Hybrid-IT unausweichlich – reine Cloud-Architekturen schon

Hybrid-IT hat viele Gesichter

Hybrid-IT hat viele Gesichter

Darin sind sich alle einig: Hybrid-IT und Hybrid-Cloud sind jetzt schon weit verbreitet und werden in Zukunft noch wichtiger. Der Haken: Was Hybrid-IT und Hybrid-Cloud eigentlich sind, hängt von der Perspektive ab.

Der Begriff »hybrid« taucht in den vergangenen Jahren immer häufiger auf. Erst waren es hybrid angetriebene Fahrzeuge – also Autos mit zwei unabhängigen Kraftquellen –, dann erfasste die Hybridisierung auch die IT – mit Hybrid-IT, Hybrid-Cloud, Hybrid-Workplace und hybriden Meetings. Davor wurde der Begriff vor allem in der Biologie und da insbesondere in der Pflanzenzucht verwendet. Da bezeichnete er ein Individuum, das aus einer Kreuzung zwischen verschiedenen Arten, Unterarten, Zuchtlinien oder Rassen hervorgegangen ist – ist letztlich also der Fachbegriff für einen Mischling oder eine Kreuzung aus zwei Arten.

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Kompliziert wird es in der IT, weil diese »zwei Arten« ganz unterschiedliche Aspekte der IT-Nutzung sein können. Beim Meeting sind es etwa die Teilnahme vor Ort und per Videokonferenz. Das ist weitgehend Konsens. In Bezug auf hybride IT- und Cloud-Nutzung gehen die Meinungen jedoch teilweise deutlich auseinander.

Hybrid-IT, Hybrid-Cloud und Multi-Cloud

In Bezug auf Hybrid-Cloud sieht etwa die Definition von VMware (die nahezu mit der von Google identisch ist) so aus. »Eine Hybrid-Cloud ist ein Cloud-Computing-Modell, das eine Kombination aus mindestens einer Private-Cloud und mindestens einer Public-Cloud verwendet, die zusammen eine flexible Mischung aus Cloud-Computing-Services bereitstellen.« Intel präzisiert diese Definition durch die Ergänzung: »Eine Hybrid-Cloud kombiniert öffentliche und private Cloud-Umgebungen, indem sie die gemeinsame Nutzung von Daten und Anwendungen zwischen ihnen ermöglicht. Das hilft Ihnen dabei, Dienste nahtlos zwischen der Infrastruktur vor Ort und in der Cloud zu verschieben.«

Diese Definitionen sind genauer als die eher vagen Beschreibungen, wie sie andere Firmen verwenden. So kann zum Beispiel für den Cloud-Anbieter Ionos der Begriff Hybrid-Cloud sowohl eine Mischform aus einem traditionellen Rechenzentrum und einer Public-Cloud als auch die Kombination aus einer Private-Cloud und einer Public-Cloud umfassen. Kennzeichnen ist hier lediglich, dass sich teilweise Daten und Anwendungen beim Unternehmen vor Ort und teilweise auf den Servern eines speziellen Anbieters befinden – wobei allerdings nur mit einem Systemen gearbeitet wird, damit man Daten nicht von einer zur anderen Lösung migriert werden müssen.

IBM denkt ähnlich und drückt das prägnant so aus: »Die Hybrid-Cloud kombiniert und vereinheitlicht Public-Cloud, Private-Cloud und On-Premises-Infrastruktur, um eine einzige, flexible und kostenoptimierte IT-Infrastruktur zu schaffen.« NetApp schließt sich in seiner Definition dieser Auffassung an: »Eine Kombination aus Public-Clouds, On-Premises-Computing und Private-Clouds in Ihrem Datacenter bedeutet, dass Sie über eine Hybrid-Cloud-Infrastruktur verfügen.«

Auch Microsoft teilt diesen Standpunkt, setzt aber »lokales Rechenzentrum« schon automatisch mit einer Private-Cloud gleich und ergänzt: »Zuweilen wird Hybrid-Cloud so definiert, dass darunter auch Konfigurationen für eine Multi-Cloud fallen, bei der Organisationen neben ihrem lokalen Rechenzentrum mehrere öffentliche Clouds nutzen.« Was bei Microsoft schon Multi-Cloud heißt, ist bei Citrix dagegen noch Hybrid-Cloud: »Hybrid-Cloud ist eine Lösung, die eine private Cloud mit einem oder mehreren öffentlichen Cloud-Diensten kombiniert, wobei proprietäre Software die Kommunikation zwischen jedem einzelnen Dienst ermöglicht.«

Klare Trennung von Hybrid-IT und Hybrid-Cloud

Man sieht: Die Begrifflichkeiten verwischen bei näherer Betrachtung immer stärker. Weitere Definitionen werden daher nicht mehr Klarheit bringen. Hilfreich ist es dagegen, einen Schritt zurückzutreten. Das tut etwa Software-Anbieter BMC. Er unterscheidet zwischen Hybrid-Cloud und Hybrid-IT folgendermaßen:

  • Eine hybride Cloud-Umgebung kombiniert private und öffentliche Cloud-Umgebungen.
  • Eine hybride IT-Umgebung ermöglicht es, traditionelle Rechenzentrums-Infrastruktur vor Ort Seite an Seite mit Cloud-Umgebungen zu betreiben.

Diese Unterscheidung ist sinnvoll, da längst nicht jede traditionelle Rechenzentrums-Infrastruktur schon eine private Cloud ist und bei deren Verknüpfung mit Cloud-Diensten ganz andere Anforderungen auf die Unternehmen zukommen, als wenn sie auf Cloud-Technologie aufgebaute Infrastrukturen verknüpfen oder etwa identische Hard- und Software einsetzen, die nur an unterschiedlichen Orten steht und womöglich von unterschiedliche Personen betrieben wird.

Multi-Cloud wäre dann ausschließlich die Nutzung mehrere Cloud-Anbieter – und zwar nicht für unterschiedliche Aufgaben, sondern als gegenseitige Ergänzung. Microsoft 365 und Salesforce zu nutzen, Testdaten bei AWS zu analysieren, SAP in der IBM-Cloud zu betreiben und Backup-as-a-Service bei einem anderen Cloud-Anbieter wäre dieser engen Definition zufolge also noch kein Multi-Cloud-Ansatz. Dazu müsste zum Beispiel das Backup von Daten aus Microsoft 365 bei einem anderen Cloud-Anbieter liegen und vielleicht noch das Disaster-Recovery auf eine andere Instanz bei einem Anbieter geplant sein, der Microsoft 365 bei sich hostet.

Die ganz auf die Bereitstellungsform ausgerichtete Definition des Bitkom für hybride IT hat sich nicht durchgesetzt – auch wenn sie interessante Ansatzpunkte für eine strategische Herangehensweise an die Beschaffung von IT bietet und neben dem schon etwas älteren Plädoyer für Hybrid-IT von HPE als eine der wenigen Definitionen von den rein technischen Aspekten löst. Sie lautet: »In einer hybriden IT werden Services in beliebiger Kombination aus Make (selbst erbracht) und Buy (vom Dienstleister in beliebiger Form bereitgestellt) zur Verfügung gestellt.«

Mit dieser Grafik stellt der Bitkom Aspekte dar, die bei Auswahl und Planung von Anwendungen und Services für unterschiedliche Use-Cases zu beachten sind. Sie ist von innen nach außen zu lesen und beschreibt »Hybrid-IT« als Kombination aus »make« und »buy« (Grafik: Bitkom).
Mit dieser Grafik stellt der Bitkom Aspekte dar, die bei Auswahl und Planung von Anwendungen und Services für unterschiedliche Use-Cases zu beachten sind. Sie ist von innen nach außen zu lesen und beschreibt »Hybrid-IT« als Kombination aus »make« und »buy« (Grafik: Bitkom).
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Hybrid-IT ist unvermeidlich

»Gerade große Firmen prüfen immer wieder ihre Cloud-Fähigkeit«, sagt Stefan Roth, Head of Storage bei Fujitsu. »Viele davonkommen aber auch immer wieder zum Schluss, dass sich der Schritt komplett nicht lohnt. Manche gehen sogar wieder zurück – nicht nur in Deutschland.« Das 2010 vom damaligen Microsoft-Chef Steve Ballmer als Ziel ausgegebene »All in bei der Cloud« hat sich also für den Software-Konzern gelohnt, ist aber nicht das Allheilmittel  für alle Firmen.

Einerseits nimmt die Nutzung von Cloud-Diensten zwar weiter stark zu – etwa von Microsoft 365. Andererseits kann nicht alles direkt in die Cloud wandern. Für Fujitsu-Manager Roth sind die starke Zunahme bei IoT und Edge dafür gute Beispiele: »Wenn man sich einmal genauer anschaut, wo das immer wieder konstatierte Datenwachstum herkommt, dann sieht man, dass ein immer größerer Anteil der neu hinzukommenden Daten dezentral entsteht. Das ist den Technologien geschuldet, die für die Digitalisierung genutzt werden.«

Konkrete Beispiel für das Datenwachstum am Edge gebe es viele, etwa in der Produktion, und überall dort, wo Sensordaten generiert werden. »Die wollen Firmen immer öfter in Echtzeit verarbeiten – vor allem, wenn mit Machine Learning und KI gearbeitet wird«, sagt Roth. »Dafür müssen die Daten sehr schnell wieder gelesen, verarbeitet und Entscheidungen getroffen werden. Das geht oft schon aufgrund der Latenzzeiten nicht in der Cloud. Deshalb sehen wir in diesen Szenarien bei immer mehr Kunden Edge-Computing und beim Edge-Computing den Bedarf für eigene Hardware.«

Allerdings ist Edge-Computing lediglich der Überbegriff für unterschiedliche Szenarien mit verteilten Infrastrukturen – die manchmal in sich geschlossen sind – und die natürlich dennoch Daten mit anderen Standorten oder Diensten austauschen. Kennzeichen für Edge-Computing ist aber, dass die wesentliche Erzeugung und Verarbeitung der Daten vor Ort erfolgt, was ganz ohne Hardware eben nicht geht.

Den in ihren Einrichtungen verbleibenden Teil der Infrastruktur nicht vollkommen selbst verwalten zu müssen, ist für viele Firmen attraktiv: Einerseits angesichts des Fachkräftemangels, andererseits aber auch aufgrund der Ausrichtung der IT-Abteilungen auf das Management hybrider Strukturen, statt auf das Management der Hardware. Hier schließt sich dann der Kreis: Die von der Cloud-Nutzung bekannten, nutzungsabhängigen Abrechnungsmodelle werden immer häufiger auch für vor Ort genutzte Hardware erwartet.

Die Hersteller haben das erkannt. Die Angebote dafür heißen etwa Apex (Dell Technologies), Evergreen (Pure Storage) Greenlake (HPE) oder uSCALE (Fujitsu) und eignen sich mit zunehmender Reife auch immer besser für mittelständische Unternehmen (lesen Sie hierzu auch unser Interview mit Fujitsu-Experten Stefan Roth). Zudem werden sie zunehmend nicht nur von den Herstelllern und ihren Service-Organisationen direkt, sondern auch über deren Vertriebspartner angeboten. Damit haben Firmen dann die Möglichkeit, bei ihrem Weg zu hybrider IT mit den bekannten, bewährten, lokalen Dienstleistern zusammenzuarbeiten. Dabei lohnt sich dann doch wieder ein Blick auf die Hybrid-IT-Definition des Bitkom: Denn dann geht es bei Hybrid-IT nicht nur darum, wo genutzte Ressourcen stehen, sondern auch von wem sie betrieben werden.

In einer aktuellen, weltweiten Umfrage von IBM sagten 77 Prozent der Befragten, dass sie in ihrem Unternehmen ein Hybrid-Cloud-Konzept eingeführt haben. Die Mehrheit davon hatte jedoch Schwierigkeiten mit der Komplexität, die damit verbunden ist, mehrere Cloud-Umgebungen zusammenarbeiten zu lassen. »Da Unternehmen mit Qualifikationslücken, Sicherheits-Herausforderungen und Compliance-Hindernissen konfrontiert sind, verwalten weniger als ein Viertel der Befragten auf der ganzen Welt ihre Hybrid-Cloud-Umgebungen ganzheitlich – und das kann zu blinden Flecken führen und ein Risiko für Daten darstellen«, erklärt IBM. Von Anfang an die Möglichkeiten zu bedenken, die die Zusammenarbeit mit Dienstleistern mit Erfahrung bei diesen Aufgaben oder die Abgabe einiger dieser Aufgaben an Hersteller bieten, kann helfen, diese Komplexität zu bewältigen.

Weiterführende Links:

Peter Marwan, speicherguide.de

Peter Marwan

speicherguide.de -

Redaktion

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