Digitalisierung als Hebel für den Klimaschutz

Nachhaltigkeit als geschäftskritischer Wettbewerbsfaktor

Ein MES-System als zentrales System in der Fertigung ist die Schnittstelle für alle Datenströme und steuert die Produktion aktiv nach Nachhaltigkeitskriterien. AdobeStock
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2025 war eins der wärmsten je aufgezeichneten Jahre, mit Temperaturen über den im Pariser Klimaabkommen festgelegten 1,5 Grad Celsius. Um gegenzusteuern, müssen die Treibhausgasemissionen schnell und deutlich reduziert werden – Digitalisierung kann dabei helfen. Im Interview sprechen drei Experten aus Wissenschaft, IT-Beratung und Papierindustrie über nachhaltiges Engagement, gute IT-Lösungen und den Mehrwert von KI.

Wie gelingt es, Nachhaltigkeit nicht als Pflicht, sondern Chance zu sehen?

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Christian Jung: Das gelingt meiner Meinung nach mit der richtigen Einstellung. Unternehmen sollten nicht nur aus regulatorischer Notwendigkeit, sondern auf Grundlage bestimmter Werte und Überzeugungen handeln. Die Folgen des Klimawandels sind schon heute deutlich zu spüren, und die Gefahren nehmen weiter zu, auch für die Wirtschaft. Gleichzeitig ist Nachhaltigkeit ein geschäftskritischer Wettbewerbsfaktor. Allerdings müssen organisationsstrukturell, kulturell und technisch die Voraussetzungen geschaffen werden.

Inwiefern ist dies auch wissenschaftlich belegt?

Christoph Pelger: Tatsächlich ist wissenschaftlich dokumentiert, dass Unternehmen, die sich mit der Thematik befassen und entsprechende Daten erheben, wirtschaftliche Vorteile haben können. Sie können beispielsweise ihre Prozesse effizienter gestalten und Energie-, Abfallund Wassermengen reduzieren. Außerdem erwarten Kapitalgeber zunehmend belastbare und vergleichbare nachhaltige Kennzahlen, damit sich die Kapitalströme in Richtung nachhaltiger Transformation bewegen können.

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Unternehmen, die freiwillig berichten, sollten sich zunächst inhaltlich fokussieren und dann Strukturen aufbauen sowie eine gute Datengrundlage schaffen.

Prof. Dr. Christoph Pelger, Universität Passau

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der grünen Transformation?

Christian Jung: Digitalisierung kann in vielerlei Hinsicht für mehr Nachhaltigkeit genutzt werden. Einen wertvollen Beitrag leistet sie vor allem dort, wo viele Datenströme fließen, wie in der Produktion. So kann ein modernes Manufacturing Execution System als zentrale Schnittstelle relevanter Messpunkte dazu genutzt werden, die Produktion transparent und aktiv nach Nachhaltigkeitskriterien zu steuern. Im Ergebnis werden unter anderem Ressourcen effizienter genutzt, Stillstandzeiten reduziert und kreislaufwirtschaftliche Konzepte unterstützt. Aber auch außerhalb der Fertigung können die richtigen digitalen Lösungen helfen, administrative und zeitliche Aufwände zu reduzieren und bessere Entscheidungen in Echtzeit zu treffen.

Besonders fortschrittlich im Bereich Nachhaltigkeit ist die sehr energieintensive Papierindustrie. Was können sich Unternehmen von Ihnen abschauen?

Jens Kriete: Bei Koehler haben wir uns bereits vor über zehn Jahren das Ziel gesetzt, bis 2030 mehr erneuerbare Energie zu erzeugen, als wir für die Papierproduktion benötigen. Um dies zu erreichen, haben wir sechs Handlungsfelder, unter anderem entlang der UN-Nachhaltigkeitsziele, identifiziert. Wesentlich ist die Entwicklung biobasierter, kreislauffähiger beziehungsweise biologisch abbaubarer Papiere insbesondere für nachhaltigere Verpackungslösungen. In fünf Jahren sollen 100 Prozent unserer Produktinnovationen kreislauffähig sein. Großen Wert legen wir zudem auf die nachhaltige Entwicklung unserer Lieferanten und eine transparente, zertifizierte Lieferkette. Um unsere Fortschritte zu dokumentieren, erstellen wir seit 2019 freiwillig Nachhaltigkeitsberichte.

Wie wirkt sich Ihr Bemühen aus?

Jens Kriete: Indem wir uns digital transformieren und erfolgreiche, zukunftsfähige Produkte und Services entwickeln, verbessern wir nicht nur unsere eigene Leistung, sondern geben auch unseren Kunden einen leistungsfähigen Hebel an die Hand, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das bedeutet, wir erfüllen den Wunsch von Herstellerfirmen und Konsumentinnen und Konsumenten nach nachhaltigen Verpackungslösungen, mit denen sie auch ihren CO2-Fußabdruck reduzieren können. Weitere Faktoren sind unsere Mitarbeitenden, denen gegenüber wir transparent sein wollen und die sich sehr für das Thema interessieren, sowie Bewerberinnen und Bewerber – so konnten wir wieder alle Ausbildungsstellen besetzen, weil unser Engagement gut ankommt.

Indem wir zukunftsfähige Produkte und Services entwickeln, geben wir auch unseren Kunden einen leistungsfähigen Hebel an die Hand.

Jens Kriete, Koehler Holding SE & Co. KG

Welchen Beitrag leistet die Digitalisierung bei Ihnen konkret?

Jens Kriete: Ohne Digitalisierung kommen wir nicht so gut an die Datenmengen, die wir beispielsweise brauchen, um die Nachhaltigkeitsberichterstattung mit dem Controlling zu verzahnen, den Ausstoß von Treibhausgasemissionen zu berechnen oder Ökobilanzierungen durchzuführen. Wir können so sehr viel genauer erheben, wie viel Zellstoff wir einsetzen, wie viel Fremdstrom und Brunnenwasser wir verbrauchen, wie viel Biomasse wir aufbereiten und welchen Output wir damit erzielen – auch im Vergleich zu Vorjahren.

Wir teilen die Daten bereits über Abteilungen hinweg, aber eine Herausforderung besteht noch darin, alle Werkzeuge und Daten in einer zentralen Datenbank zusammenzuführen und beispielsweise KI einzusetzen. Wir arbeiten tatsächlich noch viel manuell mit Excel-Listen.

Was zeichnet gute IT-Lösungen aus?

Christian Jung: Gute Softwarelösungen lassen sich individuell und flexibel auf die Unternehmensanforderungen zuschneiden, schnell und nahtlos in bestehende Systeme integrieren und direkt an Plattformen wie TRACES von der EU für die Entwaldungsverordnung EUDR anbinden. Die Basis bildet ein modernes Standard-ERP-System in der Cloud, das um passende Add-ons und Schnittstellen ergänzt wird.

Statt eine vorgefertigte Lösung zu wählen, empfiehlt sich ein Workshop mit Stakeholdern aus dem Unternehmen. Dabei wird ein Blick auf Strategien, Systemarchitektur und Workflows geworfen. Am Ende erhalten Unternehmen eine klare Roadmap und ein Maßnahmenpaket aus Lösungen, Services und Leistungen an die Hand, mit dem sie einen positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und gleichzeitig Kosten sparen.

Unternehmen sollten nicht nur aus regulatorischer Notwendigkeit, sondern auf Grundlage bestimmter Werte und Überzeugungen handeln.

Christian Jung, T.CON GmbH & Co. KG

Welche Mehrwerte bringen Automatisierung und KI?

Christian Jung: In jeder Fertigungslinie, in jedem Shopfloor und an jedem Standort werden massenhaft unstrukturierte Maschinen- und Prozessdaten erzeugt und gesammelt. Ein Großteil bleibt leider ungenutzt. Maschinelles Lernen ermöglicht die automatisierte Auswertung dieser Daten, kann Muster erkennen, Regeln und Risiken ableiten, Erkenntnisse ziehen und Vorhersagen treffen. Daraus ergeben sich wiederum spannende Anwendungsfälle, auch für die Nachhaltigkeit. KI kann dabei unterstützen, die Umweltbilanz zu optimieren, Lieferketten zu prüfen, Lieferanten zu bewerten und rechtssicher zu handeln.

Welchen Rat haben Sie abschließend aus der Forschung für die Praxis?

Christoph Pelger: Unternehmen, die freiwillig berichten, sollten sich zunächst inhaltlich fokussieren und dann Strukturen aufbauen sowie eine gute Datengrundlage schaffen. Hierbei können zentrale Umweltthemen wie CO2-Emissionen in den Mittelpunkt gestellt werden. Diese Fokussierung bietet die Chance, dass ein breiterer Kreis an Unternehmen in die Umsetzung kommt – und wir dadurch massivere Reduktionen erreichen.

Christian

Jung

Sales Account Executive

T.CON GmbH & Co. KG

Jens

Kriete

Sustainability Manager

Koehler Holding SE & Co. KG

Prof. Dr. Christoph

Pelger

Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, Schwerpunkt Accounting und Auditing

Universität Passau

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