Interview

Deutschland vs USA: Wie sich die Metaverse-Meinungen unterscheiden

Deutschland vs USA

Ist das Metaverse die neue Generation des Internets? Die Meinungen dazu gehen bei Expert:innen, Unternehmen und Analyst:innen stark auseinander, auch zwischen Expert:innen auf beiden Seiten des Atlantiks. Wie genau die unterschiedlichen Meinungen aussehen, wie diese zustande kommen und welche Auswirkungen das haben kann, erzählt Metaverse-Pionier und CEO von rooom, Hans Elstner, in einem exklusiven Interview mit IT-Daily.

Laut einer globalen Studie haben 59 % der Amerikaner:innen und nur 30 % der Deutschen eine Vorstellung davon, was das Metaverse ist. Können Sie es uns in einfachen Worten erklären?

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Hans Elstner: Die Definition des Metaversums als dreidimensionaler Raum ist tatsächlich noch nicht jedem geläufig, vor allem in Deutschland. In dem dystopischen Roman “Snow Crash” von Neal Stephenson, aus dem der Begriff stammt, handelt es sich um ein geschlossenes Online-Universum. So soll und wird das Metaverse natürlich nicht werden. Vielmehr ist das Metaverse als digitaler Raum und Verkörperung des Internets zu verstehen, welches unsere physische Welt um eine virtuelle Komponente erweitert. Diese “nächste Stufe” des Internets ist dabei dezentral organisiert und niederschwellig.

Konkret bilden sich aktuell bereits die Bereiche heraus, in denen das Metaverse Anwendungsgebiete findet. Dazu gehören virtuelle Veranstaltungen, Retail und E-Commerce, Industrie und Automation, Gaming, Bildung, aber auch die Bereiche Design, Architektur und Ingenieurswesen. Es existieren also bereits viele virtuelle Welten, ihre Verbindung und Interaktion bildet das Metaverse.

Wie ist der aktuelle Stand? Was kann das Metaverse bereits?

Hans Elstner: Aktuell handelt es sich beim Metaverse eher um einzelne Räume, Veranstaltungen und Anwendungsgebiete, die mehr oder minder miteinander interagieren. Es ist also kein universaler Raum, die verschiedenen Areale haben aber einen hohen Nutzen für die Industrie, Wirtschaft und für Einzelpersonen. Als Zugang zum Metaverse werden oft VR- und AR-Brillen genutzt. Davon sind in den letzten Monaten sehr viele auf den Markt gekommen, woran es dort eher noch fehlt, ist die passende Software.

Man kann das Metaverse oder Anwendungsgebiete daraus aber auch ohne spezielle Software nutzen. Viele Unternehmen schauen zum Beispiel aktuell nach der Nutzbarkeit des Metaverse, um ihren Kunden neue Erlebnisse bieten zu können, etwa beim Online-Shopping oder um Veranstaltungen virtuell zugänglich zu machen. Gerade für letzteres war die Corona-Pandemie ein Katalysator. Natürlich eignen sich diese virtuellen Welten hervorragend fürs Gaming. Doch auch in der Industrie nutzt man bereits die Vorteile von einer virtuellen Ebene, die sich über unsere physische Welt legt und so Informationen passend zugänglich macht.

Damit das Metaverse aber auf breiter Ebene akzeptiert wird, ist es entscheidend, dass die Technologie so reibungslos wie möglich zu nutzen ist. Sie darf kein Hindernis im Alltag darstellen, sondern soll uns in unserem täglichen Leben helfen.

Die USA hat mit dem Silicon Valley die Wiege der Technologieindustrie. Ist man in den USA dadurch aufgeschlossener gegenüber neuen Technologien?

Hans Elstner: Die Geschichte des Silicon Valley nimmt ihren Anfang schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und nahm in den 50ern an Fahrt auf, als die Stanford University dort einen Forschungs- und Industriepark errichtet hat. Dann kamen in den 60ern und 70ern die heute großen IT- und High-Tech-Unternehmen dazu, wovon viele ihren Anfang in dortigen Garagen hatten. Die Garage ist dabei mittlerweile zum Symbol geworden und das Silicon Valley vor allem ein Mythos, doch ein bis heute leistungsstarker. Es ist der Mix aus Kapital, Risikobereitschaft und Schöpfergeist, der diese Region groß gemacht hat.

Und diese Mentalität trägt sich durchaus weiter, man hat dort den Anspruch, dem Mythos gerecht zu werden.

Doch auch Deutschland als Technologiestandort holt massiv auf, mit vielen Hotspots verteilt über die ganze Republik. Zusammenfassend kann man sagen: Vielleicht stehen Menschen in den USA technologischen Innovationen tendenziell etwas aufgeschlossener gegenüber. Aber wenn man in Deutschland entsprechende Mehrwerte und sinnvolle Use Cases präsentieren kann, sind Unternehmen und Privatnutzer:innen ebenfalls bereit, auch innovative Technologien schnell zu adaptieren.

Wie stehen wir im internationalen Vergleich dar?

Hans Elstner: Grundsätzlich ist es schwierig, eine vergleichbare Quantifizierung aufzustellen, vor allem international. Auch, weil das Metaverse bisher für viele eine Vision ist. Dennoch kann man einige allgemeinere Aussagen treffen und dort stehen wir nicht schlecht da. Es gibt bereits einige deutsch Unternehmen, die Leistungen und Services im Metaverse anbieten und konkrete Anwendungsgebiete für die in Deutschland großen und wichtigen Wirtschaftszweige. So ist die deutsche Industrie immer noch auf dem Weg der Digitalisierung. Da lohnen sich gerade im Bereich der Automation oder im baulichen Gewerbe Funktionen wie digitale Zwillinge oder Datenbrillen, auch Smartglasses genannt, etwa für Service- und Instandsetzungsprozesse. Aber auch hier lässt sich sagen, dass die internationale Zusammenarbeit unerlässlich ist, auch für die Entwicklung der einzelnen Akteure.

Dazu gehört auch, dass Konsortien und Foren gebildet werden, in denen internationale Standards festgelegt werden, etwa im Metaverse Standards Forum, in denen nicht nur fast alle Tech-Giganten Mitglied sind, sondern auch deutsche innovative Unternehmen und sogar Universitäten.

Deutschland ist also nicht untätig bei der Entwicklung des Metaverse. Wirken sich die unterschiedlichen Mentalitäten auf die Entwicklung des Metaverse aus?

Hans Elstner: Deutschland hat eine andere Mentalität als etwa das Silicon Valley, gerade wenn es um die Entwicklung von Produkten geht. In Kalifornien ist man risikobereiter, bei uns werden Produkte nachhaltiger entwickelt. Diese Vorsicht bedeutet aber nicht, dass wir hinten dran sind. Deutschland ist immer noch Erfinderland und die dezentrale Verteilung von Industrie- und Tech-Standorten trägt ihren Teil dazu bei, dass wir hier vielfältige Mentalitäten und Foki haben.

Ein wichtiger Unterschied der beiden Länder sind auch die rechtlichen Rahmenbedingungen. Wie schätzen sie diese ein?

Hans Elstner: Das Metaverse ist etwas Neues, dafür müssen zunächst die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wir haben bereits beim Durchbruch des Internets am Anfang des Jahrtausends gesehen, wie versucht wurde, mit der Gesetzgebung den technologischen Entwicklungen hinterher zu kommen und Schritt zu halten. Mit der Entwicklung des Web 3.0 und dem Metaverse müssen neue Regularien gefunden werden und bestehende Gesetze verändert bzw ausgeweitet werden, damit sie auf die neuen Technologien und Möglichkeiten anwendbar sind. So wie es aktuell aussieht, will sich die Europäische Union dieses Mal nicht überrumpeln lassen, sondern am Zahn der Zeit sein.

Im November ist nun der erste Teil des Digital Service Act der EU anwendbar geworden, der zweite Teil wird es im Februar 2024 werden. Diese Verordnung legt Sicherheits- und Haftungsvorschriften für digitale Plattformen fest und soll so Verbraucher:innen und Grundrechte schützen. Gleichzeitig will der Staatenverbund mit dem Digital Service Act Innovationen, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit im Binnenmarkt stärken. Das wollen natürlich auch andere Staaten weltweit.

Es bleibt spannend, wie sich die rechtlichen Rahmenbedingungen in den beiden Regionen, aber auch global, entwickeln. Dennoch wird es unerlässlich sein, dass auf globaler Ebene zusammengearbeitet wird, um die besten Ergebnisse und durchsetzbare Standards zu erreichen.

Und zum Schluss: Was denken Sie, wie sich das Metaverse in den nächsten Jahren entwickeln wird?

Hans Elstner: Das Metaverse hat ein unglaubliches Potenzial, dementsprechend ist es ein stark wachsender Markt, der zahlreiche Industrien und Wirtschaftszweige beeinflusst. Konkret hilft das Metaverse, verschiedene Herausforderungen zu bewältigen, dazu gehört etwa, dass durch digitale Zwillinge und Spatial Computing Energie eingespart werden kann. Nachhaltige Lösungen werden immer auch eine technische Komponente haben.

Davon abgesehen glaube ich, und da gehen die meisten Meinungen in die gleiche Richtung, dass es beim Metaverse nicht “die eine Lösung” geben wird. Monopolismus ist weder wünschenswert, noch wird es sich umsetzen lassen. Keinem Unternehmen wird das Metaverse gehören. Stattdessen wird die Interkonnektivität der einzelnen digitalen Räume steigen, sodass für Nutzer:innen ein nahtloses Erlebnis entsteht, ohne dass dieses nur aus einer Quelle kommt. Außerdem denke ich, dass es noch viel in Bezug auf das Metaverse zu entdecken gibt. Wir haben noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft und entwickeln daher zusätzliche Lösungen, um das Metaverse zu permanent zu erweitern.

Hans Elstner rooom AG

Hans Elstner

rooom AG -

Gründer und CEO

Hans Elstner ist Gründer und CEO der 2016 gegründeten rooom AG. Das Thüringer Unternehmen bietet Unternehmen weltweit eine Web-basierte Plattform, um digitale Welten, Showrooms, Events und mehr selbst zu gestalten und ist Mitglied im Metaverse Standards Forum.
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