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künstliche Intelligenz

Wie sieht die Welt von morgen aus? Wie können wir sie mit intelligenten Lösungen besser machen? Darüber spricht Co-CEO Ana Campos von Trivadis mit Persönlichkeiten, die Antworten haben.

Den Anfang macht der Schweizer KI-Pionier Pascal Kaufmann. Mit der Mindfire Foundation vernetzt Pascal die klügsten Köpfe der Welt – mit einem Ziel: das Prinzip der Intelligenz zu entschlüsseln.

Ana Campos: Du bist seit über 20 Jahren im Bereich künstliche Intelligenz tätig. Was ist dein Fazit aus all den Jahren Forschung und Entwicklung: Was ist «Intelligenz»? Und was «künstliche Intelligenz»?

Pascal Kaufmann: Man weiss immer noch erstaunlich wenig darüber, was Intelligenz genau ist. Vor ein paar hundert Jahren glaubte man ja, dass im Gehirn Zahnräder und kleine Pumpen untergebracht seien, weil damals das Uhrwerk gerade en vogue war. Heute denken viele, dass im Gehirn ein Computer sitzt, den man nur genügend schnell machen müsse und der dann plötzlich intelligent würde. Ich zweifle an diesen Analogien. Interessant finde ich den Ansatz, wonach das Gehirn wahrscheinlich ein Superorganismus ist, der aus Milliarden kleiner Akteure besteht und einfachen Regeln gehorchen könnte – wie eine Ameisen-Kolonie oder ein Fisch-Schwarm. Eines der neusten Konzepte besagt, dass wir eine Art Holobiont sind. Dies bedeutet, dass wir zu 95% aus Mikroorganismen bestehen und nur zu 5% aus eigenen Zellen, welche das Genmaterial der Eltern tragen. Das setzt alles in eine neue Perspektive. Für mich entsteht Intelligenz aus der Interaktion verschiedener elementarer Module. Deshalb sind aus meiner Sicht auch das Internet und eine Ansammlung von Menschen intelligent – oder eben auch eine Vielzahl an Zellen. Intelligenz hat damit zu tun, in einer sich verändernden Welt zu überleben, auf Reize zu reagieren und Ziele zu erfüllen. Über die Prinzipien der Intelligenz hat man qualitativ aber noch ziemlich wenig verstanden.

Schweizer KI-Pionier Pascal Kaufmann (Foto: Pascal Kaufmann)

Du bist von Haus aus Neurowissenschaftler. Was ist das Gehirn für den Menschen? Oder anders gefragt: Was ist der Mensch ohne Gehirn?

Pascal Kaufmann: Ich glaube, dass der Mensch mindestens drei Gehirne hat. Das erste Gehirn ist das, was wir kennen und zwischen den Ohren haben. Das zweite Gehirn ist unsere Kultur. So ist z. B. ein Ortsschild auf der Strasse auch eine Art von externalisierter Intelligenz, die wir an unsere Umgebung auslagern. Genauso wie das Wissen in Büchern, das wir über Generationen hinweg überliefern. Das dritte Gehirn sind die Gene. Es gibt viele Tiere, die bereits bei der Geburt fliegen oder schwimmen können. In den Genen steckt also ziemlich viel Know-how und Erfahrung über die Welt. So gesehen sind wir eine Zusammensetzung aus ganz vielen einzelnen Gehirnen. Dessen sind wir uns nicht wirklich bewusst.
Zum Thema Bewusstsein gibt es zahlreiche Theorien: Persönlich halte ich viel von Julian Jaynes, der in den USA lehrte. Er hatte Ende des 20. Jahrhunderts postuliert, dass das Bewusstsein des Menschen noch gar nicht so lange existiert, vielleicht seit 1500 Jahren vor Christus. Davor waren die Menschen eine Art Automat. Man kann dann ziemlich genau erklären, weshalb es Phänomene wie Religion gibt – oder wie es dazu kommt, dass man Götterstatuen baut. Oder wie das Konzept einer unsterblichen Seele und wie der «Ich»-Begriff entstanden sein könnte. Ich kann das Buch von Jaynes allen empfehlen, die sich für das Thema Bewusstsein interessieren.

Lässt sich der Mensch vollkommen deterministisch «erklären» oder gibt es noch etwas, was darüber hinausgeht?

Pascal Kaufmann: Ich glaube daran, dass wir den Naturgesetzen gehorchen und eigentlich alles erklärbar ist – und alles vorausschaubar wäre, vorausgesetzt, man würde alle Parameter kennen. Dieses Konzept wird auch manchmal als der Laplaceschen Dämon bezeichnet: Was wäre, wenn jemand die Bewegung aller Partikel des Universums kennen würde? Würde er dann die Zukunft voraussagen können?

Wozu dann leben, wenn wir quasi Sklaven der Naturgesetze sind?

Pascal Kaufmann: Das ist, als ob Du sagen würdest: Ich spiele in einem Fussballmatch mit, in dem es Regeln gibt, an die ich mich halten muss – und deshalb möchte ich nicht mitspielen. Es gibt ganz viele Menschen, die Spass daran haben, in einem komplett vordefinierten Computergame mitzumachen. Es besteht viel Reiz darin, innerhalb dieses Regelwerkes möglichst viel zu bewirken und ein gutes Spiel zu spielen. Deshalb gefallen mir wohl auch die Bilder aus der Renaissance, die die Welt als grosses Welttheater abbilden, in dem jeder seine Rolle hat. Dass jeder von uns seine Rolle nach bestem Wissen und Gewissen spielt, erachte ich als sehr wichtig – auch wenn wir wahrscheinlich nur Puppen sind und den Naturgesetzen unterliegen. Die einen sehen die Fäden, andere nicht, was allerdings nichts daran ändert, dass wir den Naturgesetzen unterworfen sind.

Die Populärkultur will uns nicht selten weismachen, dass die Welt mit künstlicher Intelligenz dem Untergang geweiht ist. Was entgegnest du solchen dystopischen Vorstellungen?

Pascal Kaufmann: Wenn man sich die Medien anschaut, gibt es Extrempositionen wie die eines Elon Musk, der künstliche Intelligenz für sehr gefährlich hält, oder die eines Mark Zuckerberg, der begeistert davon ist. Es ist interessant, dass solche Extrempositionen häufig von Leuten vertreten werden, die sich nicht direkt mit der Materie befassen und eher an der Oberfläche kratzen. Man stelle sich vor, die Steinzeitmenschen hätten vor 200'000 Jahren gesagt: «Leute, das Feuer ist gefährlich, lasst es uns wieder ausmachen». Sie haben aber gesagt: «Lass uns das Feuer domestizieren und für uns einsetzen!» Ich glaube, das war ein guter Entscheid. Genauso sollte es sich mit der künstlichen Intelligenz verhalten. Wir müssen künstliche Intelligenz bauen, um die grossen Herausforderungen dieser Zeit zu lösen. Ein einzelnes menschliches Hirn ist gar nicht in der Lage, gewisse aktuelle Probleme vollends zu erfassen und dann noch Lösungen zu entwickeln. Neue Herausforderungen, die allzu lange nicht mit traditionellen Ansätzen gelöst werden können, erfordern neue Lösungen und neue Werkzeuge.

Eines der Projekte der Mindfire Stiftung trägt den Arbeitstitel «Promethia». Prometheus hat den Menschen das Feuer gebracht. Siehst du dich als modernen Prometheus? Wenn ja, warum?

Pascal Kaufmann: Prometheus hat Zeus das Feuer entwendet und damit den Status quo in Frage gestellt und diesen verändert. Nach Prometheus war die Götterwelt nicht mehr die gleiche wie zuvor. Auch die Menschen, so der Mythos der Griechen, seien durch Prometheus geschaffen und inspiriert worden. Prometheus heisst «der Vorausdenkende». Ich befasse mich intensiv damit, wie unsere Welt in Zukunft aussehen könnte oder sollte – und wie wir die Herausforderungen lösen können, die sich uns stellen. Insofern habe ich grosse Sympathien für Prometheus. Ich möchte aber kein Prometheus sein, der über die Jahrtausende hinweg an einen Felsen gekettet wird – davor werde ich mich in Acht nehmen.

Als Kind wolltest du Erfinder einer Zaubermaschine werden, die die Welt verändert. Wie nahe bist du heute an dieser Vision dran?

Pascal Kaufmann: Ich komme der Zaubermaschine jeden Tag ein Stück näher, da ich immer mehr Komponenten zusammenhabe. Insbesondere mit der Starmind-Technologie, die ganz viele intelligente Menschen weltweit zu einer Art Superorganismus vernetzt. Ich setze auch grosse Erwartungen in Virtual-Reality- und Augmented-Intelligence-Technologien.

Pascal Kaufmann, Roboy und Ana Campos im Headquarter der Mindfire Foundation (Quelle: Mindfire Foundation)

Du hast bereits verschiedenste Auszeichnungen gewonnen – darunter «Newcomer of the Year», «Digital Entrepreneur of the Year» und andere. Wer ist der Mensch hinter den Titeln?

Pascal Kaufmann: Ich setze mich für das «Team Mensch» ein, entdecke gerne Neues und ich nehme den Status quo nicht einfach so hin. Wenn mir jemand sagt, etwas sei unmöglich, motiviert mich das eher als dass es mich abschreckt. Wenn Amerika oder der Mond noch nicht entdeckt worden wären, würde ich jetzt in einem Schiffchen resp. einer Kapsel sitzen. Ich möchte Grenzen überschreiten und glaube daran, dass wir eines Tages menschenähnliche künstliche Intelligenz bauen werden können – und auch müssen.

Was bringt dich auf die Palme und was auf den Boden?

Pascal Kaufmann: Auf die Palme bringt mich sehr wenig – da braucht es sehr viel. Frustriert bin ich allerdings von Menschen, die zögerlich und unentschlossen sind und Dinge aufhalten, die eigentlich vorhersehbar und unausweichlich sind. Auf den Boden der Realität bringt mich, wie ängstlich Menschen zum Teil sind – vor allem, wenn es um Neues geht. Und wie häufig man am Status quo festhält. In diesem Zusammenhang ist auch interessant, wie unterschiedlich die Generationen denken. Einen jungen Menschen bewegen ganz andere Motive als einen älteren Menschen, welcher am Ende seiner beruflichen Karriere steht. An Hochschulen orte ich oftmals ein Konflikt der Generationen, wobei junge Forscher teils ganz anders arbeiten und motiviert sind, während eher angestammtere Forschende oft auch höhere Positionen bekleiden und den Status quo gerne verteidigen oder Ideen von vorneherein verwerfen. Das muss sich ändern.

Was macht dich glücklich?

Pascal Kaufmann: Glücklich bin ich dann, wenn ich schwierige Ziele erreiche oder Neues entdecke. Wenn ich sehe, dass man als Team Dinge schaffen konnte, die ein Einzelner nicht hingebracht hätte. Ich bin ein Fan von aussergewöhnlichen Talenten, die Grosses bewegen. Natürlich bin ich immer auch sehr glücklich, wenn ich Zeit mit meinen Liebsten verbringe oder Birnen-Sorbet essen kann.

Wie wünschst du dir die Welt 2040?

Pascal Kaufmann: Ich wünsche mir eine Welt, in der es menschenartige künstliche Intelligenz gibt. In der wir das Prinzip der Intelligenz entschlüsselt haben. Und in der wir mit Technologie die Herausforderungen der Zeit lösen oder gelöst haben. Vielleicht sollte man noch 2-3 Ersatzplaneten organisieren, denn mit 10 Milliarden Menschen scheint es etwas eng zu werden. Ich wünsche mir auch eine Welt, in der es keine Ressourcenknappheit gibt und es allen Menschen gut geht – ein Paradies auf Erden also. Auch wenn diese Vision ambitiös ist, sollten wir diese zumindest anstreben.

Mit Mindfire hast du Zugriff auf ein Netzwerk von zahlreichen Talenten – und damit auf Antworten auf alle möglichen Fragen. Was weiss Pascal Kaufmann noch nicht?

Pascal Kaufmann: Obwohl wir mit Mindfire auf viele Talente weltweit zurückgreifen können, ist das Prinzip des Gehirns noch nicht entschlüsselt. Ich wünschte mir, dass man das Prinzip der Intelligenz bald entschlüsselt hat. Ich möchte wissen, wie das geht – wie man aus einzelnen Zellen ein dermassen intelligentes Organ bauen kann, das in Zusammenspiel mit der Umgebung und einem Körper derart Gigantisches hervorbringt.

Danke für das spannende Gespräch, Pascal!

Das Original-Interview ist hier erschienen.

Pascal Kaufmann, Gründer und Präsident
Pascal Kaufmann
Gründer und Präsident, Stiftung Mindfire
Er hat an der ETH Zürich und an der Northwestern University, IL, USA, Neurowissenschaften studiert und sich auf künstliche Intelligenz spezialisiert. 2010 hat Kaufmann Starmind mitgegründet, ein international erfolgreiches KI-Tech-Startup, das selbstlernende Know-how-Netzwerke für Firmen anbietet. Zudem war er über mehrere Jahre am Bau von humanoiden Robotern und neuronalen Netzwerken am Labor für künstliche Intelligenz an der Universität Zürich beteiligt.

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