Kunstprojekt statt KI-Modell

ChatTJB: Wenn ein Mensch die Rolle des Chatbots übernimmt

Conversational KI

Eine Werbetafel in San Francisco bewirbt ChatTJB als „führende, KI-gestützte Chat-Oberfläche“. Jedoch beantwortet dort ein einzelner Mensch sämtliche Anfragen persönlich.

Hinter ChatTJB steht der 32-jährige Tucker Bryant, ehemaliger Projektmanager bei Google und heute als Künstler und Redner tätig. Bryant beantwortet auf der zugehörigen Website sämtliche eingehenden Anfragen persönlich, ohne den Einsatz eines Sprachmodells. Wird etwa nach einem Bild eines Stinktiers mit Sonnenbrille gefragt, zeichnet Bryant dieses eigenhändig.

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Die eigentliche Website hatte er bereits im April mit KI-Unterstützung erstellt, ein von ihm selbst benannter Widerspruch zum Konzept des Projekts. Erst durch eine für rund 6.000 US-Dollar gemietete Werbetafel im Stadtteil SoMa Ende Juli erhielt das Projekt größere Aufmerksamkeit. Bis zum 6. August verzeichnete ChatTJB nach Angaben von Bryant mehr als 30.000 Anfragen, in Spitzenzeiten bis zu 5.000 pro Stunde, zeitweise beantwortete Bryant nach eigenen Angaben bis zu zehn Stunden täglich eingehende Nachrichten.

Auf der Werbetafel selbst findet sich ein kleiner, teils von einem Baum verdeckter Hinweis, wonach die Abkürzung KI in diesem Fall nicht für künstliche Intelligenz, sondern für „durchschnittliches Individuum“ stehe. Die Website selbst beschreibt das Angebot unter anderem als „handgefertigte Intelligenz“ sowie als Betrieb auf einem „proprietären biologischen Reasoning-Substrat“, das nur dann Antworten liefere, wenn der Betreiber wach und motiviert sei.

ChatTJB: Kommentar zu sogenannter kognitiver Kapitulation

Bryant selbst betont, das Projekt in erster Linie als Kunstprojekt und nicht bloß als Scherz zu verstehen. Ihm gehe es darum, einen Kommentar zu dem seiner Ansicht nach ungewöhnlichen aktuellen Moment im Verhältnis von Menschen zu Technologie abzugeben. Konkret bezieht er sich dabei auf das Konzept der sogenannten kognitiven Kapitulation, bei der KI-Antworten zunehmend unkritisch übernommen werden. Als Beispiel nennt er die eigene Erfahrung, ein Sprachmodell gefragt zu haben, ob er bei 18 Grad in San Francisco lieber lang- oder kurzärmelig gekleidet sein solle, obwohl er die Stadt seit Jahren kenne und die Frage eigentlich selbst beantworten könnte.

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Nach Angaben von Bryant reichen die eingehenden Fragen von banalen Alltagsentscheidungen wie der Wahl des Abendessens bis zu persönlicheren, ernsthafteren Anliegen, sobald Nutzer erkennen, dass sich hinter dem Angebot tatsächlich ein Mensch verbirgt. Zur Unterstützung holte sich Bryant inzwischen zehn ausgewählte Freiwillige an Bord, nachdem sich mehr als 3.000 Personen für eine Mitarbeit beworben hatten. Über ein kostenpflichtiges Abonnement namens ChatTJB Pro, das die Website selbst ausdrücklich als „wertlose Stufe“ bezeichnet, zahlten bislang nach Angaben von Bryant rund vier Personen monatlich 5 US-Dollar, ohne dass sich die Kosten für die bis Ende August gebuchte Werbetafel dadurch gedeckt hätten. Nach eigenen Worten habe er das Projekt jedoch nicht zum Geldverdienen gestartet.

(red)

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