Millionen Versuche, zwei kritische Schwachstellen in der Programmiersprache PHP auszunutzen, haben innerhalb weniger Stunden die Dimension der aktuellen Cyberbedrohung sichtbar gemacht.
Welche Cybersecurity-Anbieter das digitale Wettrüsten monetarisieren

Der IT-Infrastrukturanbieter Cloudflare registrierte bereits in den zehn Stunden vor der öffentlichen Bekanntgabe Tausende Angriffsversuche. Die Schwachstellen erlauben Angreifern, aus der Ferne Schadcode auf betroffenen Servern auszuführen, was zu Ausfällen und finanziellen Verlusten führen kann.
Ob und in welchem Umfang KI-Agenten hinter der Angriffswelle stehen, ist bislang noch nicht bekannt. Die Schwachstellen dürften jedoch mithilfe von KI entdeckt worden sein. „Der PHP-Fall zeigt, wie stark sich das Zeitfenster zwischen Entdeckung und Ausnutzen einer Schwachstelle verkürzen kann. Im Cybersecurity-Markt entsteht deshalb ein Wettrüsten nach dem Prinzip KI gegen KI: Angreifer automatisieren die Suche nach Angriffsmöglichkeiten und passen diese fortlaufend an, während Verteidiger Bedrohungen früher erkennen und in Echtzeit abwehren müssen“, so Jens Klatt, Marktanalyst beim Online-Broker XTB.
Cybersecurity wird zur Voraussetzung für den KI-Ausbau
Mit dem Einzug autonomer KI-Systeme in Unternehmen wächst die Angriffsfläche zusätzlich. Agenten greifen auf Anwendungen und Daten zu und führen Aufgaben teilweise ohne unmittelbare menschliche Freigabe aus. OpenAI als auch Meta haben ihre ersten Modelle für Endkunden bereits vorgestellt, Prognosen zufolge dürfte der Markt für Agentic AI in den nächsten Jahren auf mehrere Milliarden US-Dollar anwachsen.
Damit steigt auch die Nachfrage nach Cybersecurity-Lösungen, die den neuen technischen Herausforderungen gewachsen sind. Der steigende Schutzbedarf führt aber nicht automatisch zu höheren Erlösen bei jedem Anbieter. Viele Unternehmen reduzieren die Zahl einzelner Sicherheitswerkzeuge und bündeln Sicherheiten für Netzwerk und Daten auf wenigen Plattformen. Diese Konsolidierung begünstigt Anbieter, die mehrere Sicherheitsfunktionen integrieren und zusätzliche Produkte an bestehende Kunden verkaufen können. „Besonders gut positioniert sind daher Anbieter mit einem hohen Anteil wiederkehrender Umsätze, steigenden Ausgaben bestehender Kunden und einer Plattform, auf der sich weitere Sicherheitsmodule ergänzen lassen“, sagt Klatt.
Sicherheits-Spezialisten könnten jetzt besonders profitieren
Der Trend zur Konsolidierung in der Branche zeigt sich zuletzt bei großen Übernahmen. Google vereinbarte den Kauf des Cloud-Sicherheitsanbieters Wiz für 32 Milliarden US-Dollar. Palo Alto Networks kündigte die Übernahme des Spezialisten für Identitätssicherheit CyberArk für rund 25 Milliarden US-Dollar an. Beide Transaktionen zielen unter anderem auf die Absicherung von Cloud-Umgebungen und autonomen KI-Agenten ab.
Dennoch sollte man vorerst keinen Markt erwarten, den ausschließlich wenige Konzerne beherrschen: „KI schafft neue Sicherheitskategorien, in denen Spezialisten zunächst schneller sein können als große Plattformen. Das gilt etwa für die Identitätsprüfung von Agenten, den Schutz von Datenströmen sowie für industrielle Steuerungssysteme. Erfolgreiche Spezialanbieter werden entweder eine eigene Plattform aufbauen, die nur schwer zu kopieren ist oder zum Übernahmeziel eines größeren Anbieters“, so XTB-Analyst Klatt.
Palo Alto Networks und Crowdstrike: Plattformstrategie trifft auf KI-Erlöse
Palo Alto Networks gehört zu den zentralen Profiteuren derzeitiger Plattformentwicklung. Das Unternehmen verbindet Netzwerk-, Cloud-, und Sicherheitsbetriebsfunktionen. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 stiegen die jährlich wiederkehrenden Erlöse im Bereich Next-Generation Security nach Unternehmensangaben um 63 Prozent auf 9,1 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen gewann in diesem Quartal annähernd eine Milliarde US-Dollar an neuen wiederkehrenden Erlösen hinzu. Die konzerneigene KI-Sicherheitsplattform Prisma AIRS überschritt innerhalb von vier Quartalen nach ihrer Markteinführung die Schwelle von 100 Millionen US-Dollar jährlich wiederkehrender Erlöse.
Der Cybersecurity-Spezialist CrowdStrike erzielt rund 95 Prozent seiner Erlöse über Abos und verfügt über jährlich wiederkehrende Erlöse von mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Die Netto-Umsatzbindung liegt typischerweise oberhalb von 115 Prozent, bestehende Kunden weiten ihre Ausgaben demnach im Durchschnitt aus. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten das Falcon-Flex-Modell und zusätzliche integrierbare Module, darunter Lösungen zur KI-gestützten Erkennung von Bedrohungen. Die Free-Cashflow-Marge erreicht häufig mehr als 30 Prozent. „Breit ausgelegte Plattformen bieten die Chance, neue Funktionen an bestehende Großkunden zu verkaufen Für Anleger bleibt aber auch entscheidend, ob die Nutzung mehrerer Module weiter steigt und sich in höheren Erlösen je Kunde niederschlägt“, sagt Klatt.
KI-Agenten steigern Bedarf an Identitätsprüfung
Das Cloud-Sicherheitsunternehmen Zscaler verzeichnet ebenfalls ein starkes Wachstum seiner jährlich wiederkehrenden Erlöse. Besonders entwickeln sich die Angebote im Bereich „Security for AI“. Zugleich verbessert das Unternehmen seine bereinigte operative Marge. Bei der Absicherung KI-basierter Arbeitslasten setzt Zscaler zunehmend auf nutzungsabhängige Abrechnungsmodelle. Dadurch können die Erlöse mit dem Datenverkehr und der Nutzung der geschützten Anwendungen steigen. Das Unternehmen zielt insgesamt auf jährlich wiederkehrende Erlöse in mehrfacher Milliardenhöhe.
Cloudflare steigerte seinen Umsatz zuletzt um rund 30 bis 36 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorjahreszeitraum, die Netto-Umsatzbindung lag bei etwa 120 Prozent. Der Umsatz mit bestehenden Kunden erhöhte sich damit unter Berücksichtigung von Erweiterungen, Reduzierungen und Kündigungen innerhalb eines Jahres um rund 20 Prozent. Cloudflare ist stark in die globale IT integriert und profitiert davon, dass der zunehmende Einsatz von KI-Agenten mehr automatisierten Datenverkehr erzeugt, der geprüft werden muss.
„Zscaler und Cloudflare profitieren an unterschiedlichen Stellen derselben Entwicklung. Zscaler kontrolliert nach dem Zero-Trust-Prinzip die Zugriffe von Menschen und zunehmend auch KI-Agenten auf Anwendungen und Unternehmensdaten. Cloudflare sitzt mit seinem globalen Netzwerk an einem zentralen Kontrollpunkt des Internetverkehrs. Je mehr automatisierte Zugriffe KI-Agenten erzeugen, desto stärker steigt der Bedarf an Identitätsprüfung und Anwendungsschutz“, so Jens Klatt.
Woran Anleger echte KI-Monetarisierung erkennen
Nicht jedes Unternehmen, das bestehende Produkte mit einem KI-Etikett versieht, erzielt daraus zusätzliche Erlöse. Anlegern ist daher empfohlen, auf konkrete und vergleichbare Kennzahlen zu achten. „Messbare produktspezifische Erlöse, zusätzliche Buchungen und steigende Ausgaben bestehender Kunden sind bedeutender als allgemeine Aussagen zu KI. Wichtig ist außerdem, ob Wachstum und Marge gemeinsam steigen. Wenn hohe Investitionen in KI dauerhaft den freien Cashflow belasten, ist die wirtschaftliche Qualität geringer, als es das Umsatzwachstum zunächst vermuten lässt“, sagt Klatt.






