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Digitale Stadt

Mittelständische Unternehmen räumten der Digitalisierung bislang keine große Priorität ein. Darauf weisen diverse aktuelle Erhebungen hin. 2018 mutmaßte die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär (CSU) noch, dass die Wirtschaft Handlungsdruck benötige, um sich zu verändern.

Für diesen sorgt seit März das Coronavirus – und wie von Bär vermutet, scheint es einen Digitalisierungsschub ausgelöst zu haben. Nun gilt es, diesen Antrieb zu nutzen. 

Welche strategischen Konsequenzen der Mittelstand ziehen sollte, weiß Wirtschaftsprofessor Gerrit Sames. Er ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt ERP-Systeme (Enterprise-Resource-Planning) an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen und beschäftigt sich schon seit Jahren wissenschaftlich mit der digitalen Transformation im Mittelstand. Seine gesammelten Erkenntnisse bringt er dieses Jahr mit auf den Deutschen IT-Leiter-Kongress (DILK), der vom 28. bis 29. September in Düsseldorf stattfindet. Auf dem Fachkongress für IT-Entscheider und IT-Verantwortliche diskutiert er als Referent die These „Mittelstand im Dornröschenschlaf“ und gibt Anregungen, um die digitale Transformation nicht zu verpassen.

 

Erhebungen zum aktuellen Stand

2018, in dem Jahr, in dem Dorothee Bär den fehlenden Digitalisierungseifer deutscher Unternehmen beklagte, hatte Professor Sames die Ergebnisse einer Umfrage unter mittelständischen Unternehmen zum Stand der Digitalisierung von Geschäftsprozessen veröffentlicht. Sie stützten die Klage der CSU-Politikerin. „Mit 41 Fragen zu Kernprozessen und Unterstützungsprozessen konnten wir feststellen, dass im Mittelstand die Digitalisierung von Geschäftsprozessen noch ziemlich am Anfang steht“, so Sames. Demnach zeigten selbst die Prozesse in der Beschaffung und Produktentwicklung, die insgesamt am weitesten digitalisiert waren, „noch deutliches Ausbaupotenzial“. Die Digitalisierung im Bereich Technik/Facility Management gehörte „überraschend zu den Schlusslichtern“. 

Dieses Jahr widmete sich der Wirtschaftsprofessor dem Stand der Digitalisierung von Geschäftsmodellen mittelständischer Unternehmen. Dafür konzentrierte er sich auf alle wesentlichen Aktivitäten eines Unternehmens, die Mehrwert für die Kunden schaffen und zu Umsatz führen. Denn „da bietet die Digitalisierung einiges an Möglichkeiten“, so Sames – und zwar ohne dass Unternehmen ihr bestehendes Geschäftsmodell prinzipiell infrage stellen müssten. Zu möglichen digitalen Geschäftsmodellerweiterungen gehören etwa

  • digitale Services, wie die Möglichkeit, sich auf verkaufte Produkte beim Kunden aufzuschalten und Vorschläge zur Wartung/Instandhaltung zu machen, 
  • Online-Shops und digitale Showrooms,
  • Online-Plattformen, um zum Beispiel Kunden durch die Erfassung und Analyse von Kundenbetriebsdaten zu unterstützen,
  • die Kundenbetreuung durch elektronische Tools wie Chatbots sowie
  • die Datenaufbereitung und -auswertung.

Wie zuvor die Umfrage mit dem Fokus auf die Geschäftsprozesse deutet auch die Auswertung der Befragung zur Digitalisierung der Geschäftsmodelle darauf hin, dass mittelständische Unternehmen diese nur gering an das digitale Zeitalter angepasst haben. Durchschnittlich weisen sie demnach lediglich einen Digitalisierungsgrad in Höhe von 1,51 auf – maximal möglich wäre der Wert 4,00 gewesen. Mit Ausnahme der Kategorie „Produkte“, die etwa auf die digitale Ausstattung und Konnektivität fokussiert, rangieren die übrigen elf Kategorien „sehr deutlich unter dem Wert 2,0“. „Die Ergebnisse zeigen, dass der Mittelstand nach wie vor das physische Produkt in den Mittelpunkt des Geschäftsmodells stellt“, resümiert Sames. Mit einem Digitalisierungsgrad von 2,28 sei „aber auch hier noch deutlich Luft nach oben“. 

Digitalisierungsgrade von Geschäftsmodell-Erweiterungen
(Grafik: Gerrit Sames/Jessica Lapa)


Kritisches Selbstbild

Übereinstimmend mit diesen Befunden beurteilen auch die Unternehmen in Deutschland selbst ihre Entwicklung im Bereich der Digitalisierung kritisch. Darauf weist eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom hin, die der Verband Anfang des Jahres veröffentlicht hat. Eine deutliche Mehrheit (58 Prozent) der Geschäftsführer und Vorstände beschreibt demnach das eigene Unternehmen bei der Digitalisierung noch als Nachzügler. Drei Prozent meinen sogar, den Anschluss verpasst zu haben. Nur rund jedes dritte Unternehmen hält sich für einen Digitalisierungs-Vorreiter (36 Prozent). 

Etwa ähnlich viele geben an, über eine zentrale Digitalstrategie für das gesamte Unternehmen zu verfügen (38 Prozent) beziehungsweise zumindest in einzelnen Unternehmensbereichen entsprechende Strategien entwickelt zu haben (37 Prozent); fast ein Viertel verzichtet jedoch weiterhin vollständig darauf (23 Prozent). „Analog fahren heißt auf Sicht fahren“, mahnt Bitkom-Präsident Achim Berg. Er fordert: „Unternehmer und Manager müssen ihre Geschäftsmodelle quer durch alle Branchen und Größenordnungen noch konsequenter digitalisieren.“

Selbsteinschätzung der Geschäftsführenden und Vorstände der Unternehmen (Grafik: bitkom)

 

Geringere Investitionen

Das bislang eher geringe Digitalisierungsinteresse des Mittelstands zeigt sich auch anhand der durchschnittlichen Ausgaben. Laut dem „KfW-Digitalisierungsbericht Mittelstand 2019“ gab der gesamte deutsche Mittelstand im Jahr 2018 zwar insgesamt rund 19 Milliarden Euro für die Digitalisierung aus, gleichzeitig flossen jedoch 34 Milliarden Euro für traditionelle Innovationen und 220 Milliarden Euro für Investitionen in Gebäude, Maschinen, Einrichtungen und ähnliches. 

Nach einer Einschätzung der Chefvolkswirtin der KfW Bankengruppe, Dr. Fritzi Köhler-Geib, wird nun allerdings die Corona-Krise „als Beschleuniger der digitalen Transformation im Mittelstand wirken“. Denn gerade jetzt zeige sich besonders, welche Wettbewerbsvorteile sich durch digitalisierte Geschäftsmodelle, Produkte und Prozesse ergeben. In vielen Fällen ermöglichten sie, dass Unternehmen ihren Geschäftsbetrieb trotz der Corona-Beschränkungen weiterführen konnten. „Viele Unternehmen sind plötzlich zur Digitalisierung gezwungen: Sie probieren Homeoffice und virtuelle Zusammenarbeit aus, etablieren in Zeiten geschlossener Läden und Gaststätten einen digitalen Vertrieb oder ersetzen papierbehaftete Arbeitsprozesse durch digitale“, so Köhler-Geib. Sie ist sich sicher: „Vieles davon wird nach der Krise bleiben – und sich verstärken.“

 

Strategische Konsequenzen

Mit Blick auf seine Umfrageergebnisse zur Digitalisierung der Geschäftsmodelle hat Wirtschaftsprofessor Gerrit Sames strategische Konsequenzen für mittelständische Unternehmen ausgearbeitet. Denn: „Weitere Digitalisierungsmaßnahmen […] sind dringend geboten, um die noch gute Position im globalen Wettbewerb zu halten“, wie es in der Ausarbeitung zur Umfrage heißt. Vor diesem Hintergrund rät Sames dem Mittelstand, seine Geschäftsmodelle „unbedingt um Aspekte digitaler Services“ zu ergänzen sowie digitale Konfiguratoren für individualisierte Produkte einzuführen. Außerdem sollten Unternehmen Online-Shops und digitale Showrooms einrichten, die Digitalisierung im Bestands-/Ersatzteilmanagement sowie im Instandhaltungsservice vorantreiben und die vielfältigen Möglichkeiten von Plattformen erschließen.

www.deutscher-it-leiterkongress.de

 


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