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Mobilität

In der Corona-Pandemie sind viele Menschen auf den eigenen Pkw und vor allem auf das Fahrrad umgestiegen – auch in Ermangelung alternativer Mobilitätsangebote gerade in ländlichen Regionen oder am Stadtrand. Über die Corona-Zeit hinaus gibt es dabei einen breiten Wunsch nach Ergänzungen zum klassischen Nahverkehr durch neue Mobilitätsdienste.

Dazu gehören etwa Sharing-Angebote für E-Scooter, Fahrrad und Auto, aber auch Ride Pooling und Ride Hailing. Beim Ride Pooling fahren Menschen mit einer ähnlichen Route ganz oder auf Teilstrecken zusammen, beim Ride Hailing wird per App ein Wagen mit Fahrer bestellt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 1.003 Personen ab 16 Jahren in Deutschland im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die heute vorgestellt wurde. „Unser Mobilitätsverhalten wird und muss sich über Corona hinaus verändern. Dazu brauchen wir neue Mobilitätsdienste gerade auch abseits der urbanen Zentren“, sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „In den Großstädten haben die Menschen die Qual der Wahl, wenn sie von A nach B wollen. Jenseits der Ballungsräume aber herrscht in Sachen neuer Mobilitätsdienste Ödnis. Gerade in ländlichen Regionen braucht es Alternativen zum Auto.“

Der Bitkom-Studie zufolge haben 7 von 10 Bürgern (70 Prozent) in Folge der Corona-Pandemie ihre Mobilität eingeschränkt. 37 Prozent sind weniger unterwegs als früher, weitere 33 Prozent sogar sehr viel weniger. Von den Veränderungen sind die einzelnen Verkehrsmittel unterschiedlich stark betroffen. So geben 58 Prozent der Nutzer von Bussen und Bahnen im Nahverkehr an, weniger mit diesen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen zu sein. Im Fernverkehr liegt der Anteil bei 55 Prozent. Einen deutlichen Rückgang verzeichnen auch Taxis (55 Prozent), etwas geringer fällt er bei Ride-Hailing-Angeboten aus (30 Prozent). Auch Car-Sharing nutzen 44 Prozent der Menschen seltener, 29 Prozent andere Sharing-Angebote wie zum Beispiel Bike-Sharing oder E-Scooter-Sharing. Nur eine verschwindende Minderheit zwischen jeweils 1 und 5 Prozent der Nutzer gibt an, das entsprechende Verkehrsmittel in der Pandemie häufiger genutzt zu haben. Ganz anders sieht es dagegen beim Privat-Pkw und vor allem beim Fahrrad aus: So haben 26 Prozent das eigene Auto seltener, 31 Prozent aber haben es häufiger genutzt. Und das Fahrrad erlebt während Corona einen echten Boom: Zwar sind 12 Prozent der Menschen seltener mit dem Rad gefahren, 38 Prozent aber nutzen es seit Beginn der Pandemie häufiger.

Nur in Großstädten ist eine Mehrheit mit dem ÖPNV zufrieden

Ein Grund für diese Veränderungen: 9 von 10 Befragten (86 Prozent) versuchen, Verkehrsmittel mit vielen Fahrgästen zu vermeiden. Und 7 von 10 (70 Prozent) geben an, dass sie sich während der Stoßzeiten seltener auf den Weg machen. Davon profitieren neben dem Fahrrad grundsätzlich auch neue, digital unterstützte Mobilitätsangebote. So haben 7 Prozent in der Corona-Zeit erstmals Bike- oder E-Scooter-Sharing ausprobiert, unter den 16- bis 29-Jährigen sind es sogar 19 Prozent. Und 4 Prozent aller Befragten und 11 Prozent der bis 29-Jährigen haben erstmals ein Car-Sharing-Angebot genutzt.

Am bestehenden ÖPNV-Angebot scheiden sich indes die Geister. So sagt rund die Hälfte, dass sie mit dem Angebot von Bussen und Bahnen zufrieden ist (48 Prozent). Ebenso viele (49 Prozent) sind damit allerdings unzufrieden. Dabei zeigt sich, dass die Unzufriedenheit wächst, je kleiner die Heimatgemeinde ist. In Großstädten sind nur 32 Prozent mit dem Angebot unzufrieden, jeder Zweite ist es dagegen in mittleren (50 Prozent) und kleinen Städten (55 Prozent) – und auf dem Land sind sogar 72 Prozent unzufrieden mit dem bestehenden Angebot. „Wir brauchen flächendeckend digitale Mobilitätsangebote, die der individuellen Lebensgestaltung der Menschen Rechnung tragen, gerade auch auf dem Land“, so Rohleder. „Digitale Technologien und Datenplattformen ermöglichen heute umweltfreundliche und zugleich bequeme Mobilitätsdienste, von denen wir vor 20 Jahren nur träumen konnten.“ Notwendig sind dabei nach Ansicht des Bitkom Investitionen in eine digitale Infrastruktur, um zum Beispiel Mobilitätsdaten zu erfassen und für die Verbesserung der Mobilitätsdienste zur Verfügung zu stellen. Um das Tempo bei der Digitalisierung der Verkehrsinfrastruktur zu erhöhen, sollten Fördermittel zum Neu-, Aus- und Umbau von Verkehrswegen daran geknüpft werden, dass mit ihnen die Digitalisierung vorangebracht wird.

Neue Mobilitätsangebote werden überwiegend positiv gesehen

Neue Mobilitätsangebote haben in der Bevölkerung einen guten Ruf. So stehen 80 Prozent Ride Pooling und 69 Prozent Ride Hailing grundsätzlich positiv gegenüber. Und auch Sharing-Angebote werden weit überwiegend positiv beurteilt. So sagen 79 Prozent, Sharing ist eine umweltfreundliche Alternative zu bestehenden Angeboten, gerade einmal 11 Prozent meinen, dass sie zu mehr Verkehr und Umweltbelastung führen. 73 Prozent sind überzeugt, Sharing spart Geld und nur 22 Prozent befürchten, dass man durch Sharing mehr ausgibt, etwa indem man eine kurze Strecke mit dem E-Scooter zurücklegt, statt zu laufen, oder Car-Sharing nutzt statt U-Bahn. Insgesamt meinen drei Viertel (75 Prozent), dass neue Mobilitätsangebote einen Beitrag zum Umweltschutz leisten, gut zwei Drittel (64 Prozent) sagen, dass man mit ihnen für weniger Geld als bisher ans Ziel kommt. Und 80 Prozent geben an, Sharing-Angebote seien vor allem für den Alltag geeignet, 15 Prozent halten sie eher für Urlaubsreisen geeignet. Eine deutliche Mehrheit von 87 Prozent ist sicher, dass neue Mobilitätsangebote vor allem die Lebensqualität auf dem Land verbessern können – unter der unmittelbar betroffenen Landbevölkerung liegt die Zustimmung mit 91 Prozent sogar noch etwas darüber.

Wer neue Mobilitätsangebote nutzt, ist fast immer zufrieden

In der Praxis dominieren aktuell noch die klassischen Mobilitätsangebote. So nutzen zwei Drittel (68 Prozent) der Bürger eine Straßenbahn, sofern bei Ihnen vor Ort ein solches Angebot besteht. Bei der U-Bahn sind es 67 Prozent, beim Bus 61 Prozent und die S-Bahn kommt auf 51 Prozent. Auch das Taxi wird von 57 Prozent zumindest ab und zu genutzt. Der Anteil der Nutzer neuer Mobilitätsdienste fällt gegenüber dem klassischen ÖPNV deutlich ab: Lediglich 28 Prozent greifen bislang auf Ride Pooling und nur 19 Prozent auf Ride Hailing zurück. Auch Sharing- wird dort, wo es verfügbar ist, eher zurückhaltend genutzt: 23 Prozent sind es beim Bike Sharing, 22 Prozent beim E-Scooter-Sharing und 18 Prozent beim Car Sharing.

Ein umgekehrtes Bild ergibt sich, wenn man die jeweiligen Nutzer nach ihren Erfahrungen fragt. Die neuen Mobilitätsangebote schneiden hier mit weitem Abstand besser ab als die etablierten Verkehrsmittel. So sind 92 Prozent der Nutzer mit dem Bike-Sharing-Angebot zufrieden, 91 Prozent mit Car Sharing und 87 Prozent mit dem E-Scooter-Sharing. Ähnlich positiv sind die Erfahrungen mit Ride Pooling (86 Prozent) und Ride Hailing (84 Prozent). Geringer fällt die Zufriedenheit mit dem klassischen ÖPNV aus. Die Straßenbahn ist mit 71 Prozent Spitzenreiter, gefolgt von der S-Bahn (68 Prozent), dem Bus (64 Prozent) und der U-Bahn (55 Prozent). Bei weitem am unzufriedensten sind die Kunden mit dem Taxi – hier sind gerade einmal 36 Prozent zufrieden. „Neue Mobilitätsdienste haben mit Abstand die zufriedensten Kunden. Diesen Angeboten sollten keine Steine in den Weg gelegt, sondern sie sollten flächendeckend zugänglich gemacht werden“, so Rohleder.

Die Bürger wollen neue Mobilitätsdienste – die Politik tut sich noch schwer damit

Neue Mobilitätsangebote haben zudem großes Potenzial an den Orten, wo sie bislang nicht vorhanden sind. So sagen 56 Prozent der Befragten, die bislang kein Ride Pooling nutzen können, dass sie Interesse an einem solchen Angebot hätten. An Ride Hailing sind 47 Prozent interessiert. Jeweils 4 von 10 können sich vorstellen, Bike Sharing (42 Prozent) oder E-Scooter-Sharing (39 Prozent) zu nutzen. Und mehr als jeder Vierte (28 Prozent) hat Interesse an Car Sharing. Entsprechend wünschen sich zwei von drei Bürgern (66 Prozent), dass neue Mobilitätsangebote stärker unterstützt werden. Zwei Drittel (65 Prozent) fordern zudem, dass gesetzliche Regelungen wie die Rückkehrpflicht für Mietwagen abgeschafft werden sollten, weil sie Ride Hailing als Ergänzung zum Taxi in Deutschland erschweren. „Die Bundesregierung hat es leider verpasst, bei der aktuellen Novelle des Personenbeförderungsgesetzes digitale Innovationen im Verkehr zu ermöglichen“, so Rohleder. So solle es zwar die längst überfällige Rechtssicherheit für private Ride-Pooling-Anbieter geben, zugleich wurde aber an der historisch überholten Rückkehrpflicht für auftraglose Mietwagen festgehalten. „Staatlich erzwungene Leerfahren sind ein ökonomischer und ökologischer Irrweg, der allein dazu dient, das überkommene Geschäftsmodell von Taxiinnungen vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen“, so Rohleder. Aktuell wird zudem über eine zusätzliche Vorausbuchungspflicht für diese Ride-Hailing-Anbieter diskutiert. Demnach würden die Fahrzeuge nicht so schnell wie möglich zum Kunden kommen, sondern erst mit einer staatlich verordneten Wartezeit.

Akzeptanz für autonome Verkehrsmittel steigt

Dem Einsatz autonomer Fahrzeuge steht eine Mehrheit der Bürger offen gegenüber. So würden jeweils sich 6 von 10 durch eine autonom fahrende U- oder S-Bahn (62 Prozent), einen autonomen Bus (56 Prozent) der einen fahrerlosen Regional- oder Fernzug (55 Prozent) befördern lassen. Auch in einen autonomen Pkw (57 Prozent) oder ein autonomes Taxi (56 Prozent) würde die Mehrheit steigen. Allein beim autonomen Fliegen gibt es noch große Vorbehalte. Ein Flugzeug ohne menschlichen Piloten würde nur jeder Fünfte (21 Prozent) nutzen. „Autonome Mobilität kann sich zu einem echten Gamechanger entwickeln. Dienste, die heute schlicht nicht wirtschaftlich zu betreiben sind, könnten gerade auch außerhalb von Großstädten angeboten werden“, sagte Rohleder.

Eine breite Mehrheit erwartet, dass autonome Autos über kurz oder lang die herkömmlichen Pkw ablösen werden. So geht eine Mehrheit von 61 Prozent davon aus, dass spätestens in 20 Jahren in Deutschland mehr autonome als herkömmliche Autos zugelassen werden. Jeder Neunte (11 Prozent) rechnet damit bereits in 10 Jahren, nur 12 Prozent glauben, dass auch in mehr als 25 Jahren Autos mit Fahrer wie bisher den Verkehr auf deutschen Straßen bestimmen werden.

Das Vertrauen, dass die bislang weltweit erfolgreichen deutschen Auto-Hersteller auch den Markt für das autonome Fahren dominieren werden, schwindet dagegen. Nur 23 Prozent rechnen damit, dass klassische Hersteller aus Deutschland den Wettbewerb für sich entscheiden, vor zwei Jahren lag der Anteil bei 25 Prozent. 37 Prozent erwarten hingegen, dass neue Hersteller wie Tesla an der Spitze stehen (2019: 34 Prozent). „Wir haben in Deutschland mit einer starken Automobilindustrie und insbesondere auch hoch innovativen Zulieferern immer noch die besten Voraussetzungen, das Rennen für uns zu entscheiden – jetzt gilt es, unser digitales Know-how auch wirklich auf die Straße zu bekommen“, so Rohleder. Unverändert erwartet rund jeder Fünfte (22 Prozent), dass am Ende IT- und Internetunternehmen wie Google oder Apple das Rennen um das autonome Fahren für sich entscheiden werden. Deutlich abgeschlagen sind klassische Autohersteller aus dem Ausland, die nur noch 10 Prozent vorne sehen (2019: 16 Prozent).

Nach Ansicht des Bitkom muss das vom Bundesverkehrsministerium auf den Weg gebrachte Gesetz zum autonomen Fahren noch in dieser Legislaturperiode beschlossen werden. „Deutschland kann mit einem Gesetz zum autonomen Fahren weltweit eine Vorreiterrolle einnehmen“, so Rohleder. „Dabei geht es längst nicht nur um den selbstfahrenden Privat-Pkw. Mit dem Gesetz zum autonomen Fahren könnten zum Beispiel schon bald autonome Bus-Shuttles den öffentlichen Nahverkehr ergänzen.“ Zugleich plädiert Bitkom dafür, fahrerlose Dienste auch im Personenbeförderungsgesetz zu verankern, um Rechtssicherheit für die Betreiber zu schaffen.

Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Im Januar 2021 wurden dabei 1.003 Personen ab 16 Jahren telefonisch befragt.

www.bitkom.org 


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