Einsatz Künstlicher Intelligenz

Wer schreibt Politikerreden – KI oder Mensch?

KI Politik

So mancher hört bei einer Politikerrede vermutlich jetzt genauer hin: Stammen die Worte wirklich von dem, der da redet, und von seinem Mitarbeiterstab?

Oder spricht da indirekt auch die KI? Hintergrund ist die aktuelle Debatte über den Einsatz Künstlicher Intelligenz bei der Erstellung von Reden und Texten. Im Fokus stehen prominente Politiker und auch der Journalismus. 

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KI ist überall

Kaum jemand, der mit Texten arbeitet, wird heute bestreiten, zumindest gelegentlich KI zu Hilfe zu nehmen. Die Frage ist, wo Grenzen liegen und möglicherweise überschritten werden. Das Spektrum ist breit, es reicht von Hausarbeiten für die Schule, E-Mails im Geschäftsverkehr, juristischen Auseinandersetzungen bis zum Verfassen von Büchern und journalistischen Texten.

Debattiert wird aktuell über diese Fälle:

  • Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) steht im Fokus, weil mehrere seiner Reden und Gastbeiträge für Medien oder Teile davon mit Hilfe von KI erstellt worden sein sollen. Das Portal «Frag den Staat» hatte Beiträge von Voigt mit KI-Erkennungsprogrammen durchforstet. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» nahm daraufhin einen Gastbeitrag von Voigt vom Netz. Darin hatte er drei Wissenschaftler zitiert. Die Zitate ließen sich laut «Frag den Staat» nicht verifizieren. Klar ist: Chat-Programme können halluzinieren und Experten mit Worten zitieren, die diese nie gesagt haben. «Wenn es wirklich einzelne Passagen gab, die auch mit Hilfe von KI erstellt worden sind, dann werde ich dafür keinem den Kopf abreißen. Grundsätzlich halte ich aber sowieso fast alle meiner Reden frei», sagte Voigt dem «Tagesspiegel».
  • Der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur des Berliner «Tagesspiegels», Stephan-Andreas Casdorff, darf bis auf weiteres nichts mehr für das Medium schreiben. Er habe Meinungstexte durch eine KI verfassen lassen, teilte der «Tagesspiegel» mit. Casdorff selbst bat laut der Mitteilung um Entschuldigung. «Für die Texte habe ich KI genutzt. Das hätte ich kenntlich machen müssen und sie deswegen nicht publizieren dürfen.»
  • Zuletzt geriet auch Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) in den Blick. Hintergrund ist ein Bericht der «Zeit». Die beruft sich auf eine eigene Recherche, die nahelege, «dass mehrere von Wildberger gehaltene Reden zu großen Teilen von einer KI verfasst wurden». Auch zwei Gastbeiträge des Ministers in großen Zeitungen hätten demnach weder er selbst geschrieben noch sein Team. Nach dem «Handelsblatt» entfernte inzwischen auch die FAZ einen Artikel Wildbergers, der in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» (FAS) erschienen war, aus ihrem Portal «faz.net». Im Archiv sei der Beitrag gesperrt worden, teilte die FAZ auf Anfrage mit.

KI als «Sparringspartner»

Wildberger ist Technik-Fan und hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er KI nutzt, etwa um Gedanken zu strukturieren. Ein Ministeriumssprecher sagte zum Wochenbeginn vor Journalisten, man nutze KI zum Verfeinern und als Sparringspartner, «aber wir lassen jetzt nicht, wenn das die Frage war, gesamte Beiträge von der KI erstellen».

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Wildbergers Kommunikationschefin Betty Kieß beschrieb auf dem Portal LinkedIn, wie Reden für den Minister im Haus entstehen: Redenschreiber, Minister und sie besprächen Struktur, Kernaussagen und Wirkung einer anstehenden Rede. Diese werde dann erarbeitet. Wildberger «prüft, verändert, verwirft oder übernimmt Inhalte und Formulierungen». KI, so Kieß, werde dabei als Werkzeug genutzt, das beim Strukturieren, Verdichten und Formulieren von Gedanken helfe.

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Verantwortung und Transparenz 

In der aktuellen Debatte sollte es ihrer Ansicht nach nicht um die Frage gehen, ob, sondern wie KI genutzt wurde. Kieß spricht von Verantwortung, Transparenz und Qualität. Ähnlich äußerte sich zuletzt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU): Die Verantwortung liege bei der Person, die KI verwende. Sie müsse Quellen und Texte prüfen. «Zum anderen ist es gut, wenn man das kenntlich macht, was KI-generiert ist», fügte sie hinzu.

Der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung, Sebastian Hille, verwies auf Nachfrage auf Leitlinien für den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Bundesverwaltung, die es seit Frühjahr 2025 gibt. Darin heißt es, «bei der behördlichen Nutzung sind für Arbeitsergebnisse, die mit Hilfe von KI erstellt werden, die gleichen Qualitätsstandards einschlägig wie für Arbeitsergebnisse, die ohne KI erstellt werden.» Antworten und Inhalte, die etwa durch Chatroboter erzeugt werden, sind «fachlich zu prüfen und bei Bedarf zu überarbeiten». 

Medienbranche streitet über Umgang mit KI-Texten

Der Fall Voigt löste auch in der Medienbranche eine Debatte über den Umgang mit KI und Autorenschaft aus. Nachdem die «FAZ» den Gastbeitrag aus dem Netz genommen hatte, reagierte der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, Mathias Döpfner, mit einem Kommentar – laut Döpfner vollständig von einer KI verfasst. Darin verteidigte er den Einsatz von KI für politische Gastbeiträge und sprach davon, dass seit Jahrzehnten Ghostwriter, Referenten und PR-Berater Texte für Politiker entwerfen würden. Die Redaktion der «FAZ» warf Döpfner daraufhin vor, er mache «keinen Unterschied zwischen selbst denken und einen Apparat schreiben lassen».

Gabor Steingart schrieb in seinem Morgenbriefing bei «The Pioneer», dass die «FAZ» den Beitrag von Voigt «gesperrt, also zensiert» habe. Er kritisierte auch die Entscheidung des «Tagesspiegels», vorerst nicht mehr mit Casdorff zusammenzuarbeiten.

KI-Verzicht kaum denkbar

Ein gänzlicher Verzicht auf KI erscheint angesichts der technologischen Entwicklung unrealistisch. Wenn bürokratische Prozesse, Denkarbeit und Texterstellung beschleunigt werden können, werden Menschen dies nutzen, so wie Gräben mit dem Bagger ausgehoben werden, statt sie mühsam per Hand zu schaufeln. Dass der Graben gerade wird, dafür sorgt aber ein Mensch.

Das Bundesdigitalministerium versichert in einer aktuellen Erklärung, KI werde dort als reguläres Arbeitswerkzeug eingesetzt, «stets eingebettet in einen Prozess mit menschlicher Prüfung und Letztverantwortung». Der maßgebliche Standard laute: «Inhalt und Verantwortung liegen beim Menschen.»

dpa

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