Cyberkriminelle verändern ihre Methoden: Statt ausschließlich auf Schadsoftware oder technische Schwachstellen zu setzen, missbrauchen sie immer häufiger vertrauenswürdige Plattformen, bekannte Dienste und alltägliche digitale Abläufe.
Das geht aus dem aktuellen Threat Report für das erste Halbjahr 2026 des Cybersecurity-Unternehmens Gen hervor, der auch einen deutlichen Anstieg verschiedener Bedrohungen in Deutschland dokumentiert.
Deutschland verzeichnet starke Zuwächse bei Cyberbedrohungen
Nach Angaben von Gen haben sich mehrere Angriffskategorien innerhalb weniger Monate deutlich verschärft. Besonders stark legten sogenannte Dropper zu, deren Einsatz um 160 Prozent stieg. Trojaner nahmen um 145 Prozent zu, während Betrugsversuche über gefälschte Online-Shops um 134 Prozent anwuchsen.
Auch andere Bedrohungen entwickelten sich dynamisch. Fernzugriffstrojaner verzeichneten ein Plus von 69 Prozent, Phishing-Angriffe stiegen um 47 Prozent. Insgesamt erhöhte sich das allgemeine Betrugsrisiko um 52 Prozent. Gleichzeitig registrierte Gen einen Anstieg von 34 Prozent bei Angriffen zum Diebstahl von Zugangsdaten sowie ein Wachstum von 37 Prozent bei schädlicher Fernzugriffssoftware.
Betrüger tarnen Angriffe als normale Alltagsprozesse
Der Bericht zeigt, dass Cyberkriminelle immer häufiger auf Social Engineering und das Vertrauen der Nutzer setzen. So beziehen sich Betrugsversuche beispielsweise auf echte Hotelbuchungen, missbrauchen verifizierte Finanzkonten oder verleiten WhatsApp-Nutzer dazu, schädliche Geräte als vertrauenswürdige Browserverbindung zu autorisieren.
Auch gefälschte Software-Updates und manipulierte KI-gestützte Arbeitsabläufe gehören inzwischen zu den beobachteten Angriffsmethoden. Ziel ist es, bestehende Berechtigungen oder Vertrauensverhältnisse auszunutzen, bevor Opfer überhaupt einen Angriff erkennen.
Besonders häufig waren Angriffe, die sich als technischer Support ausgaben. Weltweit blockierte Gen im ersten Halbjahr 2026 rund 20,3 Millionen entsprechende Betrugsversuche. Deutschland war mit 2,3 Millionen abgewehrten Angriffen besonders stark betroffen und belegte hinter den USA und Frankreich den dritten Platz.
In mehreren Kampagnen kamen täuschend echt gestaltete Windows-Fehlerseiten zum Einsatz. Diese imitierten das Windows Defender Security Center und wurden über Google Cloud Storage ausgeliefert. Ziel war es, Nutzer zum Kontakt mit angeblichen Support-Mitarbeitern zu bewegen.
Identitätsbetrug und Fake-Shops nehmen massiv zu
Auch Betrugsmaschen rund um Identitätsdiebstahl gewinnen an Bedeutung. Weltweit stiegen Angriffe, bei denen sich Täter als Familienangehörige ausgeben, gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 um 454 Prozent. Betroffen sind vor allem Länder in Westeuropa, darunter Deutschland.
Parallel dazu boomt der Missbrauch gefälschter Online-Shops. Gen blockierte weltweit mehr als 114 Millionen entsprechende Angriffe – ein Plus von 109 Prozent. Ein erheblicher Teil entfiel auf europäische Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und das Vereinigte Königreich.
Weltweite Entwicklung zeigt neue Angriffsschwerpunkte
Neben den Entwicklungen in Deutschland nennt der Report weitere globale Trends. So nahmen Betrugsversuche im Namen staatlicher Behörden um 387 Prozent zu. Zudem wurden innerhalb weniger Wochen mehr als 304 Millionen Einblendungen betrügerischer Online-Anzeigen in Europa und Großbritannien registriert.
Darüber hinaus blockierte Gen rund 1,9 Milliarden Tracking-Versuche sowie eine Million Web-Skimming-Angriffe – ein Anstieg von 212 Prozent. Außerdem identifizierten die Sicherheitsforscher mehr als 15,7 Millionen kompromittierte Datensätze mit E-Mail-Adressen.
KI-Agenten rücken in den Fokus der Angreifer
Als neues Risikofeld beschreibt Gen den zunehmenden Einsatz sogenannter KI-Agenten. Diese können eigenständig im Internet arbeiten, Dateien verwalten, Programme installieren oder mit anderen Diensten kommunizieren. Nach Einschätzung der Sicherheitsforscher eröffnet dies neue Angriffsmöglichkeiten.
Telemetriedaten der Sicherheitsplattform Sage zeigen bereits erste Versuche, schädliche Systembefehle auszuführen, Schadcode nachzuladen, Zugangsdaten auszulesen und dauerhafte Fernzugriffe einzurichten. Damit geraten künftig nicht nur klassische IT-Systeme, sondern auch KI-gestützte Anwendungen stärker ins Visier von Cyberkriminellen.
Der aktuelle Report von Gen macht deutlich, dass moderne Cyberangriffe immer seltener durch auffällige Schadsoftware beginnen. Stattdessen nutzen Angreifer etablierte Dienste, bekannte Plattformen und bestehende Vertrauensverhältnisse, um ihre Opfer zu täuschen. Für Unternehmen und Privatnutzer bedeutet das, dass neben technischen Schutzmaßnahmen vor allem Aufmerksamkeit und ein kritischer Umgang mit alltäglichen digitalen Prozessen immer wichtiger werden.
(red/Gen)