Cybernews hat einen Server entdeckt, auf dem ein Partner der Ransomware-Gruppe The Gentlemen eine nahezu vollständig KI-gesteuerte Erpressungsoperation betrieb.
The Gentlemen, erstmals im Juli 2025 beobachtet, zählt zu den derzeit aktivsten Ransomware-Gruppen weltweit und reklamiert nach eigenen Angaben bereits rund 700 Opfer, umgerechnet etwa 10 Prozent aller weltweit bekannten Ransomware-Fälle. Die auf dem entdeckten Server gefundene Infrastruktur, ein primärer Windows-VPS in den USA sowie mehrere weitere Server in anderen Ländern, war gezielt auf verwundbare oder falsch konfigurierte GitLab-Instanzen ausgerichtet, für die der Angreifer bereits kompromittierte Zugangsdaten nutzte.
Über eine kompromittierte GitLab-Instanz erhalten Angreifer dabei nicht nur Einblick in interne Systemstrukturen, sondern häufig auch direkten Zugriff auf Zugangstoken, SSH-Schlüssel und weitere sensible Daten. Für den eigentlichen Fernzugriff nutzte der Akteur das Werkzeug Penelope, das über eine sogenannte Reverse-Shell-Verbindung arbeitet, bei der sich das bereits kompromittierte System selbst mit dem Server des Angreifers verbindet und dadurch klassische Firewall-Schutzmaßnahmen umgeht. Aras Nazarovas, Sicherheitsforscher bei Cybernews und Entdecker des offen zugänglichen Servers, ordnete den Fund so ein:
Ransomware hat sich faktisch in eine passive Einnahmequelle verwandelt.
Aras Nazarovas, Sicherheitsforscher bei Cybernews
KI-Agent übernimmt praktisch die gesamte Angriffsdurchführung
Auf dem Server fanden die Forscher insgesamt acht mit dem Werkzeug Penelope verbundene Dienste, darunter eine spezielle Schnittstelle nach dem Model-Context-Protocol-Standard, über die ein KI-Agent direkt mit der Reverse Shell interagieren konnte, sowie 86 KI-generierte Python-Skripte, jeweils bereits mit den konkreten Zieladressen echter Opfer konfiguriert. Betrieben wurde der KI-Agent über das quelloffene, frei verfügbare Hermes Agent Framework, angetrieben vom chinesischen Sprachmodell DeepSeek-V4-Pro.
Nach Angaben von Nazarovas beginnen die meisten Angriffe dabei lediglich als einfache KI-Prompts: Der Angreifer übergibt dem Agenten GitLab-Adresse, Nutzername und Passwort, vermutlich aus Infostealer-Protokollen oder von Access-Brokern erworben, woraufhin der Agent die Ausnutzungsskripte eigenständig an die jeweilige Zielumgebung anpasst. Nach den auf dem Server gefundenen Protokollen kostete ein einzelner Angriff auf ein Unternehmen umgerechnet lediglich 0,40 bis 4,00 US-Dollar an reinen KI-Tokenkosten, ohne die zugrunde liegende Infrastruktur mitzurechnen.
Der Ransomware-Partner hat dabei die klassische Datenverschlüsselung offenbar vollständig aufgegeben und konzentriert sich ausschließlich auf reine Datendiebstahl-Erpressung, bei der die KI sogenannte Drucksatz-Dossiers erstellt und darauf basierend automatisch die jeweils optimale Lösegeldforderung berechnet.
Umgehung der KI-Schutzmechanismen über fiktives Hacking-Übungsszenario
Um die eigentlich vorgesehenen Schutzmechanismen des KI-Modells zu umgehen, tarnte der Angreifer die realen Angriffe als eine an Alice im Wunderland angelehnte, rein fiktive Capture-the-Flag-Übungsaufgabe für Sicherheitsforscher, basierend auf einem öffentlich verfügbaren GitHub-Projekt zur Schulung von GitLab-CI/CD-Schwachstellen. Der KI-Agent ging dadurch offenbar davon aus, lediglich eine Übungsaufgabe zu lösen, statt tatsächliche Unternehmen anzugreifen, und entwickelte auf dieser Grundlage ein vollständiges eigenes Penetrationstest-Rahmenwerk samt Konfigurationsanalyse, automatisierter Suche nach eingebetteten Zugangsdaten, API-Enumeration sowie eigenständig geschriebenen Skripten für Rechteausweitung und seitliche Bewegung im Netzwerk, jeweils angepasst an die tatsächlich in der jeweiligen GitLab-Instanz gefundenen Schwachstellen.
Angriffe treffen Unternehmen praktisch wahllos über viele Branchen hinweg
Die rund 30 betroffenen Unternehmen stammten aus den unterschiedlichsten Branchen, darunter Marketing, Gesundheitswesen, Beratung, Compliance, Immobilien, Softwareentwicklung, Telekommunikation, Fertigung und Transport, ein Hinweis darauf, dass die Angriffe eher gelegenheitsbasiert als gezielt erfolgten. Nur eines der Opfer war zum Zeitpunkt der Entdeckung bereits auf der eigentlichen Darknet-Leak-Seite von The Gentlemen gelistet. Cybernews meldete die Erkenntnisse vor der eigenen Veröffentlichung an die litauische Behörde CERT sowie die litauische Polizei, die die Informationen anschließend an internationale Partnerbehörden weitergaben.
Empfohlene Schutzmaßnahmen
Nazarovas rät Unternehmen, kompromittierte Zugangsdaten umgehend auszutauschen und sensible Konten aktiv auf ein mögliches Auftauchen in Darknet-Foren zu überwachen, statt abzuwarten, bis das eigene Unternehmen in entsprechenden Infostealer-Protokollen erscheint. Cybernews empfiehlt zudem eine aktive Überwachung des GitLab-Zugriffs samt automatisierter Sperrung bei verdächtigem Verhalten wie massenhaftem Klonen von Repositorys, dem Einsatz nicht autorisierter Werkzeuge auf CI/CD-Runnern oder Versuchen zur seitlichen Bewegung im Netzwerk. Sensible Zugangsdaten sollten grundsätzlich nicht in Code-Repositorys gespeichert werden, selbst wenn diese als privat markiert sind, GitLab-Instanzen sollten nur aus vertrauenswürdigen Netzwerken oder über eine VPN-Positivliste erreichbar sein und durchgängig auf dem aktuellen Sicherheitsstand gehalten werden.
(red)