KI-Pionier Andrej Karpathy wechselt zu Anthropic. Er leitet dort ein neues Team, das die Modell-Vorausbildung mithilfe von Claude automatisieren soll.
Der renommierte KI-Forscher und OpenAI-Mitbegründer Andrej Karpathy hat sich dem konkurrierenden KI-Labor Anthropic angeschlossen. Wie das US-Medienhaus Axios unter Berufung auf offizielle Unternehmensangaben berichtet, gilt diese Personalie als einer der bedeutendsten Wechsel im aktuellen internationalen Wettbewerb um technologische Spitzenkräfte im Bereich der künstlichen Intelligenz. Karpathy wird seine neue Position in dieser Woche antreten. Der Wechsel unterstreicht die wachsende Anziehungskraft von Anthropic auf führende Köpfe der Industrie, während sich das Startup im direkten technologischen Wettlauf mit etablierten Branchengrößen wie OpenAI und Google befindet.
Karpathy: Automatisierung der Modell-Vorausbildung
Bei Anthropic wird Karpathy direkt in das Team für die sogenannte Vorausbildung (Pre-training Team) integriert. Diese Kernabteilung zeichnet für die Konzeption und Durchführung der massiven Rechenläufe (Training Runs) verantwortlich, die den primären Modellen der Claude-Serie ihr fundamentales Wissen, ihre logischen Fähigkeiten und ihre sprachliche Kernkompetenz verleihen. Die Optimierung dieser Infrastrukturprozesse gilt in der Industrie als einer der kostenintensivsten und technologisch anspruchsvollsten Schritte bei der Entwicklung moderner KI-Systeme.
Zusätzlich zu seiner beratenden Funktion wird Karpathy laut Anthropic den Aufbau einer völlig neuen, spezialisierten Forschungsgruppe leiten. Das primäre Ziel dieses Teams besteht darin, das hauseigene Sprachmodell Claude selbst als aktives Werkzeug einzusetzen, um die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Modell-Vorausbildung signifikant zu beschleunigen.
Diese Methode markiert eine strategisch wichtige Grenze in der aktuellen Tech-Forschung: Führende KI-Unternehmen versuchen zunehmend, wesentliche Teile der KI-Entwicklung zu automatisieren, indem bereits existierende, hochentwickelte Modelle nachfolgende Generationen trainieren, Daten filtern, synthetische Trainingsdaten generieren oder architektonische Anpassungen autonom bewerten. Karpathy selbst äußerte sich zu seinen Beweggründen über die Kurznachrichtenplattform X:„Ich denke, die nächsten Jahre an der vordersten Front der LLMs werden besonders prägend sein. Ich bin sehr begeistert, mich dem Team hier anzuschließen und zur Forschung und Entwicklung zurückzukehren.“
Personal update: I've joined Anthropic. I think the next few years at the frontier of LLMs will be especially formative. I am very excited to join the team here and get back to R&D. I remain deeply passionate about education and plan to resume my work on it in time.
— Andrej Karpathy (@karpathy) May 19, 2026
Karpathy war Gründungsmitglied von OpenAI
Andrej Karpathy gehört zu den wenigen Persönlichkeiten in der Tech-Branche, die über eine lückenlose wissenschaftliche und praktische Glaubwürdigkeit in der akademischen Forschung, der industriellen Massenproduktion und der öffentlichen Bildung verfügen. Er war im Jahr 2015 eines der Gründungsmitglieder von OpenAI, wo er maßgeblich an den frühen mathematischen und algorithmischen Durchbrüchen des Labors beteiligt war.
Nach seiner ersten Station bei OpenAI wechselte er zum Automobilhersteller Tesla. Als Director of AI leitete Karpathy bei Tesla das Team für Computer Vision (Computersehen), welches das Fundament für das teilautonome Fahrsystem „Autopilot“ entwickelte. Unter seiner Führung transformierte Tesla die visuelle Datenverarbeitung der Fahrzeuge weg von klassischen Radarsensoren hin zu einem rein kamerabasierten Ansatz (Tesla Vision). Nach einer zwischenzeitlichen Rückkehr zu OpenAI im Jahr 2023 verließ er das Unternehmen Anfang 2024 erneut, um unabhängige Bildungsprojekte im Softwarebereich zu verfolgen, bevor er nun im Mai 2026 den Schritt zu Anthropic vollzog.
Von Vibe Coding bis zur KI-Psychose
In den vergangenen Monaten prägte Karpathy die Debatte innerhalb der globalen Entwickler-Community durch pointierte Begriffsdefinitionen und empirische Selbstversuche. Unter anderem gilt er als Schöpfer des Begriffs „Vibe Coding“. Dieser beschreibt eine moderne Form der Softwareentwicklung, bei der der menschliche Programmierer keine syntaktischen Codezeilen mehr manuell eintippt, sondern die logische Struktur und das gewünschte Verhalten einer Anwendung auf einer abstrakten Ebene beschreibt, während generative KI-Modelle die tatsächliche Codierung autonom übernehmen.
In jüngsten Beiträgen beschrieb sich Karpathy zudem selbst als in einem Zustand der „KI-Psychose“ (AI psychosis) befindlich – eine Phase extrem intensiver, praktischer Auseinandersetzung mit den neuesten Modellgenerationen, die er seit Dezember durchlaufe. In diesem Kontext widmete er sich intensiv dem sogenannten „Tokenmaxxing“ – dem gezielten Ausreizen und aggressivem Stresstesten der Kontextfenster und Prompt-Strukturen modernster Frontier-Modelle, um die Grenzen der logischen Belastbarkeit dieser Systeme empirisch zu analysieren.
Effizienz der Vorausbildung wichtiger Hebel für KI-Wettlauf
Der Eintritt von Karpathy bei Anthropic reflektiert eine breitere Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt für hochspezialisierte KI-Forscher. Anthropic, gegründet von ehemaligen OpenAI-Führungskräften um die Geschwister Dario und Daniela Amodei, positioniert sich strategisch als forschungsorientiertes Unternehmen. Der Zuzug von Spitzenkräften stärkt die Marktposition des Unternehmens im Jahr 2026 nachhaltig.
Da der Fortschritt bei großen Sprachmodellen zunehmend von der Effizienz der Vorausbildung und der algorithmischen Filterung riesiger Datenmengen abhängt, gilt die Automatisierung dieser Prozesse durch spezialisierte R&D-Teams als der entscheidende Hebel, um im internationalen KI-Wettlauf die Technologieführerschaft zu behaupten und Skalierungsgesetze (Scaling Laws) optimal auszunutzen.