Komponentenmangel: Dank Digitalisierung Lieferketten besser verstehen

Die Pandemie hat zu einer dramatischen Störung der Lieferketten geführt, die durch den Krieg in der Ukraine noch verschärft wurde. Die Folge ist ein Mangel an Komponenten, der von der Automobilindustrie bis zur Kommunikationsinfrastruktur praktisch alle Branchen betrifft.

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Die Situation wird sich bis ins Jahr 2023 nicht verbessern, zumal der Ukraine-Krieg die gesamte Weltwirtschaft belastet. Die Digitalisierung der Lieferkette hilft, Engpässe besser zu verstehen und schneller darauf zu reagieren. Zudem schaffen digitale Plattformen mehr Transparenz für alle Beteiligten.
Als die Gesundheitskrise die meisten Menschen dazu zwang, zuhause zu bleiben und von dort aus zu arbeiten, zu studieren und Kontakte zu knüpfen und zu halten, stieg die Nachfrage nach entsprechender Technologie sprunghaft an.

Büroangestellte hielten Videokonferenzen vom Wohnzimmer aus ab, Schulkinder lernten per Fernunterricht, häufig vom Küchentisch aus mit einem Laptop, Tablet oder Mobiltelefon. Selbst Ärzte boten Onlinesprechstunden an, was bis dahin undenkbar erschien. In einer Zeit der sozialen Entfremdung verließ sich die Welt auf die Kommunikationstechnologie, um zu arbeiten, zu lernen und in Verbindung zu bleiben.

Natürlich waren wir nicht auf diesen großen Nachfrageschub vorbereitet. Der sich rasch vollziehende digitale Wandel eröffnete vielen Unternehmen und auch Privathaushalten zwar neue Möglichkeiten, die sprunghaft steigende Nachfrage nach entsprechender Technologie brachte aber auch neue Herausforderungen mit sich. Die Abriegelung ganzer Staaten und die Schließung von Fabriken infolge der Pandemie führten zu einem Produktionsrückgang und an vielen Stellen zu einer Unterbrechung der Vertriebswege. Dies wirkte sich wiederum auf die Beschaffung von Rohstoffen und die Herstellung von Komponenten aus. Es kam zu einer weltweiten Verknappung, wie wir sie noch nie zuvor erlebt hatten.

Der Nachfrageschub infolge der Pandemie, die schwerwiegenden Störungen der Logistikketten, dazu unvorhersehbare Ereignisse wie Naturkatastrophen und jetzt der Krieg in der Ukraine – all das hat aus dem Komponentenmangel eine globale Krise mit hohen Preissteigerungen und verlängerten Lieferzeiten gemacht.

Spannungen auf dem Markt

Auf dem Markt für Komponenten und Rohstoffe gibt es bis heute erhebliche Spannungen, da die hohe Nachfrage in einigen Branchen nach wie vor nicht befriedigt werden kann. Beispiele sind die Automobilindustrie, die Unterhaltungselektronik, 5G-Prozessoren und die industrielle Kommunikationsinfrastruktur. Mitten in der Pandemie hatte die Verteilung von Komponenten an die Pharma- und Gesundheitsindustrie verständlicherweise Vorrang, was allerdings die Anbieter von Kommunikations- und Netzwerklösungen bis heute beeinträchtigt. Die Rückkehr zu normalen Versorgungsniveaus liegt noch in weiter Ferne. Das Jahr 2022 hat so begonnen, wie das Jahr 2021 endete, und es ist nicht zu erwarten, dass sich die Situation bis 2023 verbessert, zumal das Kriegsgeschehen in der Ukraine die gesamte Weltwirtschaft belastet. Angesichts der weiter angespannten Lage stehen bei der Beschaffung von Komponenten nicht die Kosten, sondern Kontinuität und Widerstandsfähigkeit im Vordergrund.

Zulieferer bestimmen die Verkaufsbedingungen

Eines der zentralen Probleme ist, dass es nur wenige Hersteller gibt, die den weltweiten Bedarf an Chipsätzen abdecken, und diese Hersteller produzierten bereits vor dem Komponentenmangel mit maximaler Kapazität.

Auch das Auslaufen oder die Überalterung von Technologien muss in die Gleichung einbezogen werden. Unternehmen müssen sich bewusst und darauf vorbereitet sein, dass Technologien altern. Einige könnten sogar früher als geplant ihr Ablaufdatum erreichen, weil sich die Chip-Fabriken auf die Nachfrage nach neueren oder rentableren Technologien konzentrieren. Es würde helfen, Verteilungsprobleme zu vermeiden, wenn die Markteinführung neuer Produkte mit aktueller Chip-Technologie verkürzt oder beschleunigt werden könnte.

Innerhalb des Ökosystems der Elektroniklieferanten sind verschiedene Dynamiken im Spiel. Die Gesamtnachfrage ist weltweit gestiegen, und die Kapazitäten sind bereits voll ausgelastet. Wenn die Zulieferer nicht die Kapazität haben, alle Kundenaufträge zu erfüllen, können sie den Kunden ihrer Wahl Komponenten zuteilen – eine Entscheidung, die größere Kunden begünstigt und entsprechend kleinere und mittlere Unternehmen benachteiligt. Unternehmen, die enge Beziehungen zu ihren Lieferanten aufgebaut haben, haben bessere Chancen, auf einem Markt erfolgreich zu sein, auf dem sich die Lieferanten ihre Kunden aussuchen.

Lieferanten können von ihren Kunden auch verlangen, dass sie bestimmte Regeln und Verkaufsbedingungen einhalten, so etwa die Verpflichtung zu Mindestbestellmengen, das Fehlen von Stornierungsmöglichkeiten und das Akzeptieren längerer Vorlaufzeiten.

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Duale Beschaffung

Eine Möglichkeit, diese Situation zu entschärfen, besteht darin, sich nicht auf einen einzigen Lieferanten zu verlassen und stattdessen einen dualen oder dreifachen Beschaffungsansatz zu verfolgen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das Produktdesign möglicherweise angepasst werden muss, weil die Komponenten von einem Lieferanten zum anderen unterschiedlich sind. So können sie sich beispielsweise hinsichtlich Formgebung und Spezifikationen unterscheiden, was wiederum Forschung und Entwicklung erfordert, um sie erfolgreich in Produkte zu integrieren und damit die Lieferfähigkeit zu erhalten. Grundsätzlich gilt: Wer seine Lieferkette analysiert und evaluiert, was doppelt beschafft werden kann und welche die wichtigsten Lieferanten sind, kann sich besser auf Lieferprobleme einstellen.

Risikobewertung

Bei einer Risikobewertung der Lieferkette sollte auch der Standort der herstellenden Fabriken geprüft werden. Wer das Risiko streut und für eine doppelte Beschaffung von unterschiedlichen Standorten sorgt, kann einen Stillstand der Produktion verhindern. Dabei ist der im Vorteil, der die Komponentenbeschaffung in bestimmten Situationen von einem Lieferanten auf einen anderen wechseln kann. Allerdings tun sich größere Unternehmen mit der doppelten Beschaffung leichter, weil sie eher imstande sind, die höheren Kosten zu tragen.

Neben den Problemen mit den Lieferanten der ersten Ebene muss auch bedacht werden, dass es Probleme mit deren Lieferanten (also der zweiten und dritten Ebene) geben kann. Um potenzielle Risiken zu identifizieren, muss die gesamte Lieferkette erfasst werden, ebenso müssen Pläne zur Risikominderung aufgestellt werden. Ein tiefes Verständnis der Lieferkette, der Eskalationspfade innerhalb der Kette und der Frage, wo man Material auf den internationalen Warenbörsen als weiterer Bezugsquelle finden kann, wird auf lange Sicht sicherlich von Vorteil sein. Bei der Analyse der Lieferkette auf allen drei Ebenen sollte auch mitbedacht werden, Produkte an verschiedenen Orten zu lagern oder direkt aus der Fabrik an den Kunden zu liefern.

Lieferkette digitalisieren!

Die Digitalisierung der Lieferkette hilft, Engpässe besser zu verstehen und schneller darauf zu reagieren. Zudem schaffen digitale Plattformen, in die alle Beteiligten Einblick haben, mehr Transparenz. Unternehmen erhalten so einen besseren Überblick über Ressourcen und Prognosen ihrer Zulieferer, von der Komponentenebene bis zur Lieferung der Produkte. Die Digitalisierung unterstützt die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit.

Ist es schon schwer genug, überhaupt Komponenten zu erhalten, zumal unter aktuell strengeren Auflagen und Bedingungen – wie etwa der Ausschluss von Stornierungen – so ist der Transport ein weiteres Problem, das die Versorgung beeinträchtigt und zu längeren Vorlaufzeiten führt. Die Luftfrachtkapazitäten stehen unter Druck, was zusätzliche Einschränkungen mit sich bringt, ebenso verhindert die Überlastung der Häfen eine Steigerung der Kapazitäten auf dem Seeweg. Und der Preisanstieg für die Containerschifffahrt hat die Verzögerungen, die steigenden Preise und die Versorgungsengpässe im ersten Quartal 2022 nur noch verschärft.

Obwohl der derzeitige Mangel an Bauteilen voraussichtlich noch einige Zeit andauern wird, gibt es Maßnahmen, mit denen Unternehmen auf künftige Engpässe besser vorbereitet sind. Die globale Gesundheitskrise hat die Art und Weise, wie wir arbeiten und leben, unwiderruflich verändert, und unsere Technologieabhängigkeit wird in Zukunft nur noch stärker werden.

Gegenwärtig stehen die Unternehmen unter starkem Druck, aber wir blicken mit Optimismus auf die Innovationen der Zukunft und den Aufbau der Widerstandsfähigkeit, die nötig ist, um kommende Herausforderungen zu bewältigen und mit der Nachfrage Schritt zu halten, damit alles miteinander verbunden werden kann, und zwar besser denn je.

Rasheed Mohamad

Alcatel-Lucent Enterprise -

Geschäftsführender Vizepräsident, Globaler Vertrieb, Geschäftstechnologie und Qualität

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