Während China, Indien und die USA ihre Fabriken konsequent software- und datengetrieben modernisieren, bleibt die DACH-Region in vielen Bereichen hinterher.
Das zeigt das Industrie 4.0 Barometer 2026, das die Management- und IT-Beratung MHP gemeinsam mit Prof. Dr. Johann Kranz von der LMU München veröffentlicht hat.
Digitale Transformation stagniert in Europa
Laut Markus Wambach, Group COO bei MHP, sind nur 3 Prozent der Unternehmen in der DACH-Region mit Software-Defined Manufacturing vertraut, während es in China und Indien 30 Prozent sind. „Wer Produktionssteuerung, Daten und Software nicht strategisch zusammenführt, riskiert seine Wettbewerbsfähigkeit“, warnt Wambach.
Die Studie befragte mehr als 1.200 Personen aus Industrieunternehmen in DACH, UK, USA, China, Indien und Mexiko. Sie bewertet Fortschritte in Bereichen wie Supply-Chain-Transparenz, digitaler Zwilling, Künstliche Intelligenz (KI) und Software-Defined Manufacturing (SDM).
International steigt der Digitalisierungsgrad der Industrie auf durchschnittlich 68 Prozent. China führt mit 72 Prozent, die USA liegen bei 69 Prozent, Indien bei 68 Prozent und Mexiko bei 67 Prozent. DACH stagniert bei 57 Prozent, das Vereinigte Königreich liegt bei 62 Prozent. Prof. Dr. Kranz kommentiert: „Europa kommt voran, aber Länder wie USA und China setzen digitale Produktionstechnologien schneller und integrierter um.“
Die Hauptgründe für die langsame Transformation liegen in heterogenen Altsystemen, fragmentierten Datenlandschaften und begrenzter Interoperabilität. In der DACH-Region bewerten 42 Prozent der Befragten Datensilos als Hemmnis, 52 Prozent nennen ihre historisch gewachsenen IT-Systeme.
Digitaler Zwilling setzt sich durch
Bei digitalen Zwillingen zeigt sich ein klarer Trend: Der Einsatz in Werken und Maschinen steigt auf 62 Prozent, in der Logistik auf 67 Prozent. China führt hier mit 84 Prozent in der Logistik, Mexiko erreicht 74 Prozent, Indien 68 Prozent und die USA 61 Prozent. DACH liegt bei nur 42 Prozent.
Im Bereich Künstliche Intelligenz führt China mit 71 Prozent vor Indien (61 Prozent) und den USA (57 Prozent). Die DACH-Region erreicht lediglich 37 Prozent. Viele europäische Unternehmen nutzen KI bisher nur pilotartig, obwohl 51 Prozent erhebliche Auswirkungen auf ihre Branche in den nächsten fünf Jahren erwarten. Diese Lücke zwischen Erwartungen und Realität wird als KI-Hype-Gap bezeichnet.
SDM trennt die Produktionssteuerung von physischer Hardware und ermöglicht standortübergreifende, flexible Fertigung. Unternehmen mit CIO setzen SDM deutlich häufiger strategisch ein. Vertrautheit mit SDM ist in Indien und China am höchsten (30 Prozent), in DACH bei nur 3 Prozent, im Vereinigten Königreich bei 6 Prozent.
Ausblick: Europa muss modernisieren
Die Mehrheit der Befragten weltweit erwartet, dass sich ihre Branche in den nächsten zehn Jahren erheblich verändern wird. In Indien sehen 44 Prozent softwaregesteuerte Ansätze als branchenverändernd, in DACH nur 17 Prozent. Die Investitionsbereitschaft spiegelt dies wider: Indien 71 Prozent, Mexiko 65 Prozent, USA 59 Prozent, DACH nur 29 Prozent.
Prof. Dr. Christina S. Reich von der FOM Hochschule kommentiert: „Europa fokussiert sich stark auf Effizienz und Kostenoptimierung, wodurch strategisches Potenzial für Wachstum und Innovation ungenutzt bleibt. Emerging Markets verfolgen differenzierte strategische Ziele und setzen gezielt auf Qualitätssteigerung und Marktpositionierung.“
Für die DACH-Region ist der Abbau technischer Schulden, die Vereinheitlichung von IT- und OT-Strukturen sowie die konsequente Ausrichtung auf softwarebasierte, skalierbare Architekturen entscheidend, um international konkurrenzfähig zu bleiben. SDM wird dabei zum Gradmesser für industrielle Zukunftsfähigkeit und zum zentralen Erfolgsfaktor im Kontext von Industrie 4.0.