Große Ambitionen, wenig Mut: 82 % der Firmen erwarten eine Revolution durch KI-Agenten, doch nur 26 % gewähren ihr Autonomie.
Während die Technologie mit der Einführung agentischer KI-Systeme einen Reifegrad in der industriellen Nutzung erreicht hat, der eigenständiges Handeln ermöglicht, hinken die organisatorischen Strukturen in Europa hinterher. Eine aktuelle Studie des Dienstleisters Genpact in Zusammenarbeit mit HFS Research zeigt eine deutliche Kluft zwischen dem Wunsch nach Innovation und der tatsächlichen Bereitschaft, Kontrolle abzugeben.
74 Prozent betreiben KI-Agenten unter strikter menschlicher Aufsicht
Agentische KI unterscheidet sich grundlegend von den bisherigen generativen Assistenzsystemen. Während herkömmliche Sprachmodelle primär Texte entwerfen oder Code generieren, können Agenten Aufgaben selbstständig koordinieren, Entscheidungen treffen und ganze Workflows ausführen. In der Studie Autonomy Requires Trust in AI geben 82 Prozent der europäischen Führungskräfte an, dass sie durch diese Technologie einen fundamentalen Wandel der Arbeitswelt erwarten.
Weltweit ist die Erwartungshaltung mit 92 Prozent sogar noch höher. Dennoch zeigt sich in der Praxis eine ausgeprägte Zurückhaltung. Obwohl die Investitionen in diese Systeme im kommenden Jahr voraussichtlich um 35 Prozent steigen werden, betreiben 74 Prozent der europäischen Unternehmen ihre KI-Agenten weiterhin unter strikter menschlicher Aufsicht. Die endgültige Freigabe bleibt fast immer beim Menschen, was das eigentliche Potenzial der Autonomie limitiert.
Die Vertrauenslücke: Technik ist nicht das Problem
Die Ergebnisse der Befragung von 545 Führungskräften machen deutlich, dass die Hindernisse für den Roll-out nicht technischer Natur sind. Es fehlt vielmehr an regulatorischen Rahmenbedingungen, klarer Verantwortlichkeit und Vertrauen in die Entscheidungswege der Maschinen. Nur 26 Prozent der Unternehmen in Europa trauen sich aktuell zu, ihren KI-Agenten weitreichende Autonomie zu gewähren. Weltweit liegt dieser Wert sogar nur bei 22 Prozent.
Ein wesentliches Problem stellt die mangelnde Nachvollziehbarkeit dar. Unternehmen fürchten Reputationsrisiken und ungeklärte Haftungsfragen, falls ein autonomer Agent eine Fehlentscheidung trifft. Ajay Vasal, Global Leader für Data & AI bei Genpact, betont, dass dieser Wandel ein grundlegendes Umdenken der Betriebsmodelle erfordert. Es reiche nicht aus, die Technologie zu aktualisieren; man müsse Prozesse so neugestalten, dass Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnisse fest in der Struktur verankert sind.
Vertrauen in KI-Autonomie unter 30 Prozent
Die folgende Übersicht verdeutlicht die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmung der agentischen KI im Frühjahr 2026:
| Kennzahl | Global (Durchschnitt) | Europa (Schnitt) |
| Erwarteter fundamentaler Wandel durch KI | 92 % | 82 % |
| Vertrauen in weitreichende KI-Autonomie | 22 % | 26 % |
| Geplante Investitionssteigerung (nächstes Jahr) | 38 % | 35 % |
| Betrieb der Systeme unter menschlicher Aufsicht | 80 % | 74 % |
| Zeitrahmen bis zur geplanten Skalierung | 17 Monate | 17 Monate |
Lücke bei KI-Verantwortlichkeit
Die Studie identifiziert vier kritische Faktoren, an denen die Einführung autonomer Systeme derzeit scheitert:
Erstens besteht eine massive Lücke bei der Verantwortlichkeit. Es ist oft unklar, wer für die Handlungen eines Agenten geradestehen muss. Ohne eine rechtliche und organisatorische Definition von Verantwortung bleibt die Autonomie ein theoretisches Konstrukt.
Zweitens basieren die Erfolgsmessungen vieler Firmen noch auf veralteten Kennzahlen. 67 Prozent der Befragten stützen sich auf herkömmliche Produktivitätsmetriken, die den eigentlichen Wert einer autonomen Entscheidungsfindung nicht erfassen können. Neue KPIs müssen her, die den Abschluss ganzer autonomer Arbeitsabläufe bewerten.
Drittens wandeln sich die Organisationsstrukturen schneller als die Aufgabenbereiche der Mitarbeiter. 44 Prozent der Führungskräfte erwarten künftig weniger Managementebenen, da die KI einen Teil der Koordination übernimmt. Dies erfordert völlig neue Qualifikationen. Gefragt ist nicht mehr nur die Entwicklung von KI, sondern die Steuerung komplexer Workflows und die Überwachung der Systemtransparenz.
Viertens erweisen sich die bestehenden Geschäftsprozesse oft als zu unflexibel. 33 Prozent der Befragten nennen die mangelnde Prozessreife als größtes Hindernis. Viele Workflows sind noch auf manuelle Übergaben und sequentielle Genehmigungen ausgelegt, die eine schnelle, autonome KI schlicht ausbremsen.
Von der Produktivität zur Autonomie
Damit agentische KI den Sprung vom Experiment zum echten Mehrwert schafft, müssen Unternehmen ihre Hausaufgaben in der Prozessgestaltung machen. Der Erfolg hängt laut Phil Fersht, CEO von HFS Research, nicht davon ab, wer die Technologie am schnellsten einführt, sondern wer die Kontrolle am klügsten neugestaltet.
Unternehmen müssen jetzt konkret festlegen, wie die menschliche Aufsicht in einer Welt voller autonomer Agenten aussieht. Dies beinhaltet die Eliminierung manueller Zwischenschritte und die Einführung agentenspezifischer Erfolgskontrollen. Nur wenn Autonomie kontrolliert wächst, kann sie langfristig Vertrauen schaffen und die Effizienzsprünge ermöglichen, die sich die Wirtschaft von der nächsten Stufe der KI-Evolution verspricht.