Der Kanzler reiste nach Singapur, Japan und Südkorea. Dabei ging es um Chips, Strom und Vertrauen, die Grundlagen der europäischen KI-Zukunft.
Warum Europas digitale Zukunft auch in Asien entschieden wird

Die Reise, die Friedrich Merz vom 26. bis zum 30. Oktober nach Singapur, Japan und Südkorea führte, erschien zunächst als klassischer Wirtschaftsbesuch. Tatsächlich war sie ein Stück Machtpolitik, denn in der Digitalisierung entscheidet sich zunehmend, wer die Technik liefert, auf der Wirtschaft und Alltag beruhen. Alle drei Länder sind bei Halbleitern und Robotik weiter als Europa, und sie haben mit Deutschland gemeinsam, dass sie viel exportieren, kaum Rohstoffe besitzen und zwischen Großmächten stehen, auf die kein Verlass mehr ist. Wer Chips oder Rechenleistung nur aus einer Quelle bezieht, macht sich erpressbar, und genau diese Sorge teilen alle Beteiligten.
Eine Allianz der Mittelmächte
Dabei geht es nicht darum, sich von den Vereinigten Staaten abzuwenden oder gegen China Front zu machen. Deutschland will sich vielmehr im Streit der beiden Supermächte nicht einseitig ausliefern, und dafür hat sich der Begriff „De-Risking“ eingebürgert, der Risiken verringert, ohne Beziehungen zu kappen. Mit Japan vereinbarte Merz deshalb eine Erklärung zur wirtschaftlichen Sicherheit und eine Absichtserklärung zu kritischen Rohstoffen.
Keiner dieser Staaten kann allein Standards setzen, gemeinsam aber haben sie ein wirtschaftliches und technologiepolitisches Gewicht, das sich nicht ignorieren lässt. Besonders sinnvoll ist das dort, wo sich Stärken ergänzen, denn Deutschland bringt Maschinen- und Sensordaten aus Jahrzehnten der Automatisierung mit, während Asien Chips, Speicher und Fertigungstiefe liefert. Mit Japan wurde ein Dialog zur Künstlichen Intelligenz verabredet, und mit Südkorea soll ein Rahmenabkommen entstehen, das auch die Halbleiterindustrie einschließt.
Vertrauen schlägt Größe
Ein Blick auf die Zahlen spricht zunächst gegen Europa. Die großen amerikanischen Technologiekonzerne, die als Hyperscaler gewaltige Rechenzentren betreiben, wollen 2026 mehr als 650 Milliarden Dollar in ihre Infrastruktur stecken, China plant rund 295 Milliarden Dollar binnen fünf Jahren, und Deutschland besitzt bei etwa vier Prozent der Weltwirtschaftsleistung weniger als zwei Prozent der globalen KI-Rechenkapazität. Im Wettlauf um das größte Modell ist der Zug für Europa daher weitgehend abgefahren.
Fraglich ist allerdings, ob dieses Rennen überhaupt das richtige ist. Seit dem Sommer häufen sich KI-Sicherheitsvorfälle, bei denen sich immer leistungsfähigere Modelle als schwer kontrollierbar erweisen, und Unternehmen fragen deshalb weniger nach dem nächsten Rekord eines KI-Modells als nach Verlässlichkeit. Hier kann Europa punkten, weil sich kleinere, auf eine Branche zugeschnittene Modelle prüfen und dokumentieren lassen, etwa bei der Krebsvorsorge oder im Wettermodell des europäischen Wetterdienstes. Der Vorsprung bei solchen Spezialmodellen wird auf zwei bis drei Jahre beziffert, was im KI-Zeitalter eine lange Spanne ist.
Ohne technologische Basis keine KI-Souveränität
Alle Erfolge im Ausland aber bleiben wirkungslos, wenn daheim die technologische Basis fehlt, denn Außenpolitik baut kein Rechenzentrum und legt keinen Netzanschluss. Wie verletzlich die Hardware-Lieferkette mittlerweile ist, zeigt das Beispiel der unscheinbaren Leiterplatte, deren Materialien sich binnen neun Monaten um rund 70 Prozent verteuert haben, weil Konzerne wie Nvidia den Ausstoß ganzer Fabriken in Asien aufkaufen. In Europa entsteht nur noch etwa ein Fünfzigstel aller Leiterplatten, zu Beginn des Jahrtausends war es noch jede fünfte.
Das Gegenstück zum Auslandsbesuch im Inland ist die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung aus Frühjahr 2026, die die Gesamtkapazität bis 2030 mindestens verdoppeln und die KI-Kapazität mindestens vervierfachen soll. Dass es daneben auch auf gesellschaftliche Akzeptanz für den Technologieausbau ankommt, zeigt der Blick in die USA, wo nur 14 Prozent der Menschen ein Rechenzentrum in ihrer Gemeinde unterstützen würden.
Was am Ende zählt
Digitalpolitik ist 2026 auch Geopolitik, weil Rechenleistung, Chips, Strom und Vertrauen zu Instrumenten staatlicher Macht geworden sind. Ob die Allianz der Mittelmächte hält, was sie verspricht, hängt weniger von Absichtserklärungen ab als von der Umsetzung, denn Erklärungen aus Tokio und Seoul ersetzen weder eine Genehmigung noch einen Netzanschluss. Vollständige Unabhängigkeit ist nicht das Ziel, realistisch ist vielmehr eine Souveränität, die so unabhängig wie nötig und so vernetzt wie sinnvoll ist.







