Champion oder Gewohnheit

Wenn Erfolg im Unternehmen zum Verhängnis wird

Erfolg, Stillstand, Treppe

„Unser Erfolg gibt uns recht.“ Kaum ein Satz klingt überzeugender – und kaum einer kann für ein erfolgreiches Unternehmen gefährlicher werden.

Denn Erfolg beweist zunächst nur, dass Entscheidungen unter den bisherigen Bedingungen funktioniert haben. Er ist jedoch keine Garantie dafür, dass dieselben Entscheidungen auch in Zukunft tragen.

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Genau darin sieht Unternehmer und Leadership-Experte Reza Hojati eine der größten Gefahren für etablierte Betriebe: Sie scheitern häufig nicht an ihren Schwächen, sondern an den Stärken, die sie groß gemacht haben. „Erfolg schafft Bestätigung, daraus entsteht wiederum Sicherheit und aus dieser Sicherheit wird letztlich Gewohnheit. Irgendwann kann diese zu Bequemlichkeit werden“, sagt Hojati. „Es ist nicht, dass erfolgreiche Unternehmer stolz auf das Erreichte sind. Das Problem beginnt dort, wo aus berechtigtem Stolz die Überzeugung wird, dass der bisherige Weg automatisch auch der richtige Weg für die Zukunft ist.“

Wenn der Champion aufhört, besser zu werden

Hojati vergleicht die Situation mit dem Leistungssport. Ein Athlet kämpft sich nach oben, trainiert intensiv, analysiert seine Gegner und hinterfragt sich ständig. Er muss jeden Sieg neu verdienen. Mit wachsendem Erfolg verändert sich jedoch die Ausgangslage: Der Name eilt ihm voraus, Gegner begegnen ihm mit Respekt und die bisherigen Erfolgsrezepte funktionieren weiterhin. Genau hier liegt die Gefahr. „Der Champion verliert nicht unbedingt, weil er schlechter geworden ist. Er verliert, weil er aufgehört hat, besser zu werden“, so Hojati.

Was im Sport gilt, lässt sich auf Unternehmen übertragen. Unternehmer haben über Jahre Risiken getragen, Kunden gewonnen, Mitarbeiter eingestellt und Verantwortung übernommen. Ihr Ruf schafft Vertrauen, Empfehlungen entstehen fast automatisch und Neukunden kommen aufgrund des Namens. Doch was gestern ein Wettbewerbsvorteil war, kann heute bereits selbstverständlich sein.

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Die Welt verändert sich

Während Unternehmen ihren Erfolg verwalten, verändert sich ihr Umfeld weiter: Kunden entscheiden anders, Technologien verändern Geschäftsmodelle, künstliche Intelligenz senkt Markteintrittsbarrieren und kleinere, beweglichere Wettbewerber können Leistungen anbieten, für die früher große Organisationen notwendig waren. Auch die Erwartungen von Mitarbeitern verändern sich. Neben Sicherheit und Gehalt gewinnen Entwicklung, Anerkennung, Mitgestaltung und Sinn an Bedeutung.

„Die Welt wartet nicht darauf, dass ein Unternehmen bereit für Veränderung ist“, erklärt Hojati. „Wer seinen bisherigen Kurs um jeden Preis halten will, verwechselt Konsequenz mit Unbeweglichkeit. Gerade erfolgreiche Unternehmen sind hierfür besonders anfällig.“ Denn während ein Unternehmen in einer Krise unmittelbar erkennt, dass es handeln muss, liefert der bisherige Erfolg dem etablierten Betrieb täglich neue Beweise dafür, dass sein Vorgehen funktioniert.

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Was bedeutet es, die eigene Erfolgsformel infrage zu stellen?

Für Unternehmer ist diese Erkenntnis besonders schwierig. Denn wer eine Methode infrage stellt, mit der er sein Unternehmen über Jahre aufgebaut hat, kann leicht das Gefühl bekommen, damit auch die eigene Lebensleistung infrage zu stellen. Hojati hält das für einen entscheidenden Denkfehler.

„Die Vergangenheit war nicht falsch. Sie hat das Unternehmen bis zu diesem Punkt gebracht. Aber jede Wachstumsstufe stellt andere Anforderungen.“ Was mit zehn Mitarbeitern funktioniert, muss bei 50 Mitarbeitern nicht mehr funktionieren. Eine Führungsweise, mit der ein Unternehmen aufgebaut wurde, kann bei einer deutlich größeren Organisation zum Engpass werden. Prozesse, die einst Stabilität geschaffen haben, können später Geschwindigkeit verhindern. Die Konsequenz lautet nicht, Bewährtes pauschal abzuschaffen. „Entscheidend ist vielmehr, regelmäßig zu prüfen, was weiterhin trägt – und was inzwischen zum Hindernis geworden ist“, so Hojati.

Wenn die Stärke plötzlich zum Engpass wird

Die gefährlichsten Unternehmensprobleme sind laut Hojati deshalb häufig auf den ersten Blick gar keine. Der Unternehmer, der früher jedes Problem persönlich lösen konnte, wird mit zunehmender Unternehmensgröße zum Flaschenhals. Eine kompromisslose Qualitätskontrolle, die einst für den Erfolg entscheidend war, kann Eigenverantwortung verhindern. Eine außergewöhnliche Kundenorientierung kann dazu führen, dass jede Sonderanforderung erfüllt wird und die Profitabilität sinkt. Bewährte Prozesse können ein Unternehmen langsam machen. Und auch die Unternehmenskultur kann sich gegen Veränderung richten.

„Manchmal sagt niemand offen: ‚Das haben wir schon immer so gemacht.‘ Aber dieser Satz ist trotzdem in jeder Entscheidung spürbar“, sagt Hojati. „Die entscheidende Fähigkeit erfolgreicher Unternehmer besteht deshalb nicht darin, immer härter zu arbeiten. Sie besteht darin, hungrig und lernfähig zu bleiben.“

Wahre Champions bleiben hungrig

Hojati plädiert für eine neue Form unternehmerischer Selbstkritik: Erfolge sollen genauso analysiert werden wie Niederlagen. Führungskräfte sollten ihre eigenen Überzeugungen prüfen, bevor der Markt sie widerlegt. Unternehmen sollten in neue Technologien investieren, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren. Führung und Unternehmenskultur müssten sich weiterentwickeln, bevor Veränderungsdruck zur Krise wird. „Hungrig zu bleiben bedeutet nicht, mit dem Erreichten unzufrieden zu sein. Es bedeutet, neugierig zu bleiben und die eigenen Überzeugungen zu prüfen, bevor der Markt sie widerlegt“, sagt er.

Für Hojati ist das eine zentrale Führungsaufgabe: Unternehmer müssen einen Rahmen schaffen, in dem auch unangenehme Wahrheiten ausgesprochen werden können – ohne dass Kritik an bestehenden Strukturen automatisch als Kritik an der bisherigen Leistung verstanden wird.

Erfolg ist kein Besitzstand

Unternehmerischer Erfolg ist kein Zustand, den ein Unternehmen einmal erreicht und anschließend dauerhaft besitzt. Unter veränderten Bedingungen muss er immer wieder neu geschaffen werden. „Die entscheidende Frage lautet nicht: Was hat uns erfolgreich gemacht?“, sagt Hojati. „Die entscheidende Frage lautet: Was von dem, was uns erfolgreich gemacht hat, hilft uns auch in Zukunft und was hält uns inzwischen zurück?“

Für Hojati ist diese Frage keine Absage an Erfolg, sondern eine Voraussetzung dafür, ihn nachhaltig zu sichern. Denn wahre Champions verteidigen ihren Status nicht mit Erinnerungen an vergangene Siege. Sie entwickeln sich weiter, bevor ein hungriger Herausforderer sie dazu zwingt. Der bisherige Erfolg hat ein Unternehmen bis hierhergebracht. Aber die Fähigkeit zur Veränderung entscheidet darüber, wie weit es noch kommen kann.

Hojati

Reza

Hojati

Unternehmer und Leadership-Experte

 
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