Es ist 2026. Und der Hype um die künstliche Intelligenz ist da angekommen, wo beinahe jede Transformation endet. In der Realität des deutschen Mittelstands.
Während auf Vorstandsebene über transformative Visionen und enorme Einsparpotenziale diskutiert wird, kämpfen IT- und Abteilungs-Chefs an vorderster Front, um die Wünsche der Chefetage zu erfüllen. Umso ärgerlicher, wenn teure Tech-Stacks dann nicht die erhoffte Performance liefern.
Das Problem liegt dabei selten an den Modellen selbst. Es ist die Art und Weise, wie sie implementiert werden. Wer KI als isolierte Software-Tools betrachtet, die man einfach über bestehende Strukturen stülpt, wird scheitern. Nachhaltiger Erfolg gelingt nur durch einen radikal nutzerzentrierten Ansatz: das sogenannte „AI Shadowing“. Erst wenn wir menschliche Verhaltensweisen und reale Workflows präzise analysieren, können wir produktive KI-Prozesse entwickeln, die echten geschäftlichen Mehrwert generieren.
Das Prinzip des AI Shadowing
Der Grundgedanke ist simpel: Bevor eine Zeile Code geschrieben wird, wird beobachtet. Konkret bedeutet das, Mitarbeitende in ihrem Arbeitsalltag zu begleiten und zu dokumentieren, was sie wirklich tun, nicht was in Prozessdokumenten steht.
In vielen Service-Umgebungen entfällt ein Großteil der täglichen Arbeitszeit auf wenige, sich wiederholende Abläufe: die manuelle Übertragung von Daten zwischen Systemen, das Suchen nach Informationen, die eigentlich vorhanden, aber nicht auffindbar sind, oder das Nachfragen beim Kunden nach Angaben, die eigentlich schon hätten vorliegen müssen. Wenn in 80 Prozent der Fälle manuell nach der Bestellnummer gefragt werden muss, weil das CRM nicht mit dem Ticketsystem spricht, dann bringt die beste KI nichts, solange dieser Systembruch nicht behoben ist.
Die praktische Umsetzung des AI Shadowing beginnt mit sechs Leitfragen: Wo werden Daten manuell zwischen Systemen übertragen? Wo wird täglich länger als 15 Minuten nach Informationen gesucht? Wo entstehen Fehler, weil ein „zweites Paar Augen“ fehlt? Welche Reports werden immer wieder ähnlich erstellt? Wo warten Kunden auf Antworten, die automatisierbar wären? Wo geht Wissen beim Austritt von Mitarbeitenden verloren? Wiederkehrende Antworten aus verschiedenen Abteilungen markieren den ersten, belastbaren Use Case.
Umsetzung in der Praxis
Ein konkretes Beispiel aus unserer Praxis: Ein mittelständischer Hersteller von Aufzugssteuerungen stand vor einem klassischen Skalierungsproblem. Mit mehr und mehr Anlagen stiegen die Anfragen an den technischen Support massiv an. Die erste Reaktion des Unternehmens war, einen KI-gestützten Chatbot zu implementieren, der häufige Fragen beantwortet. Was fehlte, war die Analyse der eigentlichen Engpässe. Wo steckten Techniker wirklich fest?
Die Antwort lag nicht im Kundenkontakt, sondern einen Schritt davor: in der internen Wissenssuche des Support-Teams. Handbücher, Projektdokumentationen und Produktkonfigurationen waren in unterschiedlichen Formaten vorhanden, gewachsenen Strukturen, die kaum durchsuchbar waren. Die Lösung war ein KI-Agent, der technische Dokumentationen so zugänglich macht, dass Techniker vor Ort Antworten in Sekunden statt Minuten erhalten.
Um solche Use Cases auch zu realisieren, bedarf es eines Partners, der strategische Beratungskompetenz nahtlos mit tiefem technologischem Know-how verbindet. Bei der OPEN Digitalgruppe haben wir eine eigens entwickelte Intelligence Management Platform eingeführt. Sie bietet Unternehmen zentralen Zugriff auf mehr als 50 KI-Modelle in einer gesicherten Cloud. Und damit die perfekte Test-Umgebung.
Innovationspotenzial
Nur ist es mit diesem Schritt meistens nicht getan. Häufig zeigt sich, dass die Daten das eigentliche Problem sind. Wissensdatenbanken, die über Jahre organisch gewachsen sind, sind auf menschliche Leser ausgerichtet, nicht auf maschinelle Verarbeitung. Ein Artikel, der fünf verschiedene Themen behandelt, erzeugt für die KI fünf verschiedene, schlecht gewichtete Antwortmuster. Redundante Formulierungen führen zu Konfusion. Bilder ohne Textbeschreibung sind für das System unsichtbar.
Was robuste KI-Systeme tatsächlich brauchen, ist strukturiertes Wissen nach klaren Prinzipien: Ein Wissensbaustein beantwortet exakt eine Frage, nicht mehr. Das Wichtigste steht in den ersten 75 Wörtern. Medien werden textuell beschrieben. Redundante Keywords werden vermieden. Diese Prinzipien klingen technisch, sind aber im Kern eine redaktionelle Entscheidung: Der Mensch muss das Wissen so aufbereiten, dass eine Maschine es zuverlässig nutzen kann.
Dieser Schritt wird in vielen KI-Projekten entweder übersprungen oder unterschätzt. Dabei ist er der Unterschied zwischen einem System, das in der Pilotphase beeindruckt, und einem, das im produktiven Betrieb skaliert. Dass sich der strategische Aufwand eines umfassenden Prozess-Redesigns lohnt, zeigen Studien. Unternehmen, die KI konsequent und prozessintegriert umsetzen, erzielen laut BCG ein 3,6-mal höheres Umsatzwachstum und eine 1,6-mal höhere EBIT-Marge als die Nachzügler.
Fazit
Zusammenfassend zeigt sich: Gerade in wirtschaftlich unplanbaren Zeiten sollten Investitionen in Technologie vorab geprüft werden. Wer KI als reines IT-Infrastrukturprojekt begreift, investiert am Bedarf vorbei. Der Schlüssel zu echter Performance liegt im detaillierten Verstehen des menschlichen Workflows. Der sicherste Weg besteht darin, nicht mit dem teuersten Großprojekt zu starten, sondern mit dem schmerzhaftesten Punkt im Unternehmen.