Vibe Coding ist für die Softwareentwicklung das, was 3D-Druck für die Industrie war. Es beschleunigt nicht nur Abläufe, sondern verändert den Entwicklungsprozess grundlegend.
Prototypen lassen sich in kurzer Zeit mit einem hohen Detailgrad erstellen. Das ermöglicht frühere Tests und ein schnelleres Nutzerfeedback. Für produktive Systeme im großen Maßstab braucht es jedoch weiterhin klare Regeln und eindeutig geregelte Zuständigkeiten.
Eine der Herausforderungen in der Softwareentwicklung ist, dass Produkte oft erst mit der zweiten oder dritten Version wirklich gut werden. Der Grund dafür sind Feedbackschleifen: Nutzer verwenden eine Anwendung und geben Rückmeldung, die erst in späteren Iterationen umgesetzt wird. KI-gestützte Entwicklung – häufig auch Vibe Coding genannt – kann diese Schleifen nach vorn verlagern, weil Teams sehr früh etwas Testbares schaffen, das sich bereits wie ein fertiges Produkt anfühlt.
Vibe Coding, der 3D-Druck der Softwareentwicklung
Vibe Coding beginnt in der Regel mit einer groben Idee und dem Ziel, möglichst schnell eine lauffähige Anwendung zu schaffen. Anstelle einer kompletten Vorausplanung, entsteht der Code parallel zu den Gedanken und Ideen der Entwickler. Sie wechseln zwischen Dateien, testen neue Bibliotheken und lassen sich bei ihren Entscheidungen vor allem von Intuition leiten. Mithilfe von generativer KI und Prompts in natürlicher Sprache entsteht so schrittweise ein funktionaler Code.
Im Kern geht es darum, frühzeitig ein Ergebnis zu haben, das sich prüfen und weiterentwickeln lässt. Dieses Muster ist schon aus der Fertigung bekannt. 3D-Druck hat dort den Weg vom Entwurf zum Prototyp deutlich verkürzt. Dabei steht 3D-Druck als Sammelbegriff für verschiedene Verfahren, die Material schichtweise aufbauen. Entscheidend ist jedoch weniger das einzelne Verfahren als sein Effekt. Durch einen physischen Prototyp, der früh vorliegt, erhalten Unternehmen schneller belastbares Feedback aus der Praxis.
Übertragen auf die Softwareentwicklung zeigt sich dieser Effekt besonders deutlich im Design und in der Produktvalidierung. Hier können die Teams mit Vibe-Coding-Werkzeugen wie Lovable oder mit neuen Funktionen in Figma in kurzer Zeit realitätsnahe Prototypen erstellen. Diese lassen sich mit Nutzern testen, noch bevor Entwicklerteams die gesamte Architektur implementieren. Auch Mitarbeitende mit wenig Programmiererfahrung können auf diese Weise einen funktionierenden Code entwickeln. Das spart Zeit und reduziert Kosten, die traditionell durch späte Korrekturen und Fehlentwicklungen entstehen. So geht auch das Fraunhofer Institut davon aus, dass Vibe Coding vor allem durch seine Zugänglichkeit und Geschwindigkeit punktet.
Produktionsbetrieb bleibt der Härtetest
Für den produktiven Betrieb großer Systeme gilt das jedoch nur eingeschränkt. Die Erstellung und Wartung von Produktionssystemen bleibt fehleranfällig, da sich kleine Fehler im generierten Code über viele Iterationen hinweg summieren. Das gilt besonders dort, wo viele Systeme zusammenspielen und Änderungen an einer Stelle schnell Auswirkungen an anderer Stelle haben. Zusätzlich entsteht ein Risiko, wenn niemand die Codebasis wirklich versteht. Öffentlich diskutierte Sicherheitsvorfälle, die möglicherweise im Zusammenhang mit KI-gestützter Entwicklung stehen, zeigen, dass Geschwindigkeit ohne klare Verantwortlichkeiten und Standards schnell teuer werden kann.
Hinzu kommt, dass Unternehmenssoftware Teamarbeit bleibt. Das gilt auch dann, wenn KI-Agenten stärker eingebunden werden. In der Praxis wird sich der Einsatz daher eher schrittweise etablieren. Sprachmodelle werden auf architektonischer Basis in abgegrenzten Bereichen eingesetzt. Besonders naheliegend sind Testautomatisierung und testgetriebene Entwicklung, denn der Nutzen zeigt sich vor allem in Aufgabenbereichen, in denen Ergebnisse schnell überprüfbar sind.
Was Unternehmen jetzt aufbauen müssen
Unternehmen sollten KI deshalb nicht als vollständigen Ersatz für Entwicklungsarbeit betrachten. Sinnvoller ist es, sie als Expertensystem einzusetzen, das Feedback gibt und die eigenen Fähigkeiten beschleunigt. Damit das funktioniert, braucht es neue Kompetenzen. Prompts werden zu wiederverwendbaren Bausteinen, die wie kurze Spezifikationen funktionieren. In der Praxis entwickelt sich Prompt Engineering zunehmend zu Context Engineering, weil es um strukturierte Eingaben, klare Anforderungen und verlässliche Rahmenbedingungen geht.
Aus Sicht des Arbeitgebers kommt es darauf an, den Einsatz gezielt zu steuern. Unternehmen brauchen Regeln für Qualität und Sicherheit. Sie müssen zudem festlegen, wer Verantwortung für Ergebnisse und Wartbarkeit übernimmt. Gleichzeitig sollten sie Rahmenbedingungen schaffen, die kontrollierte Experimente ermöglichen und kontinuierliches Lernen systematisch in den Entwicklungsprozess integrieren.
Zwischen Beschleunigung und Verantwortung
Der Vergleich mit dem 3D-Druck zeigt, wie Unternehmen KI-gestützte Entwicklung sinnvoll einordnen können. Der 3D-Druck hat das Prototyping beschleunigt, aber die industrielle Serienfertigung nicht ersetzt. In der Softwareentwicklung gilt etwas Ähnliches. Vibe Coding macht frühe Ergebnisse schneller verfügbar und verkürzt Feedbackschleifen. Produktive Systeme bleiben Teamarbeit und brauchen klare Standards und geregelte Verantwortung. So wird Geschwindigkeit zum Vorteil – statt später zusätzliche Komplexität zu erzeugen.
Autor: Jeremiah Stone, CTO von SnapLogic