Im Werk Ingolstadt sollen mobile humanoide Roboter von Agile Robots Bauteile in der richtigen Reihenfolge für die Montage bereitlegen. Geplant wird der Einsatz zuerst im virtuellen Zwilling mit Software von Dassault Systèmes und Nvidia.
Audi testet mobile Humanoide in der Sequenzierung

Audi lotet aus, ob humanoide Roboter eine der hartnäckigsten Aufgaben in der Fahrzeuglogistik übernehmen können: die Sequenzierung. Gemeinsam mit dem Münchner Robotikhersteller Agile Robots, Dassault Systèmes und Nvidia hat der Autobauer auf der Nvidia GTC in Berlin einen Proof-of-Concept vorgestellt. Erprobt wird er im Production Lab des Werks Ingolstadt, wo Audi neue Produktions- und Logistiktechnik testet.
Eine Million Picks pro Tag
Bei der Sequenzierung werden Bauteile aus Materialbehältern entnommen und in Sequenzwagen so angeordnet, dass sie in genau der Reihenfolge am Montageband ankommen, in der die Fahrzeuge dort vorbeilaufen. Laut Audi fallen in der Logistik des Herstellers rund eine Million solcher Picks täglich an. Bislang ist das weitgehend Handarbeit.
Der Grund ist bekannt: Klassische Industrieroboter tun sich schwer mit unsortierten Teilen in Kisten und mit sogenannten biegeschlaffen Bauteilen, also flexiblen Komponenten wie Kabelsträngen oder Verkleidungen. Hinzu kommt die große Variantenvielfalt im Premiumsegment. „Beim Pickprozess in der Sequenzierung stoßen klassische Automatisierungslösungen seit Jahrzehnten an ihre Grenzen“, sagt Audis Produktionsvorstand Gerd Walker.
Humanoider Oberkörper auf mobiler Basis
Agile Robots setzt dafür auf eine Mischform: Die neu entwickelten Roboter kombinieren einen humanoiden Oberkörper mit zwei Armen und eine fahrbare Basis statt Beinen. Das soll die Reichweite und Geschicklichkeit eines Humanoiden mit der Stabilität einer mobilen Plattform verbinden. Die Maschinen arbeiten auf menschlicher Arbeitshöhe und sollen sich ohne Umbau in bestehende Logistikumgebungen einfügen.
Mit beiden Händen sollen die Roboter auch große und flexible Teile sicher handhaben. Eine KI-gestützte Bildverarbeitung soll unterschiedliche Komponenten erkennen und greifen, auch wenn sie in verschiedenen Behältern, Lagen oder Verpackungen liegen. Agile Robots gibt an, weltweit bereits mehr als 20.000 Robotiklösungen installiert zu haben; die mobilen Humanoiden sind allerdings ein neues Produkt.
„Gemeinsam mit Audi zeigen wir, wie unsere mobilen Humanoiden hochwertige, kritische Aufgaben übernehmen können, die sich bislang nicht automatisieren ließen“, sagt Zhaopeng Chen, Gründer und CEO von Agile Robots. Genau das sei der Kern von Physical AI.
Erst simulieren, dann greifen
Bevor die Roboter in Audis Smart-Intralogistics-Umgebung arbeiten, wird die Logistikhalle als virtueller Zwilling in Dassaults Planungssoftware Delmia auf der 3DExperience-Plattform nachgebaut. Dort prüfen die Partner Machbarkeit, Durchlaufzeiten, Ergonomie und Sicherheit. Zum Einsatz kommen Dassaults Industry World Models sowie Nvidias Omniverse-Bibliotheken für Physical AI.
Künftig soll zudem Leo, ein KI-Assistent von Dassault, die Planungsingenieure unterstützen. „Was bislang Monate dauern kann, lässt sich so auf wenige Tage verkürzen“, verspricht Philippe Laufer, Executive Vice President bei Dassault Systèmes. Deepu Talla, bei Nvidia Vizepräsident für Robotik und Edge-KI, sieht darin den eigentlichen Vorteil: Audi adressiere „einen der anspruchsvollsten Prozesse in der Automobillogistik, ohne bestehende Abläufe grundlegend verändern zu müssen“.
Noch kein Serieneinsatz
Bei aller Euphorie der Beteiligten bleibt das Projekt vorerst ein Proof-of-Concept. Zu Taktzeiten, Fehlerquoten oder der Zahl der eingesetzten Roboter machen die Partner keine Angaben, ebenso wenig zu einem Zeitplan für den Einsatz in der Serienlogistik. Laut Mitteilung hat die Erprobung bereits begonnen, zunächst vor allem virtuell.
Damit reiht sich Audi in eine wachsende Liste von Autoherstellern ein, die humanoide Roboter in der Fabrik testen. Ob sich der aufwendige Ansatz gegenüber spezialisierter Automatisierung oder menschlichen Arbeitskräften rechnet, muss sich im realen Betrieb erst zeigen. Audi selbst spricht von einer Entlastung der Beschäftigten bei repetitiven Tätigkeiten, die dadurch Freiraum für andere Aufgaben bekommen sollen.
(red)




