Für viele Unternehmen in Europa gehört die Möglichkeit eines von den USA verhängten Kill Switch für Cloud-Dienste mittlerweile zu den ernsthaftesten Bedrohungen für den Geschäftsbetrieb.
Zu diesem Schluss kommt eine Befragung von 1.500 Firmen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, die der Anbieter Proton in Auftrag gegeben hat. Da zahlreiche Betriebe ihre IT-Infrastruktur auf wenige große US-Anbieter gestützt haben, wächst die Sorge, dass der Zugriff auf diese Plattformen kurzfristig eingeschränkt werden könnte. In der Studie gaben 74 Prozent der Teilnehmer an, zumindest in gewissem Maß über ein solches Szenario besorgt zu sein. Lediglich fünf Prozent zeigten sich vollkommen unbesorgt. Laut Proton bewegt sich diese Sorge damit ungefähr auf demselben Niveau wie die Angst vor Ransomware-Attacken.
Notfallpläne bleiben die Ausnahme
Für den Fall einer tatsächlichen Sperre gaben zwei Drittel der Unternehmen an, zu einem anderen Anbieter wechseln zu wollen. Am ehesten dazu bereit sind britische Firmen mit 75 Prozent, gefolgt von deutschen Unternehmen mit 68 Prozent und französischen mit 61 Prozent. Allerdings verfügen nur 44 Prozent überhaupt über einen schriftlich festgehaltenen und regelmäßig geprüften Plan für einen solchen Ausfall. Ein Wechsel des Anbieters würde also in den meisten Fällen ohne getestete Rückfalloption erfolgen, mitten unter dem Druck eines akuten Ausfalls.
Der Kill Switch sei laut Proton-Manager Raphaël Auphan „kein abstraktes geopolitisches Anliegen mehr, sondern eine Krise für die Betriebskontinuität“. Damit sei die Sorge davor, so seine Einschätzung, kaum noch von der Sorge vor Ransomware zu unterscheiden. Das zeige, wie ernst digitale Abhängigkeit inzwischen auf Führungsebene genommen werde: Sie stehe mittlerweile auf derselben Stufe wie kriminelle Angriffe, mit vergleichbarer Dringlichkeit und der Erwartung, jederzeit ohne Vorwarnung eintreten zu können.
Ein einziger Ausfalltag könnte teuer werden
Die befragten Unternehmen erwarten im Ernstfall erhebliche Auswirkungen. Mehr als die Hälfte, konkret 55 Prozent, geht davon aus, ohne Cloud– und Onlinedienste nicht länger als einen Tag durchzuhalten, bevor der Betrieb stillsteht. In allen drei Ländern werden dieselben beiden Hauptprobleme genannt: Mitarbeitende könnten nicht mehr produktiv arbeiten, und Kunden könnten nicht mehr betreut werden. Beide Punkte nannten jeweils 36 Prozent der Teilnehmer.
Auch finanziell rechnen die Unternehmen mit spürbaren Folgen. Kleine Betriebe schätzen ihren Schaden pro Ausfalltag meist auf 5.000 bis knapp 10.000 Euro, mittelgroße Unternehmen auf 10.000 bis knapp 50.000 Euro. Bei großen Unternehmen fallen die Erwartungen deutlich höher aus: 45 Prozent rechnen mit Verlusten von über 50.000 Euro an einem einzigen Tag, 29 Prozent sogar mit mehr als 100.000 Euro.
Politischer Hintergrund der Befürchtungen
Proton hält die Sorge vor einem von den USA ausgehenden Kill Switch für nicht unbegründet. Als Grund nennt die Studie die wiederholte Kritik von US-Präsident Donald Trump an europäischer Technologieregulierung, insbesondere im Bereich Wettbewerbsrecht und Datenschutz. Anfang 2025 unterzeichnete Trump ein Memorandum, das amerikanische Unternehmen ausdrücklich vor sogenannter „Erpressung“ durch ausländische Regulierungsbehörden schützen soll. Der Digital Markets Act der EU wird darin namentlich als Beispiel angeführt.
(red)