Mehrere Medien feierten zuletzt einen Sprung des Linux-Marktanteils bei Desktop-Betriebssystemen in Nordamerika auf über 10 Prozent.
Ausgangspunkt der Berichte sind Zahlen von Statcounter, wonach der Linux-Anteil an den Desktop-Seitenaufrufen in Nordamerika im Juli 2026 auf 10,65 Prozent stieg, nach 5,52 Prozent im Vormonat, während Windows von 64,66 auf 57,54 Prozent zurückging. Statcounter selbst weist jedoch darauf hin, dass die eigene Methodik auf mehr als drei Milliarden monatlichen Seitenaufrufen über gut eine Million Partner-Websites beruht und damit Seitenaufrufe zählt, nicht einzelne Geräte oder Personen. Auch der ergänzend herangezogene Anbieter Cloudflare Radar, der Betriebssystemanteile aus dem HTTP-Verkehr im eigenen Netzwerk ableitet, zeigte für denselben Zeitraum einen ähnlichen Anstieg bei Linux.
Der entscheidende Unterschied zeigt sich jedoch, sobald automatisierter Datenverkehr herausgerechnet wird: Cloudflare Radar erlaubt es, ausschließlich mutmaßlich menschlichen Traffic auszuwerten. Gefiltert auf diese Weise, lag der Linux-Anteil in Nordamerika über die vergangenen drei Monate bei durchschnittlich rund 4,7 Prozent, während Windows bei etwa 65 Prozent und macOS bei etwa 28 Prozent verblieben. Bezieht man dagegen automatisierten Datenverkehr mit ein, springt der Linux-Anteil auf durchschnittlich 16 Prozent, an einzelnen Tagen auf bis zu 26 Prozent, während der Windows-Anteil im automatisierten Verkehr auf die Mitte der 50-Prozent-Marke sinkt. Innerhalb des automatisierten Datenverkehrs bewegen sich Linux- und Windows-Anteile dabei nahezu spiegelbildlich zueinander, mit einer Korrelation von etwa minus 0,91 zwischen beiden Werten.
Bereits mehrfach ähnliche Verzerrungen aufgetreten
Nach Angaben des Fachmagazins Windows Latest handelt es sich nicht um den ersten derartigen Fall bei Statcounter. Bereits zuvor hatte der Dienst zeitweise fälschlich einen Anstieg bei Windows 7 gegenüber Windows 11 sowie einen unerwarteten Rückgang des Google-Marktanteils gemeldet, der seinerzeit vorschnell als sogenannter ChatGPT-Effekt gedeutet wurde. Beide Meldungen wurden später korrigiert. Auch Statcounters eigene Kategorie für nicht eindeutig identifizierten Traffic sank im Juli parallel zum Linux-Anstieg deutlich, was zusätzlich auf eine veränderte Klassifizierung statt auf einen tatsächlichen Nutzerwechsel hindeutet.
Warum das auch für Unternehmen relevant ist
Der Fall verdeutlicht ein Problem, das über die Frage nach Linux-Marktanteilen hinausreicht: Automatisierter Traffic von KI-Crawlern und Bots verzerrt inzwischen in erheblichem Umfang öffentlich verfügbare Webanalyse-Daten, auf die auch Unternehmen bei eigenen Entscheidungen zu Browser- oder Plattformunterstützung zurückgreifen. Wer solche Kennzahlen etwa zur Priorisierung von Support oder Kompatibilitätstests heranzieht, sollte nach Einschätzung der zitierten Analysen genau prüfen, ob die zugrunde liegenden Daten nach menschlichem und automatisiertem Datenverkehr getrennt ausgewiesen werden, statt sich auf einzelne, viral verbreitete Prozentwerte zu verlassen.
(red)