Der Marktforscher Gartner prognostiziert, dass bis 2029 rund 60 Prozent der Unternehmen auf deutlich kleinere Software-Entwicklungsteams setzen werden, aktuell sind es erst 15 Prozent.
Grund dafür sei der zunehmende Einsatz von KI in der Softwareentwicklung. Wer allerdings glaubt, dass sich damit vor allem Personalkosten sparen lassen, liegt laut den Analysten falsch. Nach Einschätzung von Gartner-Analystin Aliyah Camacho führt der KI-Einsatz nicht zu einem Abbau von Entwicklerstellen, sondern zu einer Neuverteilung von Aufgaben. „KI verändert die Softwareentwicklung grundlegend. Sie definiert Rollen neu, erfindet Teams neu und treibt die Nachfrage nach mehr Software-Entwicklern voran, nicht nach weniger“, so Camacho. Die notwendigen Ressourcen, um die wachsende Nachfrage nach Software und komplexen KI-gestützten Anwendungen zu decken, würden die Effizienzgewinne durch KI übersteigen.
„Tiny Teams“ als neues Organisationsmodell
Das Ergebnis dieser Entwicklung sind laut Gartner sogenannte „Tiny Teams“, schlanke Entwicklungsteams, die menschliche und KI-Fähigkeiten gezielt kombinieren. „Tiny Teams sind keine Maßnahme zur Kostenoptimierung“, stellt Camacho klar. „Es handelt sich um eine Restrukturierung der Teams, um die Fähigkeiten und Stärken von Mensch und KI bestmöglich zu nutzen.“
Wie groß ein solches Team ausfällt, hängt stark vom jeweiligen Produkt und den Anforderungen ab. „Die heutigen Tiny Teams haben typischerweise vier bis fünf Mitglieder, manche kommen aber auch mit zwei bis drei aus. Das wird mit zunehmender Reife der Mitarbeiterfähigkeiten und der KI-Fähigkeiten üblicher werden“, erklärt Camacho. „Am wichtigsten ist, dass Tiny Teams klein genug bleiben, um wendig und effektiv zu sein, aber groß genug, um unterschiedliche Ideen und alternative Sichtweisen zu fördern.“
Damit dieses Modell funktioniert, benötigen die Tiny Teams Unterstützung durch robuste Platform-Engineering-Teams, die standardisierte, automatisierte Workflows sowie Self-Service-KI-Tools bereitstellen. Nur so könnten sich die kleinen Teams auf wertschöpfende Arbeit konzentrieren.
Warnung vor dem Verzicht auf Nachwuchskräfte
Ein wichtiger Punkt der Studie: Tiny Teams brauchen vielseitige, gut ausgebildete Mitarbeiter, etwa einen Product Manager, einen UX/AX-Designer (Agent Experience) sowie mindestens einen KI-erfahrenen Software-Entwickler. Klassische Rollengrenzen lösen sich dabei zunehmend auf, da jedes Teammitglied ein breites Spektrum an Aufgaben übernimmt, von der Geschäftszielanalyse über Produktdesign bis zur Steuerung von KI-Agenten.
Gartner warnt jedoch ausdrücklich davor, deswegen bei der Einstellung und Entwicklung von Nachwuchskräften zu sparen. „Eine Verlangsamung der Einstellung auf Junior-Ebene könnte zu erheblichen Problemen führen, darunter eine Behinderung des Wissenstransfers, eine Einschränkung der internen Talent-Pipeline und eine Beschränkung der Rekrutierung auf teurere und umkämpftere Senior-Positionen“, so Camacho.
Die Analysten gehen davon aus, dass Unternehmen, die KI nutzen, um gezielt Junior-Stellen abzubauen, bis 2028 ihre eigene Nachwuchs-Pipeline in der Softwareentwicklung aushöhlen werden.
(red)