wurden. Da die Übernahme nach Ansicht Pekings gegen bestehende Gesetze zur Auslandsinvestition und den Schutz nationaler Sicherheitsinteressen verstieß, wurde der Deal blockiert, was Meta dazu zwang, die strategische Integration abzubrechen und die Investition abzuschreiben.
Verbot von Talentströmen und Maßnahmen gegen Singapore-Washing
Die neuen Richtlinien vom Juni 2026 zielen inhaltlich auf eine lückenlose Kontrolle von Datenströmen, geistigem Eigentum und personellen Ressourcen ab. Ein wesentlicher Bestandteil der Verordnung ist das strikte Verbot von grenzüberschreitenden Talenttransfers in sensiblen Technologiesektoren ohne vorherige staatliche Autorisierung. Die chinesische Regierung geht damit gezielt gegen eine Methode vor, die in der Tech-Branche als Singapore-Washing bekannt geworden ist. Hierbei versuchen chinesische Firmengründer, ihre Unternehmen und Kernarbeitskräfte formell in Drittstaaten wie Singapur oder auf die Kaimaninseln umzusiedeln, um internationale Investoren anzuziehen und westliche Sanktionen zu umgehen.
Die Neuregelung stellt klar, dass der Export von beschränkten Gütern, Dienstleistungen, Technologien und den dazugehörigen Datenbeständen auch dann untersagt ist, wenn dieser indirekt erfolgt. Dies umfasst das Entsenden von technischem Personal über die Landesgrenzen, das Organisieren von Arbeitseinsätzen im Ausland, grenzüberschreitende technische Beratung sowie das Arrangieren internationaler Schulungsprogramme.
Vergeltungsmaßnahmen und restriktive Lieferkettenkontrolle
Darüber hinaus stattet die Verordnung den Staatsrat mit weitreichenden Befugnissen zur Durchführung von Sicherheitsüberprüfungen aus. Sollte eine Auslandsinvestition oder ein Vermögenstransfer die nationale Sicherheit gefährden, können die Behörden die Veräußerung von Anteilen anordnen, den Investitionsprozess stoppen und empfindliche Geldstrafen bei Nichtkonformität verhängen. Das Gesetz beinhaltet zudem eine explizite Vergeltungsklausel gegen ausländische Staaten.
Falls eine ausländische Regierung Sanktionen gegen chinesische Technologieunternehmen verhängt oder deren Investitionen einschränkt, besitzt Peking nun die rechtliche Handhabe, im Gegenzug unbeteiligte Akquisitionen oder Handelsaktivitäten von Unternehmen aus diesem Herkunftsland in China vollständig zu blockieren. Diese Maßnahme ergänzt zwei bereits im April 2026 erlassene Dekrete zur Lieferkettensicherheit, die es der Regierung erlauben, Ausreiseverbote für Mitarbeiter ausländischer Unternehmen zu verhängen, wenn diese an der Durchsetzung westlicher Sanktionen gegen China beteiligt sind.
Konsequenzen für die IT-Governance und das IT-Risikomanagement
Die weitreichende Formalisierung der chinesischen Export- und Investitionskontrollen hat unmittelbare Auswirkungen auf das IT-Sicherheitsmanagement, die IT-Governance und das übergeordnete IT-Risikomanagement in international agierenden Unternehmen im Jahr 2026. Da der Technologiestreit zwischen den USA und China die globalen Lieferketten und den Austausch von Softwarekomponenten zunehmend fragmentiert, müssen transnationale Konzerne ihre Beschaffungs- und Kooperationsstrategien grundlegend neu bewerten. Eine zukunftsfähige IT-Governance darf die Übernahme von Software-Assets oder die Zusammenarbeit mit ausländischen Entwicklerteams nicht mehr als rein kommerzielle Prozesse betrachten. Es müssen verbindliche Compliance-Richtlinien implementiert werden, die den geografischen Ursprung von Quellcodes, Algorithmen und des beteiligten Engineering-Personals lückenlos nachverfolgen, um das Risiko plötzlicher staatlicher Blockaden zu minimieren.
Das IT-Sicherheitsmanagement steht vor der Herausforderung, den grenzüberschreitenden Datenverkehr und den Zugriff auf sensible Unternehmensinfrastrukturen streng zu überwachen, da Datentransfers ohne staatliche Autorisierung schwere rechtliche Konsequenzen im asiatischen Raum nach sich ziehen können. Zudem muss das strategische IT-Risikomanagement das Risiko von geopolitischen Zwangsmaßnahmen wie Ausreiseverboten für IT-Personal oder der erzwungenen Rückabwicklung von Technologie-Deals systematisch als operationelles Risiko in die firmenweiten Risikobewertungen einbeziehen. Nur durch eine konsequente Diversifizierung der technologischen Lieferketten, die Einhaltung internationaler Sanktionsvorgaben und den Aufbau autarker Systemlandschaften lässt sich die operationelle Resilienz und rechtliche Konformität der gesamten Organisation dauerhaft und nachhaltig absichern.