Unternehmen sind dann mit KI nachhaltig erfolgreich, wenn sie sich kulturell darauf einstellen. Für Führungskräfte gilt es, den herausfordernden Veränderungsprozess voranzutreiben – ohne dabei die Mitarbeitenden auf dem Weg zu verlieren.
KI ist eine disruptive Technologie, an die hohe Erwartungen, aber auch große Sorgen geknüpft sind. Eine echte Führungsaufgabe. Es ist Zeit über Data & AI Leadership zu sprechen. Unter Data & AI Leadership verstehen wir die Fähigkeit von Führungskräften und Organisationen, datengetriebene und KI-gestützte Strategien gezielt einzusetzen, um Geschäftsziele zu erreichen und Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Mit guter Führung KI-Hemmnisse abbauen und mit Risiken besser umgehen
Wenn wir uns anschauen, was Unternehmen als größte Hemmnisse für die Adoption von KI auflisten, sehen wir, dass viele der genannten Gründe durch gute Führung abgebaut werden können.

Mitarbeitenden. Mögliche Risiken sind z.B. eine Veränderung der kognitiven (Denk)Leistung durch den häufigen Einsatz von Sprachmodellen, Erschöpfung und Burnout als Folge davon, dass die durch KI gewonnene Arbeitszeit mit immer mehr neuen Aufgaben gefüllt wird, auch abseits der eigenen Kompetenzbereiche und schließlich ein verstärkter Leistungsdruck auf Mitarbeitende durch die KI als Konkurrent in ihrem Arbeitsumfeld.
Die KI-Einführung als Change-Prozess
Um sich diesen Herausforderungen als Führungskraft zu stellen, ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Einführung von KI ein Change-Prozess ist, der begleitet und moderiert werden muss. Radikale Ansätze wie das über Accenture berichtete Beförderungsverbot für KI-Verweigerer versprechen keine nachhaltigen Fortschritte in diesem Transformationsprozess. Geeignete Modelle, um sich Change- oder Transformationsprozesse vor Augen zu führen, liefert die Psychologie, z.B. das House of Change des Psychologen Claes F. Janssen. Er bezeichnet einen Veränderungsprozess als ein Haus mit vier Räumen. Wichtig für Führungskräfte zu verstehen ist, dass es keine Abkürzungen durch das Haus gibt, dass alle Mitarbeitenden durch das Haus gehen, dies aber in unterschiedlichen Geschwindigkeiten tun und sich entsprechend in unterschiedlichen Räumen befinden. Dies gilt in besonderem Maße für eine so disruptive Technologie wie KI.

Die Arbeit mit dem House of Change kann Führungskräften dabei helfen, ein Verständnis für die Mitarbeitenden und bessere Anknüpfungspunkte für individuelle Unterstützungsleistungen zu finden. Insgesamt hilft es in der Organisation sich über eine Veränderung auf der Metaebene zu unterhalten und stärkt dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Ein paar Tipps, wie man Mitarbeitenden bei der KI-Einführung in den unterschiedlichen Räumen begegnen kann:
- Raum der Zufriedenheit: Informationen so früh wie möglich teilen, Entscheidungen und ihre Hintergründe aufzeigen, offene und direkte Kommunikation und den Bedarf für den Wandel aufzeigen.
- Raum des Widerstands: Einen Dialog ermöglichen, nichts schönreden und Gefühle ernst nehmen, aber auch wenn notwendig klar aufzeigen, dass es kein Zurück zum Status Quo gibt.
- Raum der Verwirrung: Möglichkeiten zum Ausprobieren und Mitgestaltung schaffen, Eigenverantwortung und Selbstorganisation fördern, aber auch Rollen und Verantwortlichkeiten klären und kurzfristige Ziele setzen.
- Raum der Erneuerung: Weiter zur Eigenverantwortung ermutigen, neue Kompetenzen stärken, Einführung eines Austauschs zu Best Practices.
Die Produktivität steigt dann, wenn sich Unternehmen kulturell auf KI einstellen
Wenn Sie KI in Ihrem Unternehmen einführen, sollte nicht erwartet werden, dass sich Produktivitätszuwächse unmittelbar einstellen. Warum dies so ist, erklärt das von dem Wirtschaftswissenschaftler Erik Brynjolfsson beschriebene Produktivitätsparadoxon. Es beschreibt, dass bei allen Einführungen bahnbrechender Technologien nach kurzer Zeit eine Verschlechterung der Produktivität zu beobachten war, die Produktivität sinkt zunächst unter das Niveau des Status Quo, steigt aber nach einem Tal wieder an. Das Tal wird durchschritten, sobald eine kulturelle Anpassung an die Innovation erfolgt ist.

Was braucht moderne Führung im Daten- und KI-Zeitalter?
Gute Führung im KI-Zeitalter lässt sich entlang von drei Dimensionen beschreiben: Können, Dürfen und Wollen. Alle drei sind notwendig – keine reicht für sich allein aus.
Können: Chancen und Risiken von KI erkennen können
Das Können beginnt mit Data Literacy, der Fähigkeit, Daten nicht nur zu lesen, sondern ihren Bedeutungsgehalt, ihre Struktur und ihre Auswirkungen zu verstehen, sie methodisch zu analysieren und die Ergebnisse verständlich zu kommunizieren. Darüber hinaus benötigen Führungskräfte Kompetenzen im Veränderungsmanagement: Sie müssen Sorgen und Ängste ihrer Mitarbeitenden ernst nehmen und konkrete Entwicklungsperspektiven und Upskilling-Pfade aufzeigen. Entscheidend ist außerdem eine strategische Antizipationsfähigkeit, also die Fähigkeit, den Business Value von KI-Anwendungen zu erkennen und statt technologischer Faszination ein klares ROI-Denken anzuwenden. Ergänzt wird das durch ethisches und rechtliches Urteilsvermögen: das Verständnis für Diskriminierungsrisiken und die Fähigkeit, Leitplanken für eine verantwortungsvolle Daten- und KI-Nutzung zu setzen.
Dürfen: Die richtigen Rahmenbedingungen schaffen
Das Dürfen betrifft die organisationalen Rahmenbedingungen, die Führungskräfte aktiv gestalten müssen. Eine Fehlerkultur, die Innovation ermöglicht, gehört ebenso dazu wie die Schaffung von Sandboxes, in denen Teams mit KI experimentieren dürfen. Führung heißt auch, sich für den flächendeckenden Zugang zu State-of-the-Art KI-Technologien und relevanten Daten einzusetzen – und dabei Schatten-IT aktiv zu identifizieren und abzulösen. Entscheidungsstrukturen sollten Bottom-up-Bewegungen Raum geben und kurze Iterationszyklen statt starrer Pläne begünstigen. Schließlich braucht es einen verlässlichen Rahmen durch Data-Governance- und KI-Richtlinien, die den Implementierungsprozess systematisch begleiten.
Wollen: Offenheit, Experimentierfreude und die Mitarbeitenden im Mittelpunkt
Das Wollen schließlich ist die vielleicht wichtigste und gleichzeitig am schwierigsten einzufordernde Dimension. Offenheit und Experimentierfreude – das heißt Schnelligkeit und Agilität bei der Erprobung neuer Lösungsansätze statt permanentem Streben nach Perfektion, sind ebenso gefragt wie die Bereitschaft, probabilistischen Ergebnissen zu vertrauen, auch wenn sie dem eigenen Bauchgefühl widersprechen. Führungskräfte müssen Silos aktiv aufbrechen und Kollaborationen über Rollen und Abteilungen hinweg fördern. Lebenslanges Lernen ist keine Phrase mehr, sondern gelebte Notwendigkeit. Und letztlich muss Führung im KI-Zeitalter zutiefst menschenorientiert bleiben: Mitarbeitende stehen im Mittelpunkt von Entscheidungen, Technologieeinsatz und Organisationsgestaltung. Technologie dient dem Menschen – nicht umgekehrt.
Moderne Führung im Daten- und KI-Zeitalter erfordert eine besondere Balance: die Fähigkeit, einen klaren Rahmen zu setzen und gleichzeitig innerhalb dieses Rahmens Freiheit, Kreativität und Experimente zuzulassen. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch, ist aber genau die Spannung, in der Innovation entsteht. Zu viel Kontrolle erstickt das Neue, zu wenig Orientierung lähmt die Organisation. Führungskräfte, denen diese Balance gelingt, schaffen ein Umfeld, in dem Mitarbeitende sowohl Sicherheit als auch den Mut spüren, neue Wege zu gehen.