Wer Coding-Agenten im Entwicklungsteam einsetzt, hat andere Fragen als jemand, der eine KI-Funktion in sein Produkt einbaut. Beide Aufgaben kommen im iSAQB-Programm vor. Bei der Kurswahl lohnt es sich allerdings, genauer hinzusehen, statt nur auf das Stichwort KI zu achten.
Ein Beispiel: Ein Coding-Agent soll eine Exportfunktion ergänzen. Der Code läuft, die vorhandenen Tests sind grün. Erst im Review fällt auf, dass der Export direkt auf die Bestelldatenbank zugreift, statt den Bestellservice zu nutzen.
Diese Vorgabe stand jedoch weder im Auftrag noch in der Dokumentation, die der Agent erhalten hatte. Zwei Entwickler kannten sie noch aus einem früheren Projekt.
Das Team könnte nun den Prompt ergänzen und die Änderung neu erzeugen lassen. Für diesen Export würde das womöglich genügen – doch beim nächsten Feature müsste wieder jemand daran denken. Nachhaltiger wäre es, zu klären, wo solche Entscheidungen festgehalten werden und wie sich ihre Einhaltung überprüfen lässt. Davon würden auch neue Kollegen profitieren – ganz ohne KI.
Welche Weiterbildung hilft bei einem solchen Problem? Das hängt davon ab, was dem Team fehlt: Erfahrung mit Coding-Agenten – oder klar dokumentierte Architekturentscheidungen.
KI im Entwicklungsprozess oder KI im Produkt?
Der Unterschied wird an einem zweiten Fall deutlich: Ein Unternehmen möchte eine Anwendung um eine Funktion erweitern, die Fragen auf Basis interner Dokumente beantwortet. Ob der Code dafür von Menschen oder mithilfe von KI geschrieben wird, ist zunächst zweitrangig. Die Architektur muss eine KI-Komponente in das Produkt integrieren.
Genau hier setzen die beiden iSAQB-Module unterschiedlich an. AGENTA befasst sich mit Architekturarbeit im Umfeld KI-gestützter und agentischer Softwareentwicklung. SWARC4AI widmet sich dem Entwurf von Softwaresystemen, die selbst KI enthalten. Ein Unternehmen kann durchaus vor beiden Aufgaben stehen – daraus folgt aber nicht, dass alle Beteiligten denselben Kurs brauchen.
Hinter dem Programm steht das International Software Architecture Qualification Board, kurz iSAQB. Es legt die Ausbildungs- und Prüfungsordnungen für die Qualifizierung in Softwarearchitektur fest. Das zugehörige Zertifizierungsprogramm heißt CPSA (Certified Professional for Software Architecture); AGENTA und SWARC4AI zählen zu dessen Advanced-Level-Modulen.
Für eine erste Vorauswahl fragt der iSAQB AI-Suggester von tecnovy nach bisheriger iSAQB-Erfahrung, Architekturkontext, Lernschwerpunkt und Ziel. Die Vorschläge beziehen sich auf das Kursangebot des Anbieters. Ob ein Modul tatsächlich passt, sollte man anschließend anhand des Lehrplans und des vorausgesetzten Wissens prüfen
AGENTA: Was der Agent über die Architektur wissen muss
Zurück zum Export. Die Vorgabe, den Bestellservice zu verwenden, braucht eine Begründung. Sonst bleibt sie eine bloße Anweisung, über die im nächsten Review erneut diskutiert wird – samt der Frage, ob sie überhaupt noch gilt.
Eine kurze Entscheidungsnotiz könnte in diesem Fall so aussehen:
Der Export bezieht Bestelldaten über den Bestellservice. Direkte Zugriffe auf dessen Datenbank sind ausgeschlossen. Der Service setzt die fachlichen Zugriffsregeln um; diese sollen im Export nicht ein zweites Mal nachgebaut werden.
Damit ist die Absicht dokumentiert. Offen bleibt jedoch, ob der Agent die Notiz bei seiner Arbeit tatsächlich zu sehen bekommt. Dass irgendwo im Repository eine Datei liegt, ist dafür noch kein Beleg.
Genau mit solchen Fragen beschäftigt sich AGENTA. Der AGENTA-Lehrplan beschreibt, wie Architekturwissen für Agenten aufbereitet und im richtigen Moment bereitgestellt wird. Hinzu kommen Verfahren, mit denen sich generierte Änderungen gegen Architekturziele und -regeln prüfen lassen. Dabei unterscheidet der Lehrplan ausdrücklich zwischen dem Bereitstellen von Wissen und der Kontrolle des Ergebnisses: Verfügbarer Kontext allein garantiert noch keine passende Umsetzung.
Beim Export ließe sich zum Beispiel prüfen, ob eine automatisierte Abhängigkeitsprüfung im Build möglich ist. Die Regel wäre eindeutig: Die Exportkomponente darf das Datenbankmodul des Bestellsystems nicht verwenden. Außerdem wäre zu klären, ob sie überhaupt Zugangsdaten für diese Datenbank benötigt.
Das macht nicht jede andere Prüfung überflüssig. Ein Test kann die unerlaubte Abhängigkeit erkennen und trotzdem übersehen, dass der Export fachlich falsche Daten liefert. Wer für das Ergebnis verantwortlich ist, bleibt deshalb eine eigene Frage: Wer sieht sich den Umfang der Änderung an? Wer darf eine Ausnahme von der Regel genehmigen?
Darüber hinaus behandelt AGENTA den Einsatz von KI bei Architekturentscheidungen, die Rekonstruktion bestehender Architekturen sowie Fragen der Nachvollziehbarkeit und Verantwortung. Das Modul ist damit breiter angelegt als eine Schulung zur Bedienung eines Coding-Assistenten.
Zugleich zeigt das Exportbeispiel, wo Automatisierung an ihre Grenzen stößt. Vielleicht ist der Bestellservice für große Datenmengen tatsächlich ungeeignet. Dann braucht das Team eine andere Lösung – und eine begründete Änderung seiner Entscheidung. Ein Mechanismus, der die alte Regel zuverlässig durchsetzt, macht diesen Konflikt nur sichtbar. Lösen muss ihn jemand.
SWARC4AI: Wenn KI Teil des Produkts wird
Bei der Dokumentenanwendung aus dem zweiten Beispiel liegt das Problem anders. Hier muss zuerst geklärt sein, welche Informationen für welche Nutzer überhaupt verwendet werden dürfen.
Eine einfache Prüfidee: Dieselbe Frage wird mit zwei Benutzerkonten gestellt. Das eine hat Zugriff auf ein vertrauliches Dokument, das andere nicht. Für beide Konten wird vorab festgelegt, welche Informationen in der Antwort erscheinen dürfen. Gibt die Anwendung die vertraulichen Inhalte in beiden Fällen preis, ist sie für den vorgesehenen Einsatz ungeeignet – selbst wenn ihre Antworten ansonsten überzeugen.
Hinzu kommen weniger spektakuläre Fälle: Zwei Dokumente widersprechen sich. Eine Richtlinie wurde ersetzt, die alte Fassung ist aber noch im Bestand. Zu einer Frage gibt es schlicht keine belastbare Information. Für die Abnahme muss festgelegt werden, wie die Anwendung in jedem dieser Fälle reagieren soll.
Aus solchen Beispielen entsteht ein erster Satz an Prüffällen, der sich bei Änderungen an Modell, Datenaufbereitung oder Anwendung wiederverwenden lässt. Dazu gehört auch die Entscheidung, was sich automatisch bewerten lässt und wo eine fachkundige Person die Antworten prüfen muss.
Diesen Bereich der Softwarearchitektur deckt SWARC4AI ab: die Einbindung von KI-Komponenten, die Datenverarbeitung, Qualitätsmerkmale im Betrieb und die Bewertung von KI-Anwendungen. Der Lehrplan geht über generative KI hinaus und schließt auch Machine-Learning-Systeme ein. Ein Chatbot ist also ein möglicher Anwendungsfall – aber nicht das, was das Modul ausmacht.

Die Tabelle trennt Schwerpunkte, nicht Projekte. Wer die Dokumentenanwendung mithilfe von Coding-Agenten entwickelt, hat mit beiden Themen zu tun. Bei der Kurswahl kommt es darauf an, welche Aufgabe die jeweilige Person übernimmt und welches Wissen sie bereits mitbringt.
Vielleicht fehlt zunächst etwas anderes
Wenn im Exportteam niemand erklären kann, warum der Bestellservice verwendet werden soll, fehlt zunächst eine gemeinsame Entscheidung. Die nimmt dem Team auch kein KI-Kurs ab.
Ähnlich bei der Dokumentenanwendung: Solange die Fachabteilung nicht festgelegt hat, welche Antworten als richtig gelten, kann das Entwicklungsteam keine sinnvolle Abnahme vorbereiten. Mehr Wissen über Modelle allein beseitigt diese Unklarheit nicht.
Das spricht nicht gegen Weiterbildung, wohl aber dafür, das Problem vor der Buchung genauer zu benennen. „Wir müssen etwas mit KI machen“ reicht dafür nicht. „Wir können die Qualität unserer Dokumentenantworten noch nicht nachvollziehbar prüfen“ ist dagegen ein brauchbarer Ausgangspunkt.
Auch das Vorwissen verdient Aufmerksamkeit. Für AGENTA nennt der Lehrplan unter anderem praktische Erfahrung in Entwicklung oder Architektur sowie ein grundlegendes Verständnis von Architekturkonzepten und Entwicklungswerkzeugen. Bei SWARC4AI zählen unter anderem KI-Grundlagen, Softwarearchitektur, DevOps und Python zum empfohlenen Vorwissen. Die Einführungskapitel ersetzen keine vollständige Ausbildung in diesen Gebieten.
Wer bisher vor allem einzelne Funktionen umgesetzt hat und nun Verantwortung für den Systementwurf übernimmt, sollte daher auch die Architekturgrundlagen prüfen. Das CPSA-Foundation-Programm behandelt unter anderem Entwurf, Dokumentation, Kommunikation und die Bewertung von Architekturqualität.
Für jemanden mit entsprechender Praxis kann dagegen ein gezielt gewähltes Advanced-Modul passen. Dabei gilt: Ein Foundation-Zertifikat und ausreichendes fachliches Vorwissen sind zwei verschiedene Dinge.
Zwei KI-Module ergeben noch kein CPSA-A-Zertifikat
Spätestens wenn eine Zertifizierung geplant wird, kommt zur inhaltlichen Auswahl die Punkterechnung hinzu.
AGENTA bringt 20 methodische und 10 technische Credit Points mit. SWARC4AI liefert 10 methodische und 20 technische Punkte. Wer beide Module erfolgreich absolviert, kommt damit auf 60 Punkte: 30 methodische, 30 technische und keinen im Bereich Kommunikation.
Für die CPSA-A-Zulassung sind mindestens 70 Credit Points erforderlich, davon mindestens 10 in jedem der drei Kompetenzbereiche. Die beiden KI-Module allein genügen also nicht. Bei der weiteren Auswahl zählen sowohl der fachliche Bedarf als auch die noch offene Punkteverteilung.
Zu den weiteren Voraussetzungen gehören grundsätzlich die bestandene CPSA-F-Prüfung sowie mindestens drei Jahre Vollzeit-Berufserfahrung in der IT mit Mitarbeit an Entwurf und Entwicklung von mindestens zwei unterschiedlichen IT-Systemen. Bei der Berufserfahrung sind auf Antrag Ausnahmen möglich. Für das CPSA-A-Zertifikat muss zudem die Zertifizierungsaufgabe erfolgreich bearbeitet werden, einschließlich eines Interviews mit zwei unabhängigen Prüfern.
Für die Teilnahme an einem Advanced-Training gilt diese Reihenfolge nicht zwingend. Nach den iSAQB-Regeln ist sie auch ohne CPSA-F-Zertifikat möglich, und die Credit Points werden ebenfalls angerechnet. Das Foundation-Zertifikat wird erst für den Antrag auf die Advanced-Prüfung benötigt..
Wer sich für ein konkretes Projekt weiterbilden möchte, muss daraus also keinen vollständigen Zertifizierungspfad machen. Wer CPSA-A anstrebt, sollte die zusätzlichen Anforderungen dagegen von Anfang an einplanen.
Für den Export aus dem Einstieg hieße der nächste Schritt: die Zugriffsregel festhalten und ihre Überprüfung organisieren. Bei der Dokumentenanwendung wären es die offenen Fragen zur Datennutzung und zur Abnahme. Nach einer Weiterbildung sollte sich zeigen, ob das Team solche Aufgaben anders angeht. Beim nächsten Export etwa müsste die Datenbankregel niemandem mehr erst im Review einfallen.