Der Shopify-Chef, der KI-Nutzung einst zur Pflicht machte, sieht inzwischen ein wachsendes Problem: Mitarbeiter reichen unausgereifte, KI-generierte Arbeit ungeprüft an Kollegen weiter.
Noch vor rund einem Jahr zählte Tobias Lütke zu den entschiedensten Befürwortern von KI im Arbeitsalltag. Der Mitgründer und Chef von Shopify erklärte den Einsatz entsprechender Werkzeuge damals zur Grundvoraussetzung für seine Belegschaft: Wer zusätzliches Personal beantragen wollte, sollte zunächst zeigen, dass die Aufgabe auch mit KI-Unterstützung nicht lösbar war. In einem aktuellen Interview klingt das nun anders.
Wenn KI-Ergebnisse ungeprüft weitergereicht werden
Im Podcast „The Knowledge Project“ sprach Lütke über eine Entwicklung, die im Unternehmen mittlerweile für Reibung sorgt. Für das Verhalten, KI-Ergebnisse ungeprüft an Kollegen weiterzureichen, habe sich intern bereits ein eigener Begriff eingebürgert: „Wir nennen das Slop-Granaten, die sich Leute gegenseitig zuwerfen“, sagte er. Er fügte hinzu, das sei „definitiv keine gute Sache“.
Als Beispiel führte Lütke E-Mails an: KI solle eigentlich dabei helfen, Punkte zusammenzufassen, statt daraus, wie er es nannte, „eine große Abhandlung“ zu machen, die am Ende niemandem nütze. Das Ergebnis beschrieb er so: „Man liest es gar nicht richtig, und dann muss es von den Kollegen geprüft werden, die dann sagen, das sieht nicht richtig aus.“ Man lasse eben die KI die Arbeit für sich erledigen, so sein Fazit.
Forscher beziffern die Folgekosten
Für minderwertige, aber äußerlich professionell wirkende KI-Ergebnisse etablierte sich in der Forschung mittlerweile ein eigener Fachbegriff. Das Beratungsunternehmen BetterUp Labs untersuchte das Phänomen zusammen mit dem Social Media Lab der Stanford University in einer Befragung von 962 vollzeitbeschäftigten Büroangestellten in den USA. Gut die Hälfte der Teilnehmer räumte ein, bereits selbst solche minderwertigen Ergebnisse weitergegeben zu haben, besonders häufig dort, wo Unternehmen aktiv zum KI-Einsatz ermutigen. Gut ein Drittel gab an, umgekehrt betroffen gewesen zu sein, und bezifferte den zusätzlichen Aufwand für die Korrektur auf durchschnittlich 3,4 Stunden pro Monat.
Genannt wurden etwa formal einwandfreie E-Mails mit nicht funktionierenden Links oder Programmcode, der unnötig kompliziert aufgebaut war. Der entscheidende Punkt laut Studie: Anders als gewöhnlich schwache menschliche Arbeit wirken solche Ergebnisse auf den ersten Blick fundiert, obwohl ihnen die inhaltliche Substanz fehlt.
Die Befragung zeigt auch Folgen für das Miteinander im Team. Kollegen, die im Verdacht standen, solche Inhalte verschickt zu haben, wurden von den Befragten als weniger fähig und weniger angenehm im Umgang eingeschätzt. Mehr als ein Drittel der Betroffenen erklärte, künftig lieber nicht mehr mit den entsprechenden Personen zusammenarbeiten zu wollen.
Gegenüber dem Vorjahr ist der Aufwand spürbar gestiegen. 2025 hatten 40 Prozent der Befragten von entsprechenden Problemen berichtet, mit einem durchschnittlichen Korrekturaufwand von zwei Stunden. Damals wurden die Kosten auf 186 US-Dollar pro Monat und Beschäftigten geschätzt, hochgerechnet auf ein Unternehmen mit 10.000 Mitarbeitern ergab das einen möglichen jährlichen Produktivitätsverlust von bis zu 9 Millionen US-Dollar.
(red)