Digitale Barrierefreiheit stellt Produktentwickler vor Herausforderungen

Unternehmen sind heute stärker gefordert digitale Produkte zu entwickeln, die auch Menschen mit jeglicher Form von Einschränkungen nutzen können. Um ein inklusives Nutzungserlebnis zu erzielen, sollten Unternehmen bei Produktentwicklung einige grundsätzliche Aspekte berücksichtigen.

Wenn Unternehmen ein Produkt entwickeln, müssen sie sicherstellen, dass alle potenziell Nutzenden dieses tatsächlich auch anwenden können: ungeachtet von körperlichen, sprachlichen oder geistigen Einschränkungen. Allein in Deutschland leben 10,4 Millionen Menschen mit einer Einschränkung. Weltweit sind es rund eine Milliarde.

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Status Quo: Wie steht es um digitale Inklusion?

Um mehr Menschen einen Zugang zu Produkten und Dienstleistungen zu ermöglichen, wurde bereits auf europäischer Ebene – mit der Einführung des Europäischen Rechtsakts zur Barrierefreiheit – ein großer Schritt nach vorn gemacht. Darin ist festgelegt, dass Produkte des öffentlichen Sektors ab 2018 und wichtige Produkte und Dienstleistungen des privaten Sektors ab 2025 die Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen müssen.

Jedoch sollten nicht nur Verkehrs- und Mobilitätsangebote, Banken- und Finanzdienstleistungen oder öffentliche Einrichtungen diese Maßgabe schon heute erfüllen. Zwar sind es genau die Segmente, die laut dem Europäischen Rechtsakt zur Barrierefreiheit besonders relevant für das tägliche Leben sind – jedoch schließt eine solche Kategorisierung Produkte und Dienstleistungen aus anderen, wichtigen Lebensbereichen, wie etwa Kochrezepte oder Partnerbörsen, vorerst aus. Über die letzten Jahre zeichnet sich eine positive Entwicklung ab und die digitale Barrierefreiheit rückt bei Unternehmen immer stärker in den Fokus: Sie haben die Notwendigkeit erkannt, Anforderungen an die digitale Inklusion aus geschäftlichen, ethischen oder rechtlichen Gründen zu erfüllen.

Barrierefreiheit während der gesamten Entwicklung bedenken

Digitale Barrierefreiheit muss während des gesamten Entwicklungsprozesses mitgedacht werden: von der Analyse-, über die Design- bis hin zur Entwicklungsphase. Wird das Thema erst am Ende des Prozesses bedacht, bedeutet dies mitunter einen größeren Aufwand, weil das Produkt nachträglich angepasst werden muss. Viele Anforderungen an die digitale Barrierefreiheit sind jedoch bereits dann abgedeckt, wenn man sich an die Best Practices für Design und Entwicklung hält.

Um digitale Barrierefreiheit schon zu Beginn einer Produktentwicklung einfließen zu lassen, können Unternehmen beispielsweise einen Spezialisten für Barrierefreiheit mit in das Projekt einbeziehen. Dieser arbeitet dann mit den Analysten-, Designer-, Qualitätssicherungs- und dem Entwicklerteam zusammen. Der Spezialist für Barrierefreiheit verfügt oft über eine Zertifizierung als Web Accessibility Specialist (ausgestellt von der International Association of Accessibility Professionals). Um das Zertifikat zu verlängern, ist alle drei Jahre eine Schulung erforderlich, in der ihr Wissen über digitale Inklusion auf den neuesten Stand gebracht wird. So gehen Unternehmen sicher, dass Experten stets über aktuelle Dynamiken der Barrierefreiheit Bescheid wissen. Allerdings sollte es auch innerhalb der eigenen Organisation immer einen abteilungsübergreifenden Austausch über wichtige Neuigkeiten rund um Inklusion geben, um bestehendes Wissen zu vertiefen und das Bewusstsein zu schärfen.

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Nutzungserlebnis muss realen Bedingungen standhalten

Unternehmen sollten sich zum Ziel ihrer Produktentwicklung setzen, ein Benutzererlebnis zu schaffen, das allen Herausforderungen der realen Welt gewachsen ist.  Bei barrierefreier Gestaltung gilt es daher auch vorübergehende Beeinträchtigungen (Verletzungen), situative Beeinträchtigungen (Autofahrten) und Einschränkungen aufgrund einer Bevollmächtigung (die Pflege kranker oder älterer Menschen, Familienmitglieder und Freunde mit einer Behinderung) zu berücksichtigen.

Aus diesem Grund ist die User Experience zentral für die Gestaltung von Produkten. Mit ihr lassen Konversion als auch Kundenbindung erhöhen und damit die Umsätze des Unternehmens. Konkret bedeutet dies, dass Webseiten und Apps beispielsweise Barrieren wie Seh- oder Höreinschränkungen, motorische Probleme oder Lernschwierigkeiten berücksichtigen müssen. Ein guter Kontrast zwischen Schriftart, Hintergrundfarbe, Symbolen und Bildern ist somit essenziell. Solch eine barrierefreie Gestaltung hilft nicht nur Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen, sondern auch all denjenigen, die lange Texte auf einem Bildschirm oder bei hellem Licht lesen.

Digitale Barrierefreiheit muss während des gesamten Entwicklungsprozesses mitgedacht werden: von der Analyse-, über die Design- bis hin zur Entwicklungsphase.

Auch Responsives Design ist ein weiteres wesentliches Element von digitaler Barrierefreiheit, das nicht nur älteren und seheingeschränkten Nutzern hilft, sondern dafür sorgt, dass eine Webseite auf jeder Bildschirmgröße gut aussieht. Ebenfalls eine klare Navigation und Bildschirmstruktur sind zentrale Schlüsselelemente digitaler Barrierefreiheit. Der Aufbau einer Website sollte logisch, intuitiv und einfach zu bedienen sein: Ein Grundsatz erfolgreicher UX.

Prinzipiell lohnt es sich das Produkt von Menschen mit Einschränkungen testen zu lassen, um unmittelbares Feedback über die Nutzung des Produkts zu erhalten. Neben automatisierten und manuellen Usability-Tests sollten sie fester Bestandteil der Produktentwicklung sein. Der Grund: Nur etwa 30 Prozent der Zugänglichkeitsprobleme werden mit Hilfe automatisierter Tests gefunden, weshalb manuelle Testdurchläufe und Tests durch Nutzende obligatorisch sind, um lückenlose digitale Barrierefreiheit zu gewährleisten. Auf diese Weise stellen Unternehmen sicher, dass ihre digitalen Produkte und Dienstleistungen in jedem Kontext und für jeden einfach zu benutzen sind.

Entwicklung im Spannungsfeld

Einige Branchen wie etwa die Finanzindustrie, und damit auch FinTech-Unternehmen, strengen staatlichen Regularien unterliegen. Für die Produktentwicklung können diese Vorschriften zu einer Herausforderung werden, denn: Während FinTechs ständig neue Funktionen einführen, um den Zahn der Zeit zu treffen und mit ihrer Konkurrenz konkurrieren können, müssen sie gleichzeitig sicherstellen, dass neu implementierte Features die Anforderungen von digitaler Barrierefreiheit erfüllen, bisherige Funktionen nicht beeinträchtigt werden und alle neuen und bestehenden Komponenten den staatlichen Anforderungen entsprechen FinTech-Produkte stehen somit im ständigen Spannungsfeld zwischen gesetzlichem Anspruch, wirtschaftlichen Konkurrenzverhältnissen, Innovationsdrang und der gesellschaftlichen Anforderung inklusiv und gut nutzbar zu sein. Ein aufwändiger Drahtseilakt für die Entwicklung.

Fazit: Kleines Investment mit großer Wirkung

Digitale Barrierefreiheit ist nicht nur Teil eines unternehmerischen, inklusiven Wertekodex, sondern bildet einen wesentlichen, wirtschaftlichen Erfolgsfaktor bei der Produktentwicklung. Es gilt einerseits digitale Produkte zu entwickeln, die von allen Personen genutzt werden können ohne Menschen mit Einschränkungen auszuschließen. Anderseits profitieren Unternehmen von inklusiven Produkten, da diese ihre potenzielle Zielgruppe vergrößert. Und schließlich ermöglicht digitale Barrierefreiheit nicht nur, dass Menschen mit Einschränkungen jeglicher Art ein Produkt oder eine Dienstleistung nutzen können, sondern führt insgesamt zu einer verbesserten Benutzerfreundlichkeit für alle Zielgruppen. Organisationen sollten daher zwingend Inklusion von Anfang in ihren Entwicklungsprozess integrieren, bei fehlendem Wissen Expertenmeinungen zu Rate ziehen und eigene Erfahrungslücken schließen und Produkte regelmäßig von Personen mit Einschränkungen testen lassen – denn ihre Erfahrung aus dem realen Leben macht digitale Barrierefreiheit in Produkten letztendlich so erfolgreich.

Kaisa Lindström

Mooncascade -

Project Manager

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