Das Bundesamt für Verfassungsschutz setzt auf französische Analysesoftware von ChapsVision und erteilt dem umstrittenen US-Anbieter Palantir eine Absage.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat eine strategische Entscheidung zur Modernisierung seiner IT-Infrastruktur getroffen. Die deutsche Inlandsgeheimdienstbehörde vergab den Auftrag für eine neue Software zur Analyse großer Datenmengen an das französische Unternehmen ChapsVision. Damit setzte sich der europäische Anbieter gegen den US-amerikanischen Konkurrenten Palantir Technologies durch, der seit Jahren versucht, seine Präsenz auf dem deutschen Sicherheitsmarkt auszuweiten. Die Entscheidung des BfV markiert einen signifikanten Schritt in den Bemühungen der Bundesbehörden, die technologische Abhängigkeit von US-amerikanischen Dienstleistern zu verringern und die digitale Souveränität zu stärken.
Analysesoftware ArgonOS kann in Air-Grapped Cloud betrieben werden
Das Herzstück der vereinbarten Kooperation ist die KI-basierte Plattform ArgonOS. Diese Software ist darauf spezialisiert, relevante Informationen aus heterogenen Datenquellen zu extrahieren, zu strukturieren und für menschliche Analysten aufzubereiten. ArgonOS verarbeitet sowohl strukturierte als auch unstrukturierte Daten, einschließlich Dokumente, Bilder und Medieninhalte. Laut Produktbeschreibung von ChapsVision nutzt das System künstliche Intelligenz, um schwache Signale und verborgene Muster in komplexen Datensätzen zu identifizieren. Ein wesentlicher Aspekt für die Vergabeentscheidung war die Sicherheitsarchitektur der Plattform. ArgonOS kann in einer sogenannten Air-Gapped Cloud oder einer souveränen Cloud-Umgebung betrieben werden. Dies bedeutet, dass die sensiblen Datenbestände physisch vom öffentlichen Internet getrennt bleiben, was den hohen Anforderungen des Geheimschutzes und des Datenschutzes in Deutschland entspricht.
Partnerschaft mit dem deutschen Dienstleister Rola
Bei der Implementierung und Wartung der Software arbeitet ChapsVision eng mit dem deutschen IT-Dienstleister Rola Security Solutions zusammen. Das in Oberhausen ansässige Unternehmen ist bereits seit Jahrzehnten ein etablierter Partner deutscher Sicherheitsbehörden und liefert Informationsmanagementsysteme für die interne und externe Sicherheit. Rola ist unter anderem tief in den Polizeilichen Informations- und Analyseverbund (PIAV) integriert. Durch diese Kooperation wird sichergestellt, dass die französische Analysesoftware nahtlos in die bestehenden deutschen Sicherheitsarchitekturen eingefügt werden kann. Die Partnerschaft zwischen ChapsVision und Rola wurde bereits im Oktober 2025 formalisiert und zielte explizit darauf ab, europäischen Sicherheitsbehörden eine leistungsstarke und rechtskonforme Alternative zu außereuropäischen Anbietern zu bieten.
Bundeswehr spricht sich gegen Palantir aus
Die Entscheidung gegen Palantir ist vor dem Hintergrund einer langjährigen Kontroverse zu sehen. Das US-Unternehmen, das unter anderem von Peter Thiel mitbegründet wurde, steht weltweit in der Kritik. Grund dafür sind die engen Verwicklungen von Palantir in Überwachungs- und Verteidigungsprogramme der US-Regierung. In Deutschland wuchsen die Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der potenziellen Zugriffsmöglichkeiten US-amerikanischer Behörden über den sogenannten Cloud Act. Der CEO von Palantir, Alex Karp, hatte in der Vergangenheit zudem öffentlich geäußert, dass die Produkte seines Unternehmens gelegentlich dazu verwendet würden, Menschen zu töten, was die ethischen Vorbehalte verstärkte.
Auch innerhalb der Bundeswehr stieß Palantir auf Widerstand. Thomas Daum, Vizeadmiral und Inspekteur des Cyber- und Informationsraums der Bundeswehr, erklärte, dass die Streitkräfte derzeit keine Aufträge an Palantir vergeben wollen. Als zentralen Grund nannte er die Unvorstellbarkeit, externem Industriepersonal Zugriff auf nationale Datenbanken zu gewähren. Palantir-Lösungen erfordern häufig eine intensive Betreuung durch firmeneigene Mitarbeiter, was mit den nationalen Sicherheitsvorgaben kollidiert.
Drei Bundesländer nutzen Palantir
Trotz der Ablehnung auf Bundesebene setzen einige Bundesländer bereits auf Software von Palantir. In Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern kommt das Programm Gotham zum Einsatz. Diese Software ermöglicht es Polizeibeamten, umfassende Profile von Personen in Sekundenschnelle zu erstellen, indem sie Adressdaten, Strafregister, Bußgelder und soziale Medien verknüpft. Diese Praxis stößt jedoch auf rechtlichen Widerstand. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) erhob bereits im Jahr 2025 Verfassungsbeschwerde gegen die automatisierte Datenanalyse in Bayern.
Die Kritiker argumentieren, dass die massenhafte Datenauswertung das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung und das Fernmeldegeheimnis verletzt. Ein Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2023 hatte bereits enge Grenzen für das sogenannte Data Mining in Hessen und Hamburg gezogen. Der Einsatz von Software wie Gotham wird als problematisch eingestuft, da auch Personen ins Visier geraten können, die in keinem direkten Zusammenhang mit Straftaten stehen. Das BfV vermeidet durch die Wahl von ChapsVision potenziell ähnliche verfassungsrechtliche Debatten auf Bundesebene, da ArgonOS als souveräne europäische Lösung vermarktet wird, die die europäischen Werte und Datenschutzstandards nativ berücksichtigt.
Trend zur europäischen Souveränität im Sicherheitssektor
Die Wahl von ChapsVision durch das Bundesamt für Verfassungsschutz gliedert sich in einen breiteren europäischen Trend ein. Sicherheitsbehörden in der gesamten Europäischen Union streben danach, die Abhängigkeit von US-Technologien zu reduzieren. Dies betrifft nicht nur Analysesoftware, sondern auch Cloud-Infrastrukturen und KI-Modelle. Während im Vereinigten Königreich der National Health Service (NHS) Palantir kürzlich Zugriff auf Millionen von Patientendaten gewährte, setzen kontinentaleuropäische Staaten wie Frankreich, die Schweiz und nun auch Deutschland verstärkt auf heimische oder partnerschaftliche Lösungen.
Die Entscheidung unterstreicht die wachsende Bedeutung der deutsch-französischen Zusammenarbeit im Bereich der Cybersicherheit. Mit dem Einsatz von ArgonOS will das BfV sicherstellen, dass die Hoheit über sensible Datenbestände vollständig im nationalen beziehungsweise europäischen Raum verbleibt. Damit reagiert die Behörde auf die veränderte globale Sicherheitslage und die Notwendigkeit, kritische Informationssysteme resilient gegenüber externer Einflussnahme zu gestalten.