Stromnachfrage steige strukturell

RWE-Chef: Tech-Konzerne sollen Netzausbau mitfinanzieren

Künftig wird immer mehr Strom gebraucht. Der Stromerzeuger RWE steht bereit. Konzernchef Krebber sagt im Interview, was noch getan werden könnte.

Kein Unternehmen in Deutschland produziert mehr Kilowattstunden als RWE – vor allem mit Windrädern, Gas- und Kohlekraftwerken sowie Solaranlagen. Seit 2021 steht Markus Krebber an der Konzernspitze. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur spricht der 53-Jährige über Strompreise, kleine Atomreaktoren und die Idee, dass sich Digital-Konzerne an den Netzausbaukosten beteiligen sollten.

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Frage: Herr Krebber, die deutsche Wirtschaft steckt in einer tiefen Strukturkrise. Ein Grund dafür sind die hohen Energiekosten. Fühlen Sie sich als Chef von RWE als Teil des Problems oder als Teil der Lösung?

Antwort: Wir verbessern die Energieversorgung in Deutschland und Europa, insofern sind wir sicherlich Teil der Lösung. Wir investieren massiv in den Ausbau der Erzeugungskapazitäten und durch unsere Mehrheitsbeteiligung bei Amprion jetzt auch in das deutsche Übertragungsnetz. Auf der Energieseite wird Strom immer bedeutender. Die Stromnachfrage wird insbesondere durch Künstliche Intelligenz und Robotik deutlich steigen. Investitionen in Erzeugung und Netze bilden die Basis, damit unser Land an dieser Entwicklung partizipieren kann.

Frage: Was wäre denn der effektivste Hebel, um jetzt die Wirtschaft in Deutschland bei den Energiekosten zu entlasten?

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Antwort: Das Wichtigste ist der Ausbau der Infrastruktur. Auf der Gasseite muss die Flüssigerdgas-Infrastruktur wie geplant weiter ausgebaut werden. Auf der Stromseite braucht es schnell Netzausbau und mehr Erzeugungskapazität, um über mehr Angebot die Preise zu stabilisieren. Zugleich wird Deutschland auf Energieimporte angewiesen bleiben und damit strukturell höhere Preise haben, so wie etwa Japan und Korea. Wie in diesen Ländern braucht es auch bei uns langfristige Lösungen für energieintensive Industrien. Dazu gehört etwa die freie Zuteilung von CO2-Emissionszertifikaten, eine Netzentgeltbefreiung und eine Steuerbefreiung. Das ist keine Subvention, das ist eine aktive Preisgestaltung für Schlüsselindustrien, die wir in Deutschland halten wollen.

RWE-Chef: «Die Stromnachfrage wird strukturell steigen.»

Frage: In Deutschland werden derzeit Arbeitsplätze und Produktionskapazitäten abgebaut oder verlagert. Wird diese schleichende Deindustrialisierung nicht für eine insgesamt sinkende Stromnachfrage sorgen?

Antwort: Nein. Gucken Sie sich die Zulassungszahlen für Elektromobilität an oder die Nachfrage nach Wärmepumpen und Klimaanlagen. Dann kommt der Strombedarf durch Künstliche Intelligenz und durch Roboter hinzu. Die Stromnachfrage wird strukturell steigen. Für mich ist die wichtigste Frage: Zu welchen Kosten bekommen wir die Investitionen hin? Und da geht es dann um ein günstiges Umfeld, um Investitionen zu ermöglichen und nicht zu behindern.

Frage: Sehen Sie dies derzeit gegeben?

Antwort: Es wird besser. Wir brauchen vor allem langfristige Planungssicherheit, weil unsere Projekte ja üblicherweise Vorlaufzeiten von drei bis fünf Jahren haben. Deswegen ist langfristig ein verlässliches Umfeld wichtig. Das Zweite ist ein klarer regulatorischer Rahmen. Wir haben uns immer für Kapazitätsmärkte ausgesprochen, in denen das Vorhalten von Kraftwerkskapazität etwa für den Einsatz in Dunkelflauten vergütet wird. Jetzt kommen wir endlich dahin. Das ist sehr positiv. Und ich bin optimistisch, dass es in den kommenden Monaten auch wieder Planungssicherheit beim Ausbau der Windkraft auf See geben wird. RWE ist jedenfalls bereit, mehr zu investieren.

Netzausbau: Große Nachfrager stärker an Kosten beteiligen

Frage: Ohne Netzausbau wird der künftige Strombedarf nicht bedient werden können. Was bedeutet das für die Netzentgelte, die ja auf alle Stromkunden umgelegt werden?

Antwort: Die langfristig steigende Stromnachfrage wird auf den Trend zur Elektrifizierung, vor allem auf die KI-Rechenzentren, zurückgehen. Wir werden sicherlich in Europa nicht die Rechenzentren bekommen, um die Algorithmen zu trainieren, aber wir brauchen die operativen Rechenzentren, sonst können Sie KI nicht anwenden, weder Endverbraucher noch die Industrie. Gleichzeitig werden die Kosten für Netzausbau und Versorgungssicherheit auf alle Stromkunden umgelegt. Dies könnte zu einem echten Problem werden, wenn dadurch die Strompreise stark steigen würden. Dies könnte man aber lösen, indem man diejenigen, die den Zubau auslösen, stärker an den Kosten beteiligt, wie es etwa in den USA schon diskutiert wird.

Frage: Sollen sich also die Digitalkonzerne an den Kosten der Strom-Infrastruktur beteiligen? 

Antwort: Es gibt durchaus Modelle, wo sich große Nachfrager am Netzausbau und an der Sicherstellung der Versorgungssicherheit überproportional beteiligen. In den USA sind die Diskussionen weiter fortgeschritten. Die Tech-Unternehmen haben dort ein Interesse, dass es keine Fundamentalopposition gegen neue Datencenter gibt. Es gibt auch Unternehmen, die die Erzeugungskapazität direkt mitbauen wollen und zum Beispiel zu einem 500-Megawatt-Datencenter ein 500-Megawatt-Kraftwerk direkt mit errichten – oft auch als Insellösung, ohne Anschluss ans öffentliche Stromnetz.

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Krebber: «Große Sympathien» für Netzausbau-Beteiligung

Frage: Wie könnte man sich solch eine Extra-Beteiligung vorstellen? Wäre das eine Art «Netzentgelt Plus» für Google, Meta, Open AI & Co.?

Antwort: Ich bin kein Regulator. Ich sehe nur Diskussionen in anderen Ländern, wie man neue große Nachfrager an Netzentgelten und Kapazitätszahlungen beteiligen kann. Auch sonst hätten wir große Sympathien dafür, dass diejenigen, die den Netzausbau auslösen, sich an den Kosten beteiligen. Wenn dann ein Solarpark irgendwo in der Region hohe Netzanschlusskosten verursacht, müsste der Betreiber mehr bezahlen. Dann wird das eine wirtschaftliche Optimierung, ob sich das dann noch lohnt. Wenn jetzt ein Datencenter kommt und sagt, ich will den Netzanschluss haben, könnten sie die Kosten übernehmen, gegebenenfalls sogar selbst bauen lassen und die Anlagen nachher an die Netzbetreiber übergeben.

Frage: Warum investiert RWE viele Millionen in Start-ups, die Fusionskraftwerke bauen wollen?

Antwort: Wir sind kein Technologieentwickler, das heißt, die Beteiligung ist die Ausnahme. Die Fusionstechnologie ist jetzt an einem Zeitpunkt, wo man in den nächsten zehn Jahren herausfinden wird, ob es gelingt oder nicht. Warum? Weil weltweit sehr viel Geld und Forschungskapazität darauf konzentriert werden. Deutschland und die USA sind beim Thema Fusion technologisch weit vorne. Wir halten es für wichtig, deutsche Start-ups und Forschungsstrukturen im Land zu halten und wollen dabei unterstützen. Durch die Nutzung unserer Standorte in Biblis und Gundremmingen können die Fusionsunternehmen mehrere Jahre Zeit sparen und so einen Wettbewerbsvorteil erhalten. Der Betrieb solcher Kraftwerke durch RWE kommt aber erst infrage, wenn die Technologie kommerziell tragfähig ist.

Frage: Ist das Thema Kernkraft in Deutschland für RWE erledigt?

Antwort: Ja, in Deutschland haben wir ein klares Gesetz, was uns dazu verpflichtet, den Rückbau schnellstmöglich umzusetzen. Daran halten wir uns natürlich.

Kleine Atomreaktoren: «Schließen Technologie für RWE nicht aus»

Frage: Und weltweit? Was ist mit kleinen Atomkraftwerken, die aus der Fabrik kommen sollen? In Großbritannien soll ein SMR gebaut werden, ein sogenannter Small Modular Reactor.

Antwort: Wir haben noch eine Beteiligung an einem Kernkraftwerk in den Niederlanden zusammen mit den Provinzen und der Zentralregierung. Da gibt es auch Diskussionen zu Laufzeitverlängerungen und Ideen, gegebenenfalls SMR zu bauen. Wir schließen die Technologie für RWE also nicht aus. In Deutschland wird es aber absehbar nicht mehr passieren, da sind die Hürden einfach zu hoch.

Frage: RWE beliefert ja keine Haushaltskunden, trotzdem die Frage: Müssen die deutschen Haushalte in den nächsten fünf Jahren wegen der steigenden Stromnachfrage mit steigenden Preisen rechnen?

Antwort: Nein, das sehe ich nicht. Wir haben zwei strukturelle Effekte, die gegeneinander laufen. Wenn der Zubau der Erzeugung so kommt wie jetzt geplant, das heißt die Backup-Kraftwerke und der Ausbau der Erneuerbaren weitergehen, werden die Erzeugungskosten in den nächsten Jahren durch die Ausweitung des Angebots sinken. Im Gegenzug muss aber der Netzausbau weiter vorankommen und da werden die Kosten vermutlich steigen, sodass ich insgesamt eher von stabilen Kosten für die Haushalte ausgehe. 

ZUR PERSON: Markus Krebber arbeitet seit fast 14 Jahren für den Energiekonzern RWE, seit fünf Jahren als Vorstandschef. Der 53-Jährige stammt aus dem niederrheinischen Emmerich. Nach einer Banklehre und einem Studium der Wirtschaftswissenschaften arbeitete er bei der Unternehmensberatung McKinsey und bei der Commerzbank. Krebber lebt im Rheinland, ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Von Andreas Hoenig, Benedikt von Imhoff, Astrid Maier und Helge Toben, dpa

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