Feststellungen für 2019 bzw. von angeblichen Trends – ein Rant

Wenn dem Doc Storage etwas quer liegt, muss es raus: Zum Auftakt des Jahres liest er Beratern, Herstellern und Redakteuren die Leviten. Aus seiner Sicht wird viel gefaselt und noch mehr sei bei weitem nicht so wichtig, wie es gern dargestellt wird. Den Leuten in den IT-Abteilungen drücken andere Sorgen, die meist wenig mit Big-Data, KI, DSGVO oder sonstigen neumodischen Kram zu tun haben…

Kolumne Doc Storage:

DocStorage2014 thumb

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1. Anwender und »die anderen« sollten wieder eine gemeinsame Sprache sprechen

Wenn man sich die Artikel in den einschlägigen Medien, und nicht nur hier auf speicherguide.de, durchliest, fällt eine immer größere Diskrepanz zwischen »Beratern«, Herstellern und den Anwendern ins Auge. Die einen, als Vorträge auf Konferenzen, in White-Papers oder anders kundgetan, schulmeistern die Anwender immer wieder, sie dürften den Anschluss an die digitale Zukunft nicht verpassen, dürften nicht der Flaschenhals zwischen dem Geschäft des jeweiligen Unternehmens und dessen Zukunft sein. Allein wer die Jahres-Zusammenfassung hier auf speicherguide.de liest, bekommt leicht den Eindruck, dass die Leute auf dem und im Doppelboden bei DSGVO, Sicherheitsthemen, Cloud und IT was-weiß-ich wieviel punkt Null völlig den Anschluss verloren hätten. Das DV-Personal scheint sich hartnäckig diesen Themen zu widersetzen, obwohl ihnen doch von allen Seiten eingeredet wird, mit welchen Inhalten sie sich zu beschäftigen hätten, um nicht in kürzester Frist in der Steinzeit zu verenden.

Liebe Berater, Hersteller oder Analysten – bitte versucht im kommenden Jahr doch einmal, die DV-Kräfte dort abzuholen, wo sie im Moment stehen. Und ihnen nicht mit allerlei angeblich lebenswichtigem Krams dasselbe noch schwerer zu machen. Es mag ja sein, dass die »Zukunft«, was und wann immer diese sein mag, in der Cloud liegt, cybersecuritymäßig toll abgesichert und natürlich auf allen Ebenen von künstlicher Intelligenz begleitet sein mag. Die Anwender leben aber im hier und jetzt, und haben genau die Probleme zu lösen, die ihnen gerade wieder einmal vom Vorstand oder den Fachabteilungen vor den Latz geknallt wurden.

Das zeigt sich auch darin, dass die beliebtesten Artikel eben nicht von Cloud, KI oder Big Data, sondern (immer noch) von RAID-Leveln, dem Wissen über Schnittstellen oder der Entscheidungsfindung beim Einkauf von Speichersystemen handeln. Das DV-Personal vor Ort versucht tagtäglich, mit allen Extremitäten die Löcher zuzuhalten, die von den teilweise abstrusen Einsparungsvorstellungen der Vorgesetzten gerissen werden. Sie versuchen, mit immer weniger Ressourcen immer mehr Jobs zu erledigen. Und dabei SLAs einzuhalten, die schon bei ihrer Vereinbarung meist nicht mehr das Papier wert waren, auf dem sie gedruckt wurden.

Also – nicht mehr so viel predigen und neue Geschäftsfelder aufmachen, bitte mehr praxis- und wirklichkeitsorientiert beraten und diskutieren.

2. Konzepte zu Ende denken und in die Praxis umsetzen, bevor neue aufgemacht werden

Wie hat Altkanzler Helmut Schmidt einmal gesagt – »Wer Visionen hat, gehört ins Krankenhaus«. Das ist leider immer noch wahr, auch und vor allem bei uns in der DV. Es mag ja sein, dass vor allem unsere Branche davon lebt, dass immer wieder neue, wohlmöglich revolutionäre Technologien erdacht, entwickelt und realisiert werden. Andererseits jedoch schaffen es die wenigsten dieser revolutionären Dinge auch in den tatsächlichen Arbeitsalltag.

3,5-Zoll-SSD mit 73 GByte von STEC (Bild: Doc Storage/speicherguide.de)3,5-Zoll-SSD mit 73 GByte von STECWie lange eine solche Durchsetzung bis hin zum allerletzten Anwender benötigt, können wir bei der SSD-Technologie beobachten. Wie zufällig hatte ich heute Morgen noch eine der ersten SSDs in der Hand, die vor ungefähr zwölf Jahren im großen Speichersystem eines Speicherherstellers aus Hopkinton zum Einsatz kam. 3,5 Zoll, 73 GByte. Ja, heute lacht man über so etwas. Dennoch hat es über ein Jahrzehnt gebraucht, bis sich diese Technologie auch bis hin zum kleinsten Anwender und auf den Desktop durchgesetzt hatte.

Das Schlimme ist, dass, wer heute nicht mindestens einmal im Jahr mit einer angeblich revolutionären Entwicklung herauskommt, schon fast zum Alteisen gehört. Diese Tatsache drückt allerdings die Schere zwischen dem, was draußen in den Rechenzentren genutzt und dem, was aktuell angeboten wird, immer weiter auseinander. Die traditionellen Anwender schaffen es schon gar nicht mehr, jede Produktgeneration zu testen und dann in die Produktion zu übernehmen, ohne dass dann bereits eine oder zwei neue veröffentlicht wurden. Und dies wiederum ergibt eine immer weiter klaffende Differenz zwischen dem, was die »Visionäre« diskutieren und dem, was die Praxis anwendet.

Also – liebe Berater und Visionäre, schaut öfter einmal in die Rechenzentren und redet mit den Anwendern.

3. Wer in der DV (wirklich) arbeitet, hat keine Zeit für Vorträge oder Interviews

Immer wieder lese ich Beiträge »von größter Wichtigkeit« und »von allerhöchstem Interesse«. Leider ist keiner dieser Artikel, keines dieser Interviews von jemandem, der tatsächlich in der DV arbeitet. Die haben nämlich schlichtweg keine Zeit mehr für so etwas. Hier lassen sich Hersteller zitieren, Vorsitzende von Industrievereinigungen oder – noch besser – Beamte, die mir dann sagen wollen, wie wir im Doppelboden am besten mit dem von ihresgleichen angezettelten Blödsinn namens DSGVO umzugehen haben. Entsprechend ist die Qualität oder sagen wir besser, der Nutzen solcher Beiträge. Meistens muss ich mich zurücklehnen, kurz an meinem Kaffee nippen um dann in ein schallendes Gelächter auszubrechen. Oder nur still mit dem Kopf zu schütteln. Im Ende ist der Inhalt der meist allzu langatmigen Texte gleich null.

Also – viel mehr Menschen aus der DV befragen, abgehobene Beiträge von fachfremden oder – noch schlimmer – bezahlte Anwenderberichte nützen nur dem Geldbeutel der am meisten erwähnten Personen oder Firmen.

4. Alles wird gut

So, genug geschimpft, ich denke, der Grundtenor wird deutlich. Am Ende des Jahres 2019 werden wir dieselben Schlüsse ziehen wie in all den Jahren zuvor. Es wird hier und da ein paar Fusionen geben, der eine oder andere Hersteller wird ganz alten Wein in tollen neuen Schläuchen verpacken und uns mal wieder (jetzt hätte ich fast geschrieben »zur CeBIT«, aber die gibt’s ja nicht mehr) mit neuen Marketingfloskeln den Schlaf rauben. Wir werden immer noch Probleme mit der Umsetzung von Cloud-Technologien haben, genauso mit Big-Data, uns wird immer noch eingehämmert, dass Big-Data das neue Kapital der Firmen und dass Cybersecurity das wichtigste Feld der DV ist. Wir werden uns immer noch mit den abstrusen Kürzungsstrategien unserer Firmenleitungen herumschlagen, immer noch wird derjenige »CIO of the Year«, von dem alle DV-Mitarbeiter drei Kreuze machen, wenn er nicht allzu viel kaputtmacht und möglichst schnell wieder verschwindet.

Also – auch Ende 2019 werden wir »hoffentlich« wiedersagen »im Westen nichts Neues«.

Und jetzt wie immer – in die Luft werfen und zerreißen. Also mich…

Gruß
Doc Storage

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