Beim Rechenzentrumsbau in Europa entscheidet nicht mehr das Grundstück, sondern der Netzanschluss, wie eine neue Branchenstudie sagt. Investoren ziehen bei fehlender Absicherung die Reißleine.
Der europäische Rechenzentrumsmarkt boomt zwar weiter, doch immer mehr Projekte scheitern schlicht an der Umsetzung. Zu diesem Schluss kommt die Beratungsfirma BCS Consultancy in ihrem aktuellen Report „Data Centre Truths – Summer 2026“, für den mehr als 3.000 Entscheider aus 41 Ländern befragt wurden, darunter Investoren, Betreiber und Entwickler von Rechenzentren.
Das Hauptproblem ist nicht mehr die Nachfrage, die durch den KI-Boom ungebremst weiter steigt. Es ist die Frage, ob ein Projekt überhaupt ans Netz gehen kann. 91 Prozent der Befragten nennen die Verfügbarkeit von Strom inzwischen als wichtigstes Kriterium bei der Standortwahl, noch vor Grundstücksgröße und Lage.
Netzanschluss wichtiger als das Grundstück
Grund dafür sind die langen Wartezeiten für Netzanschlüsse, die sich in Deutschland und weiten Teilen Europas mittlerweile bis in die 2030er-Jahre hinziehen können. Ein reserviertes Grundstück nützt wenig, wenn am Ende kein verlässlicher Stromanschluss folgt. Laut der Studie investieren Kapitalgeber deshalb nur noch dann, wenn ein glaubwürdiger Plan für eine zeitnahe Energieversorgung vorliegt.
Das wirkt sich auch auf die Finanzierungsbedingungen aus: Der Anteil der Investoren, die vor Baubeginn eine Vorvermietungsquote von mindestens 75 Prozent fordern, ist laut BCS Consultancy innerhalb von sechs Monaten von 12 auf 42 Prozent gestiegen. Wer ein Rechenzentrum bauen will, muss also schon vorab nachweisen, dass ein Großteil der Kapazität tatsächlich gebraucht wird.
KI-Nachfrage trifft auf physische Grenzen
78 Prozent der Befragten berichten von einem massiven Nachfrageschub durch KI-Anwendungen. Gleichzeitig geben 90 Prozent an, dass genau dieser Ausbau durch fehlende Kühlkonzepte und Stromkapazitäten ausgebremst wird. Die immer höheren Leistungsdichten pro Rack, wie sie moderne KI-Hardware benötigt, lassen sich mit vielen bestehenden Anlagen schlicht nicht mehr realisieren. Neue, leistungsfähigere Kühltechnik wird damit zur Voraussetzung für weiteres Wachstum.
Fachkräftemangel verschärft die Lage zusätzlich
Neben der Energiefrage sehen die Studienautoren ein zweites großes Risiko in der Bauphase selbst: Erstmals rechnen alle Befragten mit einem weiteren Rückgang verfügbarer Fachkräfte, während 96 Prozent gleichzeitig von steigendem Bedarf ausgehen. Hinzu kommen anhaltende Lieferkettenprobleme, die 91 Prozent der Teilnehmer als Belastung nennen. Die Folge sind absehbare Bauverzögerungen und steigende Kosten.
„Jahrelang ging es in der Branche darum, sich Nachfrage, Grundstücke und Kapital zu sichern. Der grenzenlose KI-Hunger hat den Engpass jedoch entscheidend nach vorne verlagert: Selbst voll finanzierte und genehmigte Projekte scheitern heute an der Umsetzung, weil Netzanschluss, Kühltechnologie und Fachkräfte fehlen.“
Stefan Riedmann, Associate Director bei BCS Consultancy
Besonders kritisch: der Standort Frankfurt/Rhein-Main
Für Deutschland und speziell den größten hiesigen Rechenzentrumsstandort Frankfurt/Rhein-Main verschärft sich die Lage dadurch zusätzlich. Die Region kämpft laut Studie ohnehin schon mit Netzengpässen, langwierigen Genehmigungsverfahren und knappen Flächen. Investoren würden dort künftig noch genauer hinschauen, bevor sie Kapital freigeben.
Die Botschaft der Studie an die Branche ist entsprechend eindeutig: Wer am Markt bestehen will, muss Netzanschluss, Kühlung, Genehmigungsfähigkeit und die Verfügbarkeit von Baukapazitäten von Anfang an als strategische Kernfragen behandeln, nicht als nachgelagerte Detailprobleme.