Infrastrukturentscheidungen

Daten sind das neue Gold, doch wem gehört die Mine?

Daten

Europa diskutiert digitale Souveränität meist über Datenschutz und Standorte. Doch die eigentliche Machtfrage bleibt unbeantwortet: Wem gehört die Infrastruktur, auf der Europas Daten liegen und wer kann darauf zugreifen?

Daten gelten als strategischer Rohstoff der digitalen Ökonomie. Sie entscheiden über Innovationsfähigkeit, Wettbewerbspositionen und geopolitischen Einfluss. Europa hat diese Bedeutung erkannt und spricht seit Jahren von digitaler Souveränität. Mehr europäische Clouds, strengere Datenschutzregeln und eigene KI-Standards sollen Abhängigkeiten reduzieren. Die Diagnose stimmt, doch die Debatte greift zu kurz.

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Denn sie konzentriert sich vor allem auf Regulierungen und physische Standorte. Die entscheidende Frage bleibt meist unbeantwortet: Wer kontrolliert die Infrastruktur, auf der Europas Daten verarbeitet und gespeichert werden?

Warum Standortpolitik keine Souveränität schafft

Server in Frankfurt oder Paris vermitteln Sicherheit. Doch der physische Standort ist nur ein Teil der Wahrheit. Entscheidend ist, wer die Plattform betreibt, administriert und rechtlich kontrolliert. Solange zentrale Cloud-Infrastrukturen von US-Konzernen betrieben werden, unterliegen sie auch US-Recht, unabhängig davon, wo die Hardware steht.

Diese strukturelle Abhängigkeit ist der Kern des europäischen Souveränitätsdefizits. Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert Zugriffe, Metadaten, Wartung und letztlich auch Macht.

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Extraterritoriales US-Recht als systemisches Risiko

US-Gesetze wie der CLOUD Act, FISA Section 702 oder Executive Order 12333 wirken extraterritorial. Sie verpflichten amerikanische Unternehmen zur Zusammenarbeit mit US-Behörden oder ermöglichen Geheimdienstzugriffe, auch auf Daten europäischer Bürger und Unternehmen, selbst wenn diese außerhalb der USA gespeichert sind.

Der Europäische Gerichtshof hat diese Problematik mehrfach bestätigt. Sowohl Safe Harbor als auch Privacy Shield wurden aufgehoben. Auch das aktuelle EU-US Data Privacy Framework löst das Grundproblem nicht, sondern verschiebt es lediglich politisch. Die rechtliche Zugriffsmöglichkeit bleibt bestehen.

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Geopolitische Realität statt theoretischer Debatte

Was lange als abstraktes Rechtsrisiko galt, ist inzwischen geopolitische Realität. Die Einflussnahme der US-Regierung auf amerikanische Technologiekonzerne hat zugenommen. Der Internationale Strafgerichtshof kündigte jüngst an, zentrale Arbeitsplatzsoftware eines US-Anbieters zu ersetzen, aus Sorge, Technologie könne zum politischen Druckmittel werden.

Gleichzeitig räumte ein hochrangiger Microsoft-Vertreter vor dem französischen Senat ein, dass es keine absolute Garantie gebe, europäische Daten dauerhaft vor dem Zugriff US-amerikanischer Behörden zu schützen. Diese Aussagen markieren einen Wendepunkt in der Debatte.

Konkrete Risiken für Unternehmen

Für Unternehmen ist diese Situation kein politisches Gedankenspiel, sondern ein operatives Risiko. Besonders betroffen sind Branchen mit hochsensiblen Daten: Medizin, Biotechnologie, Forschung, Kanzleien, Patent- und IP-Abteilungen sowie sicherheitsrelevante Industrien.

Moderne Zusammenarbeit ohne Cloud-Infrastruktur ist kaum möglich. Gleichzeitig bleibt bei klassischen Cloud-Modellen ein strukturelles Zugriffs- und Compliance-Risiko bestehen. Unternehmen stehen vor einem Dilemma zwischen Effizienz und Kontrolle.

Ein grundlegend anderer Ansatz zur Datenspeicherung

Dwinity verfolgt nicht die Idee, bestehende Cloud-Modelle „europäischer“ zu machen, sondern stellt deren Grundannahme infrage. Statt zentral betriebener Systeme setzt Dwinity auf eine vollständig dezentrale Speicherinfrastruktur auf Blockchain-Basis. Daten werden fragmentiert, verschlüsselt und verteilt gespeichert – ohne zentrale Administrationsrechte, ohne institutionellen Generalschlüssel, ohne Anbieterzugriff. Der Zugriff liegt ausschließlich beim Nutzer selbst. Der entscheidende Unterschied ist nicht nur technischer Natur, sondern politisch relevant. 

Wo es keine zentrale Kontrolle gibt, gibt es auch keinen zentralen Angriffspunkt, weder für Hacker noch für staatliche Stellen 

Damit entzieht sich diese Form der Datenspeicherung strukturell den Zugriffsmechanismen des US-Rechts, unabhängig davon, wo einzelne Netzwerkknoten stehen.

Digitale Souveränität entsteht nicht durch neue Gipfelbeschlüsse oder wohlklingende Strategiepapiere, sondern durch Infrastrukturentscheidungen. Wer weiterhin auf Systeme setzt, die fremder Rechtsordnung unterliegen, verzichtet faktisch auf Kontrolle, selbst bei bestem Datenschutzrecht.

Daten sind das Gold der digitalen Ökonomie. Europa diskutiert derzeit intensiv über den Schutz dieses Rohstoffs. Doch solange die Minen, Förderanlagen und Tresore anderen gehören, bleibt der Anspruch auf Souveränität ein politisches Versprechen ohne technische Grundlage.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht mehr, ob Europa digitale Unabhängigkeit braucht, sondern wie radikal es bereit ist, sie umzusetzen.

Autor: Christian Mangold, CFO von Dwinity

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