Die Sehnsucht nach „Made in Europe“ ist fast grenzenlos: Nahezu alle Deutschen fordern mehr digitale Souveränität. Doch während 93 % die Abhängigkeit von ausländischen Tech-Giganten beklagen, scheitert der Wechsel im Alltag oft an ganz pragmatischen Hürden.
Die Dominanz internationaler Technologie-Giganten aus den USA und Asien sorgt in der deutschen Bevölkerung für ein tiefes Unbehagen. Eine aktuelle repräsentative Befragung des Digitalverbands Bitkom zeigt eine überwältigende Einigkeit: 99 Prozent der Menschen in Deutschland halten es für wichtig, dass das Land bei digitalen Technologien unabhängiger wird. Während der Wunsch nach europäischer Software, KI und Hardware so hoch ist wie nie zuvor, offenbart der Alltag eine schmerzhafte Diskrepanz zwischen politischem Ideal und praktischer Nutzung. Vor allem der hohe Aufwand bei einem Anbieterwechsel bremst den Fortschritt aus.
Die bittere Realität der Abhängigkeit
Die Ergebnisse der Studie unter 1.004 Befragten zeichnen das Bild einer Nation, die sich ihrer technologischen Unterlegenheit schmerzhaft bewusst ist. 93 Prozent der Deutschen schätzen Deutschland bei digitalen Technologien als abhängig von anderen Ländern ein. Als Konsequenz fordern 79 Prozent der Befragten, dass Deutschland deutlich stärker in digitale Schlüsseltechnologien investieren muss. Die Forderung nach mehr Eigenständigkeit ist dabei kein reiner Wunsch an die Politik: 87 Prozent der Menschen sind der Meinung, dass sich auch die Verbraucher anpassen müssen, um dieses Ziel zu erreichen. 62 Prozent der Befragten gaben sogar an, dass sie kurzfristige Nachteile in Kauf nehmen würden, wenn Deutschland dadurch langfristig unabhängiger bei der Digitalisierung würde.
„Die Menschen in Deutschland wünschen sich, dass Europa bei digitalen Technologien unabhängiger wird. Dafür braucht es mehr Investitionen und weniger Regulierung. Mehr Investitionen in digitale Schlüsseltechnologien durch die Unternehmen und einen Abbau der überbordenden Regulierung durch die Politik in Berlin und Brüssel. Kritische Technologien, die nicht aus Deutschland oder Europa kommen, müssen auf jeden Fall unsere Anforderungen an Sicherheit und Souveränität in der praktischen Anwendung erfüllen. Klar ist auch: Wir brauchen Kooperationen mit internationalen Tech-Unternehmen auf Augenhöhe, im Alleingang lässt sich digitale Souveränität nicht erreichen. Aus Investitionen, maßvoller Regulierung und strategischen Partnerschaften entsteht mehr digitale Souveränität.“
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst
Bewusste Kaufentscheidungen treffen auf Wechselhürden
In der Praxis zeigt sich bereits ein beginnender Wandel im Konsumverhalten. Ein Drittel der Deutschen (34 Prozent) hat sich bereits ganz bewusst für einen digitalen Dienst oder ein Gerät aus europäischer Produktion entschieden. Weitere 27 Prozent haben zumindest schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht. Doch der Weg zur vollständigen Marktdurchdringung ist steinig: Für 55 Prozent der Verbraucher erscheint der Wechsel zu einem europäischen Anbieter oft als zu aufwändig. Dieser Widerstand gegen den technologischen Umzug ist eine der zentralen Hürden für heimische Anbieter.
Obwohl das Bewusstsein wächst, sind europäische Anwendungen in vielen Bereichen noch immer Nischenprodukte. Den Spitzenplatz belegen soziale Netzwerke aus Europa, die von 14 Prozent der Befragten genutzt werden. Dicht darauf folgen europäische Suchmaschinen oder Browser mit einem Anteil von 13 Prozent sowie Messenger-Dienste aus heimischer Produktion, auf die 11 Prozent der Nutzer setzen.
Deutlich geringer fällt die Verbreitung bei zukunftsweisenden Schlüsseltechnologien aus. Lediglich 6 Prozent der Deutschen greifen auf europäische KI-Anwendungen oder Chatbots zurück. Den geringsten Marktanteil verzeichnet die Hardware: Nur 5 Prozent der Befragten nutzen aktuell ein Smartphone eines europäischen Herstellers. Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Lücke zwischen dem Wunsch nach Unabhängigkeit und der tatsächlichen Marktdurchdringung europäischer Digitalangebote.
Skalierung als Überlebensfrage für Europa
Um die geringen Marktanteile zu steigern, reicht die reine Entwicklung neuer Technologien laut Bitkom nicht aus. Das Kernproblem liegt in der Wachstumsphase der Unternehmen. Europa muss lernen, Innovationen schneller in die breite Masse zu bringen und global wettbewerbsfähige Strukturen zu schaffen.
„Das Interesse an europäischen Angeboten ist da. Europa muss digitale Technologien nicht nur entwickeln, sondern auch schneller skalieren und in die breite Anwendung bringen. Dafür braucht es eine innovationsfreundliche Regulierung, mehr Wachstumskapital und eine öffentliche Beschaffung, die auch jungen Unternehmen eine echte Chance gibt.“
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst