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Regale aufgeheizt

Rewe-Markt nach Kühlanlagen-Hack ohne Cyberversicherung

Die Angriffswelle auf Supermarkt-Kühltechnik hat Deutschland erreicht: In einem Rewe-Markt im Münsterland standen die Anlagen plötzlich auf Abtauen und plus 50 Grad. Der Betreiber hat keine Cyberversicherung. Er verließ sich darauf, dass die IT ohnehin zentral bei Rewe liegt.

Rewe-Markt nach Kühlanlagen-Hack ohne Cyberversicherung
Bildquelle: nitpicker/Shutterstock.com

Unbekannte haben am Montag, dem 2. November 2026, mutmaßlich die Kältesteuerung eines Rewe-Markts im westfälischen Raesfeld manipuliert. Das berichtet das Lokalportal Heimatreport, das zuerst mit dem Marktbetreiber David Büsken gesprochen hat. Demnach bemerkte Büsken beim Betreten des Markts am Morgen, dass Kühlregale und Tiefkühltruhen nicht mehr korrekt arbeiteten.

Die Anlagen verfügen über eine Heizung, die zum Abtauen der Verdampfer dient. Genau diese Funktion haben die Angreifer offenbar missbraucht: Laut Büsken waren die Geräte auf Abtauen gestellt und die Solltemperatur auf plus 50 Grad Celsius gesetzt. Fleisch, Wurst, Käse, Milchprodukte und Tiefkühlware mussten entsorgt werden. Für Dienstag gab der Markt eine Sonderbestellung bei der Rewe-Zentrale auf, um die Regale wieder zu füllen. Eine technische Untersuchung ist bislang nicht veröffentlicht. Nach Einschätzung des Betreibers hat die Manipulation keinen Temperaturalarm ausgelöst.

Keine Cyberversicherung, weil die IT zentral läuft

Brisant ist ein Detail, das Heimatreport ebenfalls berichtet: Büsken hat für seinen Markt keine eigene Cyberversicherung abgeschlossen. Weil alle Daten des Markts zentral bei Rewe verwaltet würden, „hat sich das für mich nicht erschlossen, da eine Cyberversicherung abzuschließen“, sagte Büsken. Wie hoch der Schaden ist und ob andere Versicherungen oder Vereinbarungen greifen, ist offen.

Die Annahme ist nachvollziehbar, greift bei diesem Angriff aber wohl zu kurz. Rewe-Märkte werden häufig von selbstständigen Kaufleuten betrieben, die Warenwirtschaft und Kassen laufen über die Systeme der Gruppe. Die Kältetechnik ist dagegen Gebäudetechnik. Sie kann an einem eigenen Internetanschluss hängen, den ein externer Kältedienstleister für Fernwartung betreut, wie das Online-Magazin Dr. Web anmerkt.

Damit liegt das Risiko genau dort, wo die zentrale IT des Konzerns nicht hinschaut: bei aus dem Internet erreichbaren Reglern im einzelnen Markt. Ob eine Cyberpolice verdorbene Ware überhaupt ersetzt, hängt zudem von den jeweiligen Bedingungen ab.

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Teil einer europaweiten Angriffswelle

Raesfeld ist kein Einzelfall. Am selben Tag meldete ein Edeka-Markt im nieder­bayerischen Reisbach ebenfalls auf bis zu 50 Grad hochgeheizte Kühlanlagen. Auch CAP-Märkte in Wuppertal und Wetter-Volmarstein meldeten Ausfälle. Der Bestätigungsstand ist je Fall unterschiedlich.

Zuvor hatte es vergleichbare Angriffe in Frankreich, Belgien, Schweden, Irland, Estland, Luxemburg und den Niederlanden gegeben. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach von einem gezielten Versuch, die Lebensmittelkette zu stören. Wer hinter den Angriffen steckt und ob sie zusammenhängen, ist unklar. Ebenso wenig belegen die Einzelfälle bislang, dass die Unternehmensnetze von Rewe oder Edeka kompromittiert wurden.

Veraltete Steuerungen, kaum getrennte Netze

Warum die Angriffe so gut funktionieren, erklärt Trevor Dearing, Director of Critical Infrastructure Solutions beim Sicherheitsanbieter Illumio, gegenüber it-daily.net. Kühlanlagen abzuschalten, sei eine einfache, aber wirkungsvolle Methode, um erheblichen Schaden anzurichten. Binnen weniger Stunden verderbe Ware, Regale blieben leer und es entstünden hohe Verluste. „Dafür braucht es nicht einmal besonders ausgefeilte Schadsoftware“, sagte Dearing.

Ein Problem sei die Software der Anlagen. Sie sei häufig veraltet und lasse sich nur schwer aktualisieren, Sicherheitslücken blieben dadurch oft lange offen. Die Verwaltungsschnittstellen solcher OT-Systeme (Operational Technology) sollten deshalb nie ohne strenge Zugriffskontrollen aus dem Internet erreichbar sein.

Hinzu komme, dass Kühlanlagen oft in Netze eingebunden seien, in denen die einzelnen Systeme kaum voneinander abgeschottet sind. Externe Dienstleister verwalteten sie aus der Ferne, häufig über zentrale Plattformen. Das erleichtere den Betrieb, spiele aber auch Angreifern in die Hände: Wer einmal im Netz sei, könne sich oft nahezu ungehindert von Gerät zu Gerät bewegen, unter Umständen sogar über mehrere Standorte hinweg.

Jeden Angriff zu verhindern, sei für Händler unrealistisch. Angreifer durchsuchten das Internet gezielt nach ungeschützten OT-Systemen und fänden sie oft, bevor die eigenen Sicherheitsteams darauf aufmerksam werden. „Entscheidend ist deshalb, dass sich ein erfolgreicher Angriff nicht ungehindert ausbreiten kann“, sagte Dearing. Dazu müssten Unternehmen zunächst wissen, welche Geräte in ihren IT- und OT-Umgebungen vernetzt sind, wer für sie verantwortlich ist und mit welchen Systemen sie kommunizieren.

Für einen Kaufmann wie Büsken heißt das: Dass die Rewe-Gruppe seine Daten zentral verwaltet, schützt die Kältetechnik in seinem Markt nicht automatisch.

(red)

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