Der Mainstream-Support für SAP Commerce (Hybris) endet im Juli 2026. Für viele Unternehmen ist das mehr als ein technischer Wartungstermin – es zwingt sie, ihre gesamte E-Commerce-Architektur zu überdenken.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wie man die Plattform ersetzt, sondern wie der digitale B2B-Vertrieb künftig grundsätzlich organisiert werden soll.
Eine Plattformgeneration erreicht ihr Lebensende
Viele Industrie- und Handelsunternehmen haben ihre digitalen Vertriebssysteme über Jahre hinweg auf SAP Commerce aufgebaut. Die Plattform galt lange als Standardlösung für komplexe B2B-Szenarien – etwa für kundenspezifischen Preislisten, umfangreichen Produktkatalogen oder mehrstufigen Freigabeprozessen.
Mit dem Ende des Mainstream-Supports im Juli 2026 endet jedoch die aktive Weiterentwicklung der On-Premise-Version. Danach stehen keine neuen Sicherheitspatches, Compliance-Updates oder funktionalen Erweiterungen mehr zur Verfügung.
Für IT- und Digitalverantwortliche bedeutet das: Die bestehende Plattformstrategie muss neu bewertet werden.
Drei Optionen – aber nicht alle lösen das Problem
Unternehmen, die heute SAP Commerce (Hybris) einsetzen, haben grundsätzlich drei Handlungsoptionen.
1. Migration in die Cloud-Version der Plattform
Der naheliegendste Schritt ist die Migration zur Cloud-Variante. Diese reduziert zwar den Infrastrukturaufwand, übernimmt aber im Kern dieselbe Architektur.
SAP Commerce (Hybris) bleibt auch in der Cloud eine monolithische Plattform – also ein System, in dem viele Funktionen eng miteinander gekoppelt sind. Änderungen an Preislogiken, Workflows oder Integrationen erfordern deshalb weiterhin Entwicklungszyklen, Tests und Releases.
Gerade im B2B-Commerce mit stark individualisierten Geschäftsprozessen kann dies Innovationen verlangsamen. Hinzu kommt der Aufwand solcher Migrationen: In komplexen Systemlandschaften dauern Replatforming-Projekte häufig zwölf bis achtzehn Monate. Damit wird ein strukturelles Problem oft nur verschoben – nicht gelöst.
2. Verlängerung der Wartung
Eine zweite Option ist die Verlängerung der Wartung über individuelle Supportvereinbarungen. Diese Strategie verschafft Zeit, löst aber ebenfalls keine grundlegenden Herausforderungen.
Zwar bleibt der Zugriff auf bestehende Bugfixes erhalten, neue Sicherheitsupdates oder regulatorische Anpassungen werden jedoch nicht mehr bereitgestellt. Gerade in Zeiten steigender Anforderungen an Datenschutz, Cybersecurity und Compliance entstehen dadurch langfristige Risiken. Zudem schrumpft der Markt für Spezialisten, die ältere Commerce-Plattformen betreuen können.
3. Wechsel auf eine neue Commerce-Architektur
Für immer mehr Organisationen wird das Support-Ende deshalb zum Anlass, nicht nur die Plattform zu ersetzen, sondern den gesamten Architekturansatz zu überdenken. Der Fokus verschiebt sich dabei von klassischen Plattformlösungen hin zu modularen, cloud-nativen Commerce-Architekturen. Diese basieren häufig auf dem sogenannten MACH-Prinzip– Microservices, API-first, Cloud-native und Headless.
Der Unterschied ist grundlegend: Statt einer großen, zentralen Plattform besteht das System aus kleineren Services, die unabhängig voneinander erweitert oder ausgetauscht werden können. Das ermöglicht deutlich schnellere Anpassungen, etwa bei neuen Vertriebskanälen, Preisstrategien oder digitalen Services.
Commerce wird zu Autonomous Commerce
Gleichzeitig verändert sich auch die Rolle des E-Commerce selbst. Während frühere Plattformen primär digitale Vertriebskanäle oder Online-Shops bereitstellten, entwickeln sich moderne Systeme zunehmend zu Plattformen, die komplette Geschäftsprozesse im Hintergrund steuern und automatisieren.
Im Zentrum stehen dabei durchgängige Commerce-Workflows – vom ersten Kundenkontakt über Angebot und Bestellung bis hin zu Lieferung und Fulfillment. Diese Prozesse werden in zusammenhängenden Workflow-Ketten, sogenannten Value Streams, organisiert. Ein Value Stream bildet dabei einen vollständigen Geschäftsablauf ab, anstatt einzelne Systemfunktionen isoliert zu betrachten.
Im B2B-Umfeld betrifft das unter anderem:
- Angebotserstellung und dynamische Preislogiken
- kundenspezifische Freigabeprozesse
- Bestell- und Fulfillment-Workflows
- Integration von ERP-, CRM- und Logistiksystemen
Warum ein Architekturwechsel langfristig sinnvoll ist
Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Eine reine Plattformmigration adressiert vor allem das Supportproblem – nicht jedoch die strukturellen Herausforderungen gewachsener Commerce-Landschaften.
Ein Wechsel zu einer neuen Plattformgeneration bietet dagegen mehrere Vorteile:
- Eine modulare Architektur erhöht die Flexibilität, da einzelne Funktionen unabhängig voneinander erweitert oder angepasst werden können.
- Neue Geschäftsmodelle lassen sich deutlich schneller umsetzen, weil Änderungen nicht mehr aufwendig in einer monolithischen Plattform entwickelt und getestet werden müssen.
- Cloud-native Systeme reduzieren den Wartungsaufwand, da Updates kontinuierlich bereitgestellt werden und aufwendige Upgrade-Projekte entfallen.
- Die Integration in bestehende Systemlandschaften wird einfacher, weil moderne Plattformen auf offenen APIs und standardisierten Schnittstellen basieren.
Gerade im B2B-Commerce, wo Prozesse komplex und individuell sind, wird diese Flexibilität zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für die strategische Entscheidung
Das Ende des Supports für SAP Commerce (Hybris) ist daher weniger ein technisches Problem als ein strategischer Wendepunkt. Unternehmen, die lediglich ihre bestehende Plattform ersetzen, riskieren, ihre Architekturprobleme in die nächste Technologiegeneration zu übertragen. Organisationen, die diesen Moment für einen grundlegenden Architekturwechsel nutzen, können dagegen ihre Commerce-Systeme deutlich flexibler, automatisierter und innovationsfähiger aufstellen. Für viele B2B-Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Nicht die nächste Plattformmigration entscheidet über die Zukunft des digitalen Vertriebs – sondern der Wechsel zu einer neuen Generation von Commerce-Architekturen.