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Professor Dr. Gerald LembkeSie sollen den Alltag, die private Kommunikation aber auch den Arbeitstag einfacher, bequemer und schneller machen: Zweifellos schicken sich Smartphones und deren kleine Helferlein an, uns nicht nur zu unterstützen, sondern das Regime zu übernehmen. Diese Ansicht vertritt Professor Dr. Gerald Lembke von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Während es im privaten Alltag eher zu weniger sozialer Interaktion und im Straßenverkehr immer häufiger zu lebensgefährlichen Situationen komme, raubten digitale Parasiten im Wirtschaftsleben Konzentration, Arbeitsfluss, Gesundheit und – teure Arbeitszeit. Valide Studien für den deutschen Arbeitsmarkt gibt es allerdings noch nicht.

Bisher waren es bisher E-Mails und Spam, die am PC Zeit und Nerven gekostet und volkswirtschaftliche Schäden immensen Ausmaßes angerichtet haben. Der Internetverband eco schreckte die Wirtschaft schon vor zwei Jahren mit der gewaltigen Schadenshöhe von 500 Milliarden Euro auf, die weltweit jährlich aufliefe. Eco-Geschäftsführer Harald A. Summa hielt die entstandenen Schäden sogar für höher als den erzielten Nutzen der elektronischen Kommunikation. Ins Blickfeld von Wissenschaftlern und Wirtschaftsbossen rückt nun mehr und mehr der kleine mobile PC-Bruder, das Smartphone. So hat der Wissenschaftler Alexander Markowetz von der Uni Bonn im „Menthal Projekt“ kürzlich die psycho-sozialen Folgen bei 300.000 Smartphone-Nutzern untersucht. Drei Stunden befassen sich demnach die Nutzer täglich mit ihrem Digital-Gerät, das sie bis zu 60 Mal zücken. Dabei ist es gar nicht mal so sehr die absolute Dauer, es sind die häufigen Unterbrechungen, die den Arbeitstag in viele kleine Teile zerlegen und damit die Produktivität am Arbeitsplatz drastisch einschränken.

Professor Lembke von der Dualen Hochschule Mannheim weist auf weitere, gleich lautende Studien hin. So ermittelte die US-amerikanische Karriere-Plattform „Careerbuilder.com“, dass jeder vierte Arbeitnehmer während eines typischen Arbeitstages mindestens eine Stunde mit persönlichen Anrufen, E-Mails und Textnachrichten beschäftigt sei. Konzen-trationskiller Nummer 1 sei das Smartphone mit SMS- und Textnachrichten. Und obwohl Internetsucht noch keine offizielle Diagnose in gängigen Klassifizierungssystemen für psychiatrische Erkrankungen ist, gibt es laut aktuellen Zahlen vom Buchautor Bert te Wildt im deutschsprachigen Raum bis zu fünf Millionen pathologisch auffällige digitale Mediensüchtige, Tendenz stark steigend. Seinen Studenten hat Professor Gerald Lembke, der fast täglich im Kontakt mit internet-affinen Studierenden und digitalitätsfreudigen Unternehmen ist, die Anwendung digitaler Spielereien in seinen Vorlesungen untersagt.

„Digitaliät beeinflusst Arbeitsplatz am stärksten“

Doch auch die nicht-pathologischen Befunde sollten besonders Arbeitgebern zu denken geben. In einer Studie von ibi researach an der Universität Regensburg („Digital2014“) geben die Befragten an, dass die „stärksten Auswirkungen“ der Digitalität am Arbeitsplatz festzustellen sind. Die „ständige Erreichbarkeit – bedingt durch einen erhöhten Stressfaktor und weniger Freizeit“ bewirke negative Auswirkungen auf Gesundheit und Privatleben, so eines der Ergebenisse der Umfrage. Mehr als ein Viertel der Befragten nutzt täglich Soziale Medien – auch beruflich. Das vermindere, neben positiven Networking-Effekten merklich die Konzentrationsfähigkeit.

Mehr als zwei Drittel leiden unter „Phantomvibrieren“

Der mittlerweile erreichte Stellenwert des Smartphones zeigt sich auch am sogenannten „Phantomvibrieren“: Mehr als zwei Drittel der Befragten der ibi-research-Umfrage glauben gelegentlich, dass das Mobiltelefon klingelt oder vibriert, obwohl sie weder einen Anruf noch eine Nachricht erhalten haben.

Der Stressreport der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2012) verweist ebenfalls auf eine massive Verdichtung des Arbeits- und Zeitdrucks bei den Beschäftigten. Etwa ein Viertel der Beschäftigten, so die Agentur, verzichte mittlerweile auf ihre Arbeitspausen: Der Arbeitstag beginne nicht mehr mit dem Betreten des Büros: SMS- und Messenger-Nachrichten würden sowohl auf dem Weg zur Arbeit, in den Arbeitspausen als auch in der Freizeit gelesen, wie ein Forschungsprojekt der TU Berlin beklagte und die Leser sarkastisch mit „Willkommen im Hamsterrad der postindustriellen Arbeitswelt“ begrüßte. 

Autonomie und Konzentrationsfähigkeit auf dem Rückzug

Für Professor Lembke decken sich diese Befunde mit den eigenen Beobachtungen der digitalen Welt: Die Autonomie und Selbständigkeit, so Lembke, nimmt bei hoher digitaler Mediennutzung ab. Gleichzeitig sinke die Konzentrationsfähigkeit durch exzessive digitale Mediennutzung überproportional ab und werde sogar verlernt. Das kollaborative Zusammenarbeiten nutze dabei nur einer kleinen Minderheit. Und Internetinhalte würden lediglich rezipiert – jedoch kaum zielfördernd bewertet oder weiterverarbeitet. Die „Wisch- und Copy-Paste-Kompetenz“, so Lembke, präge sich weiter aus, doch gleichzeitig sinke das konzentrierte und zielorientiertes Arbeitsverhalten über alle Bereiche, von Schule, Studium bis hin zur Arbeitswelt.

„Es ist höchste Zeit“, fordert Professor Lembke, „dass wir uns auf allen Ebenen mit einer neuen Kultur der Digitalität befassen, in Gesellschaft und Arbeitswelt und Antworten auf die Frage finden, wie wir in Zukunft eigentlich mit Smartphone & Co leben wollen“. 

Gerald Lembke ist Professor, Buchautor und Unternehmer für den Umgang mit Digitalen Medien in Wirtschaft und Gesellschaft. Er ist Präsident des „Bundesverbandes für Medien und Marketing“ (BVMM), einem aktiven Netzwerk für Digitalität in Marketing und Vertrieb.

http://gerald-lembke.de/

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