Cloud-Strategie regelmäßig überprüfen

Viele Unternehmen halten zu lange an ihrem Cloud-Provider fest

Cloud-Management

Jerome Evans, Gründer und Geschäftsführer von firstcolo, nennt sechs Gründe, warum Unternehmen und Akteure der öffentlichen Hand ihre Cloud-Strategie auf den Prüfstand stellen sollten.

„Wirtschaftlich sind Cloud-Infrastrukturen heute das Rückgrat vieler Geschäftsmodelle. Im öffentlichen Bereich gehören sie zur kritischen Infrastruktur. Umso bemerkenswerter ist, dass in Unternehmen, Behörden und öffentlichen Einrichtungen die Entscheidung für einen Cloud-Anbieter häufig über Jahre hinweg nicht mehr hinterfragt wird. Selbst dann nicht, wenn die Kosten aus dem Ruder laufen oder sich die geopolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen grundlegend verändern. Bei Kunden und Interessenten sehen wir immer wieder Fälle, in denen ein Wechsel nicht nur sinnvoll, sondern äußerst empfehlenswert ist.

Anzeige

In jüngster Zeit mehren sich jedoch im öffentlichen Sektor Europas Beispiele für einen bewussten Ausstieg aus bestehenden Abhängigkeiten: Frankreich setzt bei zentralen Diensten stärker auf souveräne Infrastrukturen, der Internationale Strafgerichtshof wechselt zur Open-Source-Alternative, Schleswig-Holstein und das österreichische Bundesheer lösen sich aus proprietären Ökosystemen.

Aus unserer Erfahrung gibt es sechs typische Gründe, an denen Unternehmen, Behörden und andere Organisationen sehen, dass sie ihren Cloud-Provider auf den Prüfstand stellen sollten:“

1. Digitale Souveränität rückt in den Fokus

„Mit zunehmenden geopolitischen Spannungen und Gesetzen wie dem US CLOUD Act ist digitale Souveränität längst kein abstraktes Schlagwort mehr. Unternehmen, die mit sensiblen Daten arbeiten oder langfristige Planungssicherheit brauchen, müssen genau wissen, in welchem Rechtsraum ihr Cloud-Anbieter agiert und wer im Zweifel Zugriff auf Daten haben könnte.

Anzeige

Spätestens wenn die Abhängigkeit von außereuropäischen Providern steigt, sollten Verantwortliche prüfen, ob es notwendig ist, in ein souveränes, europäisches Umfeld zu wechseln. Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht nur Datenkontrolle, sondern auch Alternativen zu proprietären Lösungen zu haben.“

2. Compliance-Anforderungen werden zur Stolperfalle

„Ob DSGVO, branchenspezifische Vorgaben oder Zertifizierungen wie IT-relevante ISO-Normen: Viele Unternehmen stehen unter wachsendem Compliance-Druck. Wenn der aktuelle Anbieter die Anforderungen nur unzureichend unterstützt – etwa durch unklare Datenstandorte, fehlende Transparenz oder mangelnde Nachweisbarkeit – entsteht ein konkretes Risiko.

Wir erleben immer wieder, dass Unternehmen erst im Auditprozess merken, dass sie defizitär aufgestellt sind, und sich dann an uns wenden. Ein Anbieterwechsel kann hier helfen, ein rechtlich belastbares Betriebsmodell zu etablieren und Prüfungsanforderungen zu erfüllen.“

Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.

3. Die Kosten geraten außer Kontrolle

„Ein häufiger Auslöser für einen Wechsel sind intransparente Kostenstrukturen. Verbrauchsabhängige Modelle wirken auf den ersten Blick attraktiv, können aber durch Zusatzkosten für Datenverkehr (Egress-Gebühren), Speicherzugriffe oder Lastspitzen schnell zur Blackbox werden. Unternehmen profitieren in solchen Fällen von Modellen mit besserer Planbarkeit.

Unternehmen sollten deshalb immer die Total Cost of Ownership im Blick haben: Neben der reinen Infrastruktur zählen auch Betrieb, Monitoring, Support und das benötigte Spezial-Know-how. Wer hier keine Transparenz hat, zahlt oft deutlich mehr, als nötig wäre.“

4. Vendor Lock-in schränkt die Handlungsfähigkeit ein

„Proprietäre Plattformen, individuelle APIs oder komplexe Lizenzmodelle können zum berühmten goldenen Käfig werden: Die Umgebung wirkt zunächst komfortabel, die Funktionen überzeugen – bis Preise steigen, Leistungen angepasst werden oder strategische Änderungen notwendig sind.

Wenn Unternehmen Änderungen nur noch mit hohem Aufwand oder gar nicht mehr umsetzen können, ist das ein klares Warnsignal. Dann sollten sie prüfen, ob ein Wechsel zu Open-Source-basierten Lösungen langfristig mehr Handlungsspielraum bietet.“

5. Der Betrieb wird zu komplex

„Gerade im Mittelstand zeigt sich oft, dass Multi-Cloud-Strategien zwar technisch sinnvoll sein können, operativ aber schnell überfordern. Unterschiedliche Plattformen erfordern tiefes Spezialwissen, erhöhen den Personalbedarf und im Fehlerfall den Entstörungsaufwand. Ein Anbieterwechsel kann hier zu einer Konsolidierung beitragen, insbesondere dann, wenn neben Infrastruktur auch Betriebs-Knowhow und Best Practices bereitgestellt werden.“

6. Modernisierung mit angezogener Handbremse

„Heute stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, ihre Anwendungen weiterzuentwickeln, etwa in Richtung Cloud-native Architekturen mit Containerisierung. Ist die bestehende Umgebung dafür nicht geeignet, können Innovationen nicht gedeihen. Ein Wechsel sollte dann dafür sorgen, dass moderne Technologien besser integriert, Entwicklungsprozesse beschleunigt und die Time-to-Market verbessert werden.“

Fazit

„Viele Unternehmen halten zu lange an ihrem Cloud-Provider fest – selbst dann, wenn Kosten, Risiken oder neue Anforderungen klar gegen den Status quo sprechen. Ein Wechsel erfordert Planung, Know-how und eine klare Zieldefinition. Richtig umgesetzt, kann er jedoch ein zentraler Hebel sein, um Kosten zu optimieren, Risiken zu reduzieren und die eigene IT zukunftsfähig aufzustellen.

Unternehmen sollten ihre Cloud-Strategie daher regelmäßig überprüfen – idealerweise proaktiv, wenn technologische, regulatorische und wirtschaftliche Veränderungen sich abzeichnen, und nicht erst, wenn bereits dringender Handlungsbedarf besteht.“

Jerome

Evans

Gründer und Geschäftsführer

firstcolo GmbH

Jerome Evans ist Geschäftsführer der firstcolo GmbH. Seit über 15 Jahren befasst er sich mit IT-Dienstleistungen, speziell Datacentern und kümmert sich um den Aufbau und Betrieb von Rechenzentren.
Anzeige

Artikel zu diesem Thema

Weitere Artikel

Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.