Data Centre Truths  Summer 2026

Zeitenwende im Rechenzentrumsmarkt: Strom wird wichtiger als Lage

Strom

Der europäische Rechenzentrumsmarkt boomt, doch unter der Oberfläche vollzieht sich ein fundamentaler Wandel.

Der neue Report „Data Centre Truths  Summer 2026″ von BCS Consultancy, für den mehr als 3.000 Branchenexperten aus 41 Ländern befragt wurden, zeigt: Nachfrage ist längst kein Erfolgsgarant mehr. Wer heute ein Rechenzentrum bauen will, muss vor allem nachweisen können, dass sein Projekt tatsächlich umsetzbar ist.

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Der wichtigste Befund des Reports betrifft die Standortwahl. Über Jahrzehnte war die Formel simpel: gute Anbindung, verfügbares Grundstück, ausreichend Nachfrage und fertig ist das Rechenzentrumsprojekt. Diese Logik hat sich verschoben. 91 Prozent der Befragten zählen die Stromverfügbarkeit heute zu den zwei wichtigsten Kriterien bei der Standortwahl, 70 Prozent nennen sie sogar als wichtigsten Einzelfaktor. Das bedeutet einen Anstieg von 64 Prozent innerhalb von nur sechs Monaten! Entwickler und Investoren urteilen einstimmig, dass die Stromverfügbarkeit ganz oben in der Liste der wichtigsten Einflussfaktoren steht.

Der Grund liegt auf der Hand: Netzanschlusstermine verschieben sich in Europa und insbesondere auch in Deutschland zunehmend in die späten 2030er- oder frühen 2040er-Jahre. Cameron Thompson, Head of Utilities bei BCS, bringt es auf den Punkt: Ohne eine von Anfang an durchdachte Stromstrategie, die Anschlusszeiten, verfügbare Kapazitäten und alternative Erzeugungsoptionen mit den tatsächlichen Lastanforderungen in Einklang bringt, wird Energie schnell zum limitierenden Faktor für die gesamte Projektumsetzung. Ein Grundstück ist damit nicht mehr allein deshalb investierbar, weil es vorhanden ist, sondern nur, wenn eine glaubwürdige Route zur Energieversorgung existiert. Die Grundstückswahl ist damit zu einer Strom- und Netzentscheidung geworden, die der klassischen Immobilienbewertung vorgeschaltet ist.

Investoren bleiben interessiert, werden aber deutlich wählerischer

Diese neue Unsicherheit schlägt sich unmittelbar in den Finanzierungsbedingungen nieder. Zwar haben alle befragten Entwickler und Investoren ihr Portfolio in den vergangenen sechs Monaten ausgebaut und planen weiteres Wachstum. Die Überzeugung des Marktes bleibt demnach intakt. Doch die Risikobereitschaft sinkt rapide. Der Anteil jener, die vor Baubeginn eine Vorvermietungsquote von mindestens 75 Prozent verlangen, ist innerhalb von nur sechs Monaten von 12 auf 42 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist der Anteil der Investoren, die mit 25 Prozent Vorvermietung oder weniger starten würden, von 47 auf 31 Prozent gefallen. Erstmals seit 2022 verlangen vier Prozent sogar eine vollständige Vorvermietung, bevor überhaupt gebaut wird.

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Das ist kein Zeichen nachlassenden Vertrauens in die Branche, sondern Ausdruck wachsender Disziplin. Die entscheidende Frage hat sich verschoben: Nicht mehr die Frage „Gibt es Nachfrage?“, sondern „Lässt sich dieses Projekt nachweislich realisieren?“ wird zum entscheidenden Investitionskriterium.

KI treibt die Nachfrage und offenbart die Grenzen der Infrastruktur

Künstliche Intelligenz bleibt der stärkste Wachstumstreiber der Branche: 78 Prozent der Befragten berichten von einem deutlichen, direkt auf KI zurückführbaren Nachfrageanstieg in den vergangenen zwölf Monaten. 90 Prozent erwarten für die kommenden zwölf Monate signifikantes weiteres Wachstum. Doch die Kehrseite ist ebenso eindeutig: 90 Prozent der Befragten sehen die Geschwindigkeit der KI-Einführung durch den Mangel an verfügbarem Strom und geeigneten, hochdichten Flächen ausgebremst.

Das liegt an den technischen Anforderungen von KI-Workloads, die weit über klassische Cloud-Infrastruktur hinausgehen: höhere Leistungsdichten pro Rack, anspruchsvollere Kühlkonzepte, komplexere Beschaffungsstrategien für Spezialkomponenten. Laut Report erwarten bereits 31 Prozent der Befragten bis Jahresende Rack-Leistungen von 9 bis 12 Kilowatt (kW), 27 Prozent von 12 bis 15 und zehn Prozent sogar mehr als 15 kW. Charlie Bruinvels, Head of Land Intelligence bei BCS, macht deutlich: Investoren müssen künftig höhere Anfangsinvestitionen für technische Prüfungen gegen stärkere Nachfrage und potenzielle Renditen abwägen. Die entscheidenden Faktoren sind dabei Stromversorgung, Genehmigungen, Wasserverbrauch und die Fähigkeit, künftige Steigerungen der KI-Rechendichte aufzufangen. Ein Standort gilt also nur dann als „KI-ready“, wenn Strom, Kühlung, Bauprogramm, Beschaffung und Betriebskonzept von Beginn an auf diese höheren Lasten ausgelegt sind. Keiner dieser Aspekte darf vernachlässigt werden.

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Der Fachkräftemangel erreicht ein neues Ausmaß

Parallel zur Energiefrage verschärft sich ein zweiter struktureller Engpass: der Mangel an qualifiziertem Personal. Erstmals seit Beginn der Erhebung erwarten 100 Prozent der Befragten einen Rückgang beim Angebot an Fachkräften, während 96 Prozent gleichzeitig von steigender Nachfrage nach genau diesen Kompetenzen ausgehen. Die Folgen sind längst spürbar: 84 Prozent berichten von steigenden Betriebs- und Personalkosten, 79 Prozent von erhöhter Arbeitsbelastung bestehender Teams, 54 Prozent von Schwierigkeiten, Termine oder Kundenanforderungen einzuhalten. 22 Prozent haben bereits einzelne Produkte oder Dienstleistungen eingestellt.

Hinzu kommt anhaltende Volatilität in den Lieferketten: 91 Prozent der Befragten waren im vergangenen Jahr davon betroffen, ein Anstieg gegenüber 86 Prozent im vierten Quartal 2025. Rund vier von fünf Befragten erwarten, dass diese Störungen die Basiskosten in den kommenden zwölf Monaten weiter nach oben treiben. Chris Coward, COO von BCS Consultancy, betont, dass ein belastbarer Zeitplan heute weit mehr sein muss als eine reine Terminplanung. Vielmehr muss er eine risikogeprüfte Einschätzung der tatsächlichen Lieferfähigkeit darstellen, die Netzanschluss, Fachkräfteverfügbarkeit, Beschaffungsstrategie und Kostensteigerungen von Anfang an mitdenkt.

Nachhaltigkeit und Akzeptanz werden zur Genehmigungsfrage

Auch die gesellschaftliche Dimension gewinnt an Gewicht. Über 90 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Rolle und Wirkung der Rechenzentrumsbranche in der Öffentlichkeit erheblich missverstanden werden, besonders bei Umweltthemen. Gleichzeitig erwarten 77 Prozent einen steigenden Wasserverbrauch ihrer Anlagen in den kommenden drei Jahren. In wasserknappen Regionen wie Spanien oder Portugal lassen sich Strom- und Wasserstrategie daher nicht mehr getrennt betrachten. Die Kühlstrategie wird selbst zum Bestandteil der Investitionsfähigkeit. Fehlende frühzeitige Einbindung der lokalen Gemeinschaften und die Entwicklung von Nachhaltigen Konzepten kann zum Scheitern ganzer Projekte führen.

Nachfrageprognosen allein reichen nicht

Wer heute in europäische Rechenzentren investiert, darf sich nicht mehr allein auf Nachfrageprognosen verlassen. Entscheidend ist, ob ein Projekt tatsächlich mit Strom versorgt, genehmigt, gebaut und betrieben werden kann. Das bedeutet konkret: Netzanschlusszeiten und Skalierbarkeit der Energieversorgung müssen vor der Standortentscheidung geklärt sein, Kosten- und Zeitpläne müssen Fachkräftemangel und Lieferkettenrisiken realistisch einpreisen, und Nachhaltigkeits- sowie Wasserfragen gehören von Beginn an in die Machbarkeitsprüfung und nicht erst ans Projektende. Heute ist die Lieferfähigkeit das entscheidende Differenzierungsmerkmal, das den Unterschied zwischen erfolgreichen und gescheiterten Projekten ausmacht.

Stefan

Riedmann

Associate Director DACH

BCS Consultancy

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