Die Bundesregierung will die Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland verdoppeln. Eine Analyse von NDR und Süddeutscher Zeitung zeigt: Einen Großteil davon bauen US-Unternehmen.
Die Zahlen im Überblick
Die Redaktionen stützen sich auf einen Datensatz der Organisationen FragDenStaat, AlgorithmWatch, Leitmotiv und Heiße-Luft-Kollektiv, den sie zusätzlich verifiziert und ergänzt haben. Die wichtigsten Ergebnisse:
- 99 Rechenzentren sind in Deutschland aktuell in Planung oder im Bau.
- 41 davon befinden sich bereits in der Bauphase.
- 36 Projekte werden von Unternehmen außerhalb der EU realisiert, davon etwa zwei Drittel von US-Konzernen.
- Bei Großprojekten ab 100 Megawatt Anschlussleistung liegen 14 von 100+-MW-Vorhaben in US-Hand.
- Zu den Betreibern zählen unter anderem Amazon, Google, Microsoft und der Anbieter EdgeConnex.
- Rund ein Viertel aller Projekte liegt in Regionen mit bestehender Wasserknappheit.
Eine eigene, vollständige Übersicht über Zahl und Standort aller im Bau befindlichen Rechenzentren führt das Bundesdigitalministerium bisher nicht.
Neue Leistungsklasse
Die Neubauten übertreffen frühere Anlagen deutlich in ihrer Dimension. Als groß galten in Deutschland bislang Rechenzentren mit 5 bis 10 Megawatt Netzanschluss. Aktuelle Projekte planen dagegen mit 200 bis 500 Megawatt, vereinzelt liegt die Leistung sogar im Gigawatt-Bereich.
Räumlich konzentrieren sich die Vorhaben auf Nordrhein-Westfalen, das Berliner Umland und den Raum Frankfurt am Main, unter anderem wegen der Nähe zum Internetknoten DE-CIX. Parallel dazu entstehen Projekte zunehmend auch abseits der Ballungsräume, dort wo Gewerbeflächen günstig sind und bereits ein leistungsfähiges Umspannwerk existiert. Ein Beispiel ist die Gemeinde Schuby in Schleswig-Holstein, wo ein Rechenzentrum mit mehreren Hundert Megawatt Kapazität geplant ist.
Für Kommunen wie Schuby bedeutet das eine ungewohnte Verhandlungssituation gegenüber internationalen Investoren, häufig ohne Erfahrungswerte aus vergleichbaren Vorhaben und ohne bundesweit einheitliche Vorgaben. Laut Digitalministerium wird derzeit ein Leitfaden zur Flächenqualifizierung für Kommunen von den Ländern geprüft, weitere Hilfestellungen sollen im Lauf des Jahres veröffentlicht werden.
Ralph Hintemann vom Borderstep-Institut, der die Bundesregierung bei der Rechenzentrumsstrategie berät, fordert vor diesem Hintergrund eine stärkere Position wettbewerbsfähiger europäischer Anbieter, um einseitige Abhängigkeiten von US-Konzernen zu vermeiden.
Ressource Wasser als Risikofaktor
Neben der Eigentümerstruktur haben NDR und SZ auch den Wasserbedarf der geplanten Standorte untersucht und dazu die Projektliste mit vorhandenen Grundwasserdaten abgeglichen. Ergebnis: Etwa jedes vierte Projekt liegt in einer Region mit bestehendem Wasserstress. Da für zahlreiche Landkreise keine belastbaren Daten zur Wasserentnahme existieren, könnte der reale Anteil noch höher liegen.
Besonders wasserintensiv ist die in vielen Rechenzentren eingesetzte Verdunstungskühlung. Dabei wird versprühtes Wasser zur Kühlung der Serverabwärme genutzt und verdunstet anschließend vollständig, es steht danach nicht mehr zur Verfügung. Das Verfahren ist energetisch günstig und deshalb bei Betreibern verbreitet, gerät aber zunehmend in die Kritik. Als Alternativen nennt Marina Köhn vom Umweltbundesamt Klimatisierung mit natürlichen Kältemitteln oder eine geschlossene Chipkühlung im Kreislauf, beide kämen ohne Wasserverbrauch aus und würden zusätzlich die Nutzung von Abwärme ermöglichen.
Wie ihre künftigen Rechenzentren gekühlt werden sollen, teilen die betroffenen Kommunen bislang kaum mit. Nur sieben von ihnen bekennen sich öffentlich zu einer geschlossenen, wassersparenden Kühlung, nur fünf verfügen über ein dokumentiertes Konzept für Hitzeperioden. Das Digitalministerium erklärt dazu, Wasserverfügbarkeit gewinne bei Standortentscheidungen zunehmend an Bedeutung, auf EU-Ebene werde derzeit an einem Nachhaltigkeitslabel für Rechenzentren gearbeitet.
Fazit
Der Ausbau von Rechenzentren ist wegen des Bedarfs an Cloud- und KI-Infrastruktur naheliegend. Die Datenauswertung zeigt aber, dass das politische Ziel digitaler Souveränität und die tatsächliche Eigentümerstruktur der neuen Anlagen derzeit auseinanderfallen. Solange verbindliche Vorgaben zu Eigentümerkontrolle, Wasserverbrauch und Kühlkonzepten fehlen, dürfte der Boom vor allem die Kapazitäten außereuropäischer Konzerne in Deutschland vergrößern. Angesichts der Diskussion um digitale Souveränität, die derzeit quer durch Deutschland geführt wird, ist das ein Befund, über den man nicht so einfach hinwegsehen kann.
(red)