Ersetzen oder ergänzen?

Wo deutsche Software-Alternativen heute realistisch sind

Made in Germany
Bildquelle: Bartolomiej Pietrzyk/Shutterstock.com

Deutsche Software-Alternativen sind in mehreren Enterprise-Kategorien angekommen, doch CIOs müssen konkret entscheiden: ersetzen, ergänzen oder selbst bauen.

Digitale Souveränität ist längst eine handfeste strategische Frage für CIOs. Spätestens mit zunehmenden geopolitischen Spannungen, regulatorischen Anforderungen wie DSGVO und NIS2 sowie der Diskussion um den US CLOUD Act rücken Vendor-Lock-ins und technologische Abhängigkeiten von US-Softwareanbietern stärker in den Fokus. Die zentrale Frage lautet: Gibt es im Enterprise-Umfeld heute realistische Software-Alternativen „Made in Germany“ – und wenn ja, wo?

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Ein differenzierter Blick zeigt: In einigen Kategorien haben deutsche und europäische Anbieter inzwischen ein Niveau erreicht, das echte Wahlfreiheit ermöglicht. In anderen Bereichen bleibt die Abhängigkeit von US-Stacks jedoch hoch. Einen Eindruck liefert der aktuelle OMR Reviews Top 100 Report, der die 100 beliebtesten B2B-Software-Tools im DACH-Raum auf Basis tausender verifizierter Nutzerbewertungen analysiert. Dabei zeigt sich: Europäische Softwareanbieter sind in mehreren zentralen Kategorien präsent. 73 der 100 gelisteten Anbieter stammen aus dem DACH-Raum. 

Wo deutsche Alternativen heute realistisch sind

1. Collaboration & Workplace Tools
Im Bereich Collaboration – etwa Projektmanagement, interne Kommunikation oder Dokumentenmanagement – haben sich deutsche Anbieter stark positioniert. Lösungen mit Hosting in Deutschland oder der EU erfüllen hohe Datenschutzanforderungen und bieten funktional vieles, was im Enterprise-Alltag benötigt wird.

In Bereichen wie Projektmanagement, Desk- & Workplace-Management oder Meeting-Organisation werden zunehmend mehrere deutsch/europäische Tools parallel eingesetzt. Themen wie EU-Datenverarbeitung und klare Auftragsverarbeitung sind dabei eher Grundvoraussetzung als Differenzierungsmerkmal.

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Beispiele reichen von Projektmanagement-Tools wie awork bis hin zu Workplace-Lösungen für Desk-Booking oder Meeting-Organisation, die sich funktional nicht hinter globalen Suiten verstecken müssen. Der entscheidende Vorteil: transparente Datenverarbeitung, klare AV-Verträge und geringere rechtliche Unsicherheiten. Gerade in regulierten Branchen sind diese Faktoren oft wichtiger als einzelne Komfortfunktionen globaler Plattformen.

2. Security & Identity
Auch im Security-Umfeld – etwa bei Identity- & Access-Management, Endpoint-Security oder Verschlüsselung – spielen deutsche Anbieter längst in der ersten Liga. Hier profitieren sie von jahrzehntelanger Erfahrung im behördlichen und industriellen Kontext.

Security muss von Anfang an Kernbestandteil der IT-Architektur sein. Deutsche Lösungen punkten hier häufig mit Zertifizierungen, nachvollziehbaren Sicherheitsarchitekturen und klaren Verantwortlichkeiten, was in Audit- und Compliance-Situationen ein echter Vorteil ist. 

3. Data Infrastructure & Analytics (teilweise)
Im Bereich Data Warehousing, ETL oder Business Intelligence gibt es leistungsfähige europäische Alternativen, die besonders bei Datenhoheit und Compliance Vorteile bieten. 

Für Mittelständler und Fachabteilungen mit eigenen Technologie-Stacks sind diese Lösungen sehr gute Alternativen – teilweise sogar besser integrierbar in bestehende On-Prem- oder Hybrid-Setups.

Besonders deutlich wird das bei analytischen Anwendungen, die näher an operativen Prozessen angesiedelt sind, etwa bei Prozessanalysen oder BI-nahen Auswertungen. Hier entstehen europäische Lösungen, die sich gezielt in bestehende On-Prem- oder Hybrid-Landschaften integrieren lassen, ohne den Anspruch zu erheben, globale Data-Plattformen vollständig zu ersetzen.

Wo die Abhängigkeit von US-Anbietern bleibt

So eindeutig die Fortschritte sind: Es wäre unrealistisch, zu behaupten, dass US-Software heute flächendeckend ersetzbar ist.

1. Hyperscaler & Cloud-Plattformen
AWS, Microsoft Azure und Google Cloud bilden das Rückgrat moderner IT-Infrastrukturen. Ihre globale Skalierung, Service-Tiefe und das Ökosystem an Integrationen sind aktuell nicht gleichwertig ersetzbar. 

Europäische Alternativen wie StackIT der Schwarz Gruppe zeigen jedoch, dass für viele Anforderungen realistische Optionen existieren. StackIT bietet ein solides Portfolio von Managed Open-Source-Lösungen – von Compute, Storage und Datenbanken über Kubernetes bis hin zu KI-Services – inklusive einem Marketplace für Drittanbieter-Lösungen. In Breite und Tiefe erreicht das Angebot nicht das Niveau der US-Hyperscaler, deckt aber die Anforderungen moderner Cloud-Anwendungen ab – EU-konform und ohne die rechtlichen Unsicherheiten globaler Plattformen.

Solche europäischen Angebote sind kein Gegenentwurf zu Hyperscalern, sondern bewusste Alternativen für Unternehmen, bei denen Datenhoheit, regulatorische Klarheit und Unabhängigkeit von US-Rechtsräumen wichtiger sind als maximale Ökosystemtiefe.

2. Developer- & AI-Ökosysteme
Gerade im Bereich KI, DevOps und Plattform-Engineering profitieren US-Anbieter von enormen Netzwerkeffekten. Frameworks, Libraries und Community-Support entstehen häufig dort zuerst. Für Unternehmen mit starkem Entwicklerfokus ist ein kompletter Wechsel daher mit erheblichen Opportunitätskosten verbunden.

Die entscheidende Frage: Ersetzen oder ergänzen?

In der Praxis geht es bei Software-Entscheidungen immer um die konkreten Folgen: Entscheidend ist nicht zwingend, ob ein Tool aus den USA kommt, sondern wo dadurch echte Abhängigkeiten entstehen.

Das heißt:

  • Replace: Dort, wo es um standardisierte Prozesse geht und wo Vertragsklarheit, Datenresidenz und Auditierbarkeit wichtiger sind als maximale Ökosystemtiefe. Typisch sind horizontale „Office-nahe“ Use Cases wie Workplace-Organisation, Dokumenten- und Vertragsprozesse oder operative Kollaboration.
  • Complement: Wenn globale Plattformen unverzichtbar bleiben, aber sensible Daten, kritische Workflows oder Compliance-relevante Artefakte bewusst ausgekoppelt werden. Das ist oft der effektivste Weg, Abhängigkeiten zu reduzieren, ohne Produktivität zu verlieren: z. B. „Core bleibt auf der Plattform, aber Vertrags-/Signaturflüsse oder bestimmte Datendomänen werden souverän betrieben“. Wichtig ist dabei: nicht nur „Daten auslagern“, sondern Zugriffe, Logs und Aufbewahrung sauber trennen.
  • Build: Wenn ein Thema strategisch differenziert (Wettbewerbsvorteil) oder regulatorisch so speziell ist, dass Standardsoftware nicht passt. Dann lohnt sich Eigenbau – aber nur, wenn klare Grenzen gezogen werden: schlanke Domänenservices, standardisierte Schnittstellen, kein „Shadow-Hyperscaler“. Build ist weniger eine Tool- als eine Operating-Model-Entscheidung.
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Die wichtigsten Trade-offs, die CIOs kennen sollten

Ein Wechsel zu deutschen/europäischen Lösungen kann Souveränität erhöhen, aber er verschiebt Kosten und Risiken. Wichtig ist, Trade-offs konkret zu machen:

  • Integration: Entscheidend ist, wie tief Integrationen sind (SSO/SCIM, Event-Streaming/Webhooks, API-Rate-Limits, Admin-APIs). Je stärker Automatisierung und Identitätsmanagement an proprietären US-Stack Lösungen hängen, desto höher die Switching Costs. e.g. AWS Lambda oder GCP Cloud Functions.
  • Skalierung: Relevant sind nicht nur „Lastspitzen“, sondern globale Latenz, Multi-Region-Resilienz und Service-Tiefe (Observability, ML/AI-Services, Managed Datastores). Hier bleibt der Abstand zu Hyperscalern real  – entscheidend vor allem bei globalen Workloads.
  • Hiring: Nicht “Kennt jemand das Tool?”, sondern: Wie groß ist der Talent-Pool? Kleinere Anbieter bedeuten längere Onboarding-Zeiten und schwierigere Nachbesetzungen bei DevOps, Security und Compliance-Rollen – verschärft dadurch, dass AI-Assistenten bei weniger verbreiteten Tools kaum Training-Daten haben und die Entwickler-Produktivität entsprechend weniger unterstützen.
  • Innovationstempo: Entscheidend ist, wo du Innovation brauchst: UI-Features sind selten kritisch; relevant ist, wie schnell ein Anbieter APIs, Compliance-Anforderungen und Plattformkompatibilität weiterentwickelt.
  • Exit-Fähigkeit: Oft unterschätzt werden Datenexport, Portabilität von Konfigurationen, Lock-in-Mechanismen in Vertrags- und Preismodellen sowie Kündigungsfristen.. Souveränität heißt am Ende: rauskommen können, wenn sich Anforderungen ändern.

Digitale Souveränität ist eine Architekturfrage

Deutsche Software-Alternativen sind kein Nischenthema mehr. In mehreren Enterprise-Kategorien sind sie realistische, leistungsfähige Optionen, die Unternehmen echte Handlungsspielräume eröffnen. Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit von US-Anbietern dort bestehen, wo Skalierung, Ökosysteme und Innovationsgeschwindigkeit entscheidend sind. Wer seine Tool-Landschaft datenbasiert analysiert, Abhängigkeiten kennt und Trade-offs offen bewertet, gewinnt nicht nur mehr Kontrolle, sondern auch strategische Flexibilität.

Calvin I. Dudek

Calvin I.

Calvin I. Dudek

Vice President für Engineering und Produkt

OMR Reviews

Calvin I. Dudek arbeitet an der Schnittstelle von Technologie, Produktentwicklung und Daten. Als Tech-Unternehmer und ehemaliger Startup-Mentor am Google Campus bringt er breite Erfahrung aus Softwareentwicklung, Produktmanagement und Datenanalyse mit.
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