Anthropic hat mit seinem KI-Modell Claude Mythos Preview zwei neue kryptoanalytische Angriffe entwickelt.
Nach Angaben von Anthropic hat Claude Mythos Preview einen bislang unbekannten Angriff zur vollständigen Schlüsselwiederherstellung gegen HAWK-256 entwickelt, ein Herausforderungsparameter des Post-Quanten-Signaturverfahrens HAWK. HAWK ist eines von neun Verfahren, die das US-Standardisierungsinstitut NIST im Mai 2026 in die dritte Runde seines Auswahlprozesses für Post-Quanten-Signaturen aufgenommen hat. Der Angriff nutzt eine zuvor nicht bekannte Symmetrie im zugrunde liegenden mathematischen Gitter aus und senkt den erwarteten Rechenaufwand zur Schlüsselwiederherstellung von rund 2 hoch 64 auf 2 hoch 38 Operationen. Anthropics veröffentlichte Umsetzung benötigt für die vollständige Wiederherstellung im Schnitt etwa drei Stunden und 42 Minuten auf einem Server mit 96 Rechenkernen.
Anthropic betont, dass der Angriff ausschließlich den kleineren Parametersatz HAWK-256 betrifft, nicht die für den eigentlichen NIST-Standardisierungsprozess relevanten Parametersätze HAWK-512 und HAWK-1024. Für diese schätzt Anthropic den Rechenaufwand ebenfalls als gesunken ein, jedoch bleiben beide Varianten weiterhin praktisch nicht angreifbar.
Schnellerer Angriff auf reduzierte AES-Version
Der zweite Befund betrifft eine auf sieben von zehn Runden reduzierte Version von AES-128, einem der am weitesten verbreiteten symmetrischen Verschlüsselungsverfahren. Solche Untersuchungen an rundenreduzierten Varianten sind in der Kryptoanalyse üblich, um die verbleibende Sicherheitsmarge eines Verfahrens einzuschätzen. Claude Mythos Preview entwickelte dafür eine von Anthropic als Möbius Bridge bezeichnete Methode, mit der sich ein bestehender Meet-in-the-Middle-Angriff um einen aufwendigen Rateschritt verkürzen lässt. Je nach Messmethode beschleunigt dies den bislang besten bekannten Angriff auf die reduzierte AES-Variante um das 200- bis 800-fache. Der Angriff setzt jedoch rund 2 hoch 105 gewählte Klartexte unter einem festen Schlüssel voraus und bleibt damit weit außerhalb praktischer Anwendbarkeit. Die vollständige, zehnrundige Version von AES-128 ist von beiden Ergebnissen nicht betroffen.
Hoher Rechenaufwand, noch höherer Prüfaufwand
Für den HAWK-Angriff arbeitete Claude Mythos Preview laut Anthropic rund 60 Stunden in einer Multi-Agenten-Umgebung, begleitet von einem Forscher ohne kryptografischen Fachhintergrund, der lediglich organisatorische Hinweise gab. Für den AES-Angriff benötigte das Modell rund drei Tage und mehrere hundert Millionen, später insgesamt etwa eine Milliarde Ausgabe-Tokens. Anthropic berichtet zudem, dass das Modell die Aufgabe zunächst mit dem Hinweis verweigerte, eine Verbesserung gegenüber bestehenden AES-Angriffen sei unmöglich, bis wiederholte Nachfragen der Forscher es zum Weitermachen bewogen.
Die reinen API-Kosten bezifferte Anthropic für beide Ergebnisse auf jeweils rund 100.000 US-Dollar. Deutlich aufwendiger war jedoch die anschließende Überprüfung durch Menschen: Für das AES-Ergebnis benötigten zwei Forscher nach Angaben von Anthropic knapp einen Monat, um von der Korrektheit der Methode überzeugt zu sein.
Verantwortungsvolle Offenlegung gegenüber NIST
Anthropic erklärte, beide Ergebnisse vor der Veröffentlichung an die Entwickler von HAWK sowie an US-Regierungs- und Industriepartner weitergegeben und die Offenlegung mit einer NIST-Mailingliste abgestimmt zu haben. Bislang ist öffentlich nicht bekannt, ob NIST oder die Entwickler von HAWK als Reaktion auf die neuen Schätzungen Änderungen am Verfahren oder seinem Status im Standardisierungsprozess planen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung führte NIST HAWK weiterhin als Kandidaten der dritten Runde.
(red)