Vom Use Case zur Wertschöpfung

Der lange Weg zum ROI von KI-Agenten

ROI

KI-Agenten versprechen autonome Entscheidungen und signifikante Effizienzgewinne. Doch in vielen Unternehmen bleibt der ROI aus.

Der Grund: isolierte Use Cases, fehlende Integration und unterschätzte Betriebsaufwände. Erst wenn Agenten Prozesse end-to-end steuern, entsteht echter Mehrwert. 

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Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie der Einsatz von KI-Agenten, die eigenständig Entscheidungen treffen, Prozesse steuern und Aufgaben ausführen. In der Theorie versprechen sie eine neue Stufe der Automatisierung: weg von starren, regelbasierten Abläufen hin zu adaptiven, kontextsensitiven Systemen. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Zwar experimentieren viele Unternehmen mit ersten Anwendungsfällen, doch nur ein Bruchteil erzielt einen belastbaren Return on Investment.

Dieses Spannungsfeld ist kein Zufall, es zeigt vielmehr ein grundlegendes Missverständnis auf: Der wirtschaftliche Nutzen von KI-Agenten lässt sich nicht isoliert auf Ebene einzelner Anwendungen bewerten. Er entsteht – oder eben nicht – im Zusammenspiel von Daten, Prozessen, Governance und organisatorischer Verankerung. Wer den ROI von KI-Agenten verstehen will, muss daher tiefer ansetzen.

Vom Automatisierungstool zum autonomen System

Um den wirtschaftlichen Hebel agentischer KI einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung der Automatisierung. Klassische Ansätze wie regelbasierte Workflow-Engines oder Robotic Process Automation (RPA) folgen deterministischen Mustern: Wenn Bedingung X erfüllt ist, wird Aktion Y ausgelöst. Diese Systeme sind effizient, solange Prozesse stabil, strukturiert und vorhersehbar sind. KI-Agenten erweitern dieses Konzept jedoch grundlegend. Sie operieren nicht mehr ausschließlich regelbasiert, sondern probabilistisch oder anders formuliert wahrscheinlichkeitsbasiert. Sie interpretieren Kontext, treffen Entscheidungen unter Unsicherheit und passen ihr Verhalten dynamisch an neue Informationen an. Dies verspricht Unternehmen deutlich flexiblere und umfassendere Möglichkeiten zur Automatisierung ihrer Abläufe. Technisch basiert Agentic AI auf der Kombination aus großen Sprach- oder Entscheidungsmodellen, dem Zugriff auf Unternehmensdaten sowie einer Orchestrierungsschicht, die die Agenten und Tools koordiniert.

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KI-Agenten übernehmen nahezu autonom die Steuerung von Robotern direkt auf dem Shopfloor. (Quelle: Adobe Stock 627462440)

Der Unterschied ist jedoch nicht nur technologisch, sondern auch ökonomisch relevant. Während die klassische Automatisierung primär auf Entlastung und Kostensenkung abzielt, eröffnen KI-Agenten zusätzliche Wertschöpfungspotenziale – etwa durch schnellere Entscheidungsprozesse, personalisierte Interaktionen oder die Fähigkeit, komplexe Aufgabenketten eigenständig zu bearbeiten. Genau hier liegt jedoch auch die Herausforderung: Diese Potenziale lassen sich nur dann realisieren, wenn die Systeme einerseits in die bestehenden Strukturen integriert sind und andererseits drei zentrale Herausforderungen meistern.

Warum der ROI häufig ausbleibt

Was heißt das nun? Ein häufiger Engpass ist die Datenbasis. KI-Agenten sind auf kontextualisierte Informationen angewiesen, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. In vielen Organisationen sind relevante Daten jedoch fragmentiert, inkonsistent, schwer zugänglich oder nicht in einer Form vorhanden, die sich für KI-Agenten nutzen lässt. Historisch gewachsene Systemlandschaften führen zu Silos, in denen Informationen isoliert vorliegen. Für einen KI-Agenten bedeutet das wiederum: fehlender Kontext, unzureichende Informationen und im schlimmsten Fall falsche Entscheidungen. Der wirtschaftliche Schaden entsteht somit nicht zwangsweise durch spektakuläre Funktionsstörungen, sondern durch eine fehlende Präzision und schleichende Ineffizienz. Unternehmen benötigen daher eine skalierbare Infrastruktur, integrierte Plattformen mit klarer Datenbasis und eine Orchestrierungsschicht, die über hybride IT-Umgebungen hinweg einen konsistenten, kontextbasierten Zugriff auf relevante Informationen ermöglicht.

Eng damit verknüpft ist das Thema Governance. Sowohl teilautonome als auch autonome Systeme verschieben die Verantwortungsebene: Entscheidungen werden nicht mehr ausschließlich von Menschen getroffen, sondern auch delegiert. Ohne klare Leitplanken – etwa in Form von Richtlinien, Monitoring-Mechanismen und Eskalationsprozessen – entsteht ein unlösbares Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Kontrolle. Unternehmen, die Governance als nachgelagerte Compliance-Aufgabe behandeln, stoßen hier schnell an ihre Grenzen. Denn ohne Vertrauen in die Systeme wird ihr Einsatz eingeschränkt und damit auch ihr wirtschaftlicher Nutzen.

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Der eigentliche Hebel: End-to-End-Prozesse

Ein dritter, oft unterschätzter Faktor ist die Fragmentierung von Initiativen. Viele Unternehmen starten mit isolierten Use Cases: ein Agent im Kundenservice, ein weiterer in der IT und ein dritter in der Finanzabteilung. Was auf den ersten Blick pragmatisch erscheint, führt langfristig zu einem Flickenteppich autonomer Systeme, die weder aufeinander abgestimmt sind noch gemeinsame Ziele verfolgen. Die Folgen liegen auf der Hand: Anstatt Effizienzgewinnen entstehen zusätzliche Komplexität und damit steigende Betriebskosten.

Grundlegend gilt: Der wirtschaftliche Mehrwert von KI-Agenten entfaltet sich entlang durchgängiger Prozesse. Ein isolierter Agent, der beispielsweise Support-Anfragen klassifiziert, mag Zeit sparen. Erst wenn er nahtlos mit nachgelagerten Systemen interagiert, etwa um Probleme zu lösen, Dokumente zu erstellen und Abrechnungen durchzuführen, entsteht ein messbarer Geschäftswert. Dieses Prinzip lässt sich auf nahezu alle Unternehmensbereiche übertragen. In der IT können Agenten nicht nur Incidents priorisieren, sondern auch deren Ursachen analysieren, Lösungsschritte einleiten und Systeme eigenständig anpassen. In der Lieferkette wiederum verknüpft agentische KI Nachfrageprognosen, Bestandsmanagement und Logistik dynamisch miteinander. 

Neue Kostenlogik statt klassischer Einsparungen

Ein häufiger Fehler bei der Bewertung des ROI besteht zudem darin, KI-Agenten vorrangig als Instrument zur Kostensenkung zu betrachten. Zwar lassen sich durch Automatisierung manuelle Tätigkeiten reduzieren, doch gleichzeitig entstehen neue Kostenblöcke. Rechenleistung, Modellnutzung, Datenintegration und kontinuierliches Monitoring führen zu Betriebsausgaben, die sich von klassischen IT-Investitionen unterscheiden. Hinzu kommt der Aufwand für die Entwicklung und den Betrieb der Orchestrierungsschicht sowie für Governance-Mechanismen. Unternehmen, die diesen Faktor unterschätzen, laufen Gefahr, kurzfristige Effizienzgewinne durch langfristige Mehrkosten zu neutralisieren.

Die Frage, wie sich der wirtschaftliche Nutzen konkret messen lässt, ist allerdings nicht trivial. Produktivitätskennzahlen bieten auf den ersten Blick einen naheliegenden Ansatz: reduzierte Bearbeitungszeiten, geringerer Personaleinsatz oder höhere Output-Raten. Sie sind vergleichsweise einfach zu erfassen und liefern kurzfristige Indikatoren. Allerdings greifen sie zu kurz, wenn es um die strategische Wirkung geht. KI-Agenten verändern nämlich nicht nur die Effizienz bestehender Prozesse, sondern stärken die Innovationsfähigkeit von Unternehmen und lassen den Mitarbeitern mehr Freiräume für wertschöpfende Aufgaben. Diese Effekte lassen sich nur durch einen erweiterten Satz an KPIs abbilden.

Hinzu kommt der zeitliche Aspekt: Der eigentliche Mehrwert von KI-Agenten entfaltet sich erst mit zunehmender Integration. Der ROI ist somit kein statischer Wert, sondern entwickelt sich entlang punktueller Verbesserungen hin zu strukturellen Veränderungen. Unternehmen, die diesen Zusammenhang erkennen, verschieben ihren Fokus weg von isolierten Experimenten hin zu skalierbaren Systemen. Sie investieren nicht nur in Modelle, sondern auch in die Fähigkeit, diese entlang ihrer Geschäftsprozesse zu orchestrieren. Erst unter diesen Voraussetzungen wird aus technologischem Fortschritt ein wirtschaftlicher Vorteil.

Christian

Scharrer

Lead Architect und CTO Ambassador

Dell Technologies Deutschland

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