Sorgen im europäischen Finanzsektor

Anthropic sperrt EU von Mythos aus

EU Stop

Das KI-Labor Anthropic verweigert der EU den Zugriff auf das Cyber-Sicherheitsmodell Claude Mythos. Europa befürchtet Sicherheitsrisiken.

Ein verschärfter regulatorischer und geopolitischer Konflikt überschattet die Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und führenden US-amerikanischen Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Das in Kalifornien ansässige Technologieunternehmen Anthropic hat der EU den Zugang zu seinem hochentwickelten Cybersicherheits-Modell „Claude Mythos“ verweigert. Während ausgewählte US-Konzerne und dortige Regierungsbehörden die weitreichenden Hacking- und Analysefähigkeiten des Systems bereits evaluieren dürfen, bleiben europäische Institutionen, Banken und Softwarehäuser dauerhaft außen vor. Experten warnen, dass diese restriktive Vergabepraxis die Anfälligkeit Europas für eine neue Generation KI-gestützter Cyberangriffe drastisch erhöht und die technologische Abhängigkeit der Region von amerikanischen Anbietern weiter vertieft.

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Sicherheitsrisiken durch selektive Verteilung von Mythos

Anthropic hatte im April bekannt gegeben, dass das neueste Modell Claude Mythos über weitreichende autonome Fähigkeiten zur Identifizierung und potenziellen Ausnutzung von komplexen Software-Schwachstellen verfügt. Um eine unkontrollierte Verbreitung oder den Missbrauch des mächtigen Werkzeugs zu verhindern, verzichtet das Unternehmen auf eine allgemeine öffentliche Freigabe. Stattdessen wurde eine limitierte Testversion (Preview) an eine exklusive Gruppe von primär US-amerikanischen Großkonzernen, darunter Amazon, Apple und die Großbank JPMorganChase, sowie an strategische Bundesbehörden der USA verteilt, um Sicherheitslücken vor dem eigentlichen Marktstart zu schließen.

Europäische Akteure wurden von diesem Testprogramm komplett ausgeschlossen. Paul Timmers, Professor an der Universität KU Leuven und ehemaliger Spitzenbeamter der Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien (DG CONNECT) der Europäischen Kommission, sieht darin eine kritische Entwicklung für den Kontinent: „Es besteht das Risiko einer Militarisierung von Software-Schwachstellen. Durch die selektive Verteilung dieser Modelle entsteht ein Flaschenhals beim Zugang zu dieser Macht, und das kann erhebliche Auswirkungen auf die Technologie-Souveränität in Europa haben.“

Treffen zwischen EU und Anthropic nicht erfolgreich

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Die Europäische Kommission bemüht sich seit Wochen vergeblich um einen administrativen Zugang zu dem Mythos-Modell. Wie EU-Kommissionssprecher Thomas Regnier im Rahmen einer Pressekonferenz in Brüssel bestätigte, gab es zwar bereits vier bis fünf Treffen mit Vertretern von Anthropic, die Gespräche befinden sich jedoch in einem völlig anderen, weniger fortgeschrittenen Stadium als die Kooperationen mit Mitbewerbern.

Im direkten Gegensatz zu Anthropic verfolgt der Konkurrent OpenAI eine offenere Strategie gegenüber den europäischen Institutionen. Im Rahmen des neu aufgelegten „EU Cyber Action Plan“ stellt OpenAI dem europäischen KI-Büro (EU AI Office) sowie ausgewählten Unternehmen und Regierungen in Europa sein fortschrittlichstes Sicherheitsmodell „ChatGPT 5.5-Cyber“ zur Verfügung. Diese Kooperation umfasst auch direkte Sicherheitsbriefings mit den Chefingenieuren von OpenAI. George Osborne, Leiter der Abteilung für Länderkooperationen bei OpenAI und ehemaliger britischer Finanzminister, betonte dazu: „KI-Labore wie das unsere sollten nicht die alleinigen Schiedsrichter über Cybersicherheit sein, da Resilienz von der Zusammenarbeit vertrauenswürdiger Partner abhängt.“

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US-Regierung hat Sicherheitsbedenken bei Freigabe von Mythos

Hinter der restriktiven Haltung von Anthropic stehen maßgeblich sicherheitspolitische Bedenken der US-Regierung. Das Weiße Haus verfolgt seit der Vorstellung von Mythos einen strikt kontrollierenden Ansatz und prüft die Einführung einer präventiven staatlichen Überprüfung von KI-Modellen vor deren Freigabe (Vetting). Washington blockiert eine Ausweitung des Nutzerkreises nach Europa aus nationalen Sicherheitsinteressen. Dieser Konflikt knüpft an eine vorherige interne Auseinandersetzung zwischen Anthropic und der US-Bundesregierung über die militärische Nutzung von KI an, bei der sich das Unternehmen zunächst gegen den Einsatz seiner Modelle in bestimmten Rüstungsanwendungen sträubte, woraufhin es temporär von Verträgen für klassifizierte US-Netzwerke ausgeschlossen wurde.

Harry Law, Sicherheitsforscher an der Universität von Cambridge, sieht zudem institutionelle Gründe für die Zurückhaltung: Anthropic wolle das Risiko von Datenabflüssen und bürokratischen Verzögerungen minimieren. Während das britische KI-Sicherheitsinstitut (UK AISI) bereits eine nachgewiesene Erfolgsbilanz in der Überprüfung von Systemen besitze, gelte das neu geschaffene EU AI Office in der Branche noch als eine unbekannte Größe. Das KI-Gesetz der EU (AI Act) gäbe den Brüsseler Behörden zwar das Recht, Modelle als systemische Risiken einzustufen und regulatorisch zu zwingen, dieser Hebel wurde jedoch bislang nicht gezogen.

Sorgen im europäischen Finanzsektor wegen Mythos

Der Ausschluss von der Mythos-Vorauswahl stößt im Europäischen Parlament auf scharfe Kritik. Die französische Europaabgeordnete Stéphanie Yon-Courtin (Renew) betonte, dass eine gezielte Zugriffsbeschränkung durch Washington eine fundamentale Frage für die digitale Autonomie aufwerfe: „Europa kann keine strategische Autonomie beanspruchen, wenn Washington entscheidet, welche KI-Modelle wir sehen dürfen. Die EU muss zu gleichen Bedingungen Zugang zu Mythos erhalten.“ Ihr Parlamentskollege Sandro Gozi ergänzte, dass Europa nicht von den Entscheidungen privater, außereuropäischer Firmen abhängig sein dürfe, um die eigenen kritischen Schwachstellen zu verstehen und zu schützen.

Besonders alarmiert zeigt sich der europäische Bankensektor. Da das Mythos-Modell Softwarefehler in extremer Geschwindigkeit aufdecken kann, befürchten Finanzinstitute kaskadierende Systemausfälle innerhalb der stark vernetzten europäischen Finanzinfrastruktur, die in vielen Bereichen noch auf veralteten Softwarestrukturen (Legacy-Systemen) basiert. Während US-Banken ihre Abwehrsysteme bereits mit der neuen KI kalibrieren, bleibt europäischen Instituten dieser Abgleich verwehrt. Zwar verfügt die EU über eigene KI-Plattformen wie das französische Vorzeige-Unternehmen Mistral AI, diese hinken den amerikanischen Anbietern in Bezug auf die Modellentwicklung und das für den Bau großer Rechenzentren erforderliche Kapital jedoch weiterhin deutlich hinterher.

Autorenbild Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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