Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein Werkzeug für den Alltag. Sie hört zu, gibt Rat und vermittelt Nähe – Funktionen, die traditionell Menschen vorbehalten waren.
Eine neue Bitkom-Studie zeigt, dass KI zunehmend als emotionale Bezugsperson wahrgenommen wird, insbesondere von jüngeren Nutzenden.
KI als Beziehungscoach und Selbstreflexionshelfer
Schon heute greifen Menschen auf KI zurück, um schwierige Situationen in Familie, Freundschaft oder Partnerschaft zu meistern. 18 Prozent der Befragten nutzen Chatbots für Ratschläge in Beziehungsfragen – bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 37 Prozent. Dabei geht es etwa darum, Nachrichten sensibel zu formulieren, Streit zu klären oder Rat bei Trennung und Eifersucht zu erhalten. Die Mehrheit der Nutzenden bewertet diese Unterstützung als hilfreich.
Auch jenseits zwischenmenschlicher Konflikte dient KI der Selbstreflexion: 32 Prozent verwenden sie für Themen der Persönlichkeit im Beruf, 20 Prozent für mentale Gesundheit, und 16 Prozent führen mit KI ein digitales Tagebuch oder reflektieren über sich selbst.
Ambivalenz in der KI-Kommunikation
Trotz dieser Vorteile empfinden 61 Prozent KI-gestützte Kommunikation als befremdlich, und 40 Prozent erkennen, wenn eine Antwort mithilfe eines Chatbots erstellt wurde. Dennoch berichten 24 Prozent, dass KI ihnen hilft, in Konflikten klarer zu kommunizieren, und 15 Prozent nutzen die Technologie direkt, um Streit zu lösen. Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer von Bitkom, betont: „KI kann Streit entschärfen. Wenn sie im direkten Austausch mitsprechen soll, wird aber schnell spürbar, wie sensibel das für manche ist und Fragen von Echtheit, Nähe und Vertrauen berührt werden.“
KI als digitale Bezugsperson
Die emotionale Wirkung von KI zeigt sich besonders bei jungen Menschen: 26 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer sehen in der KI manchmal eine digitale Bezugsperson, bei unter 30-Jährigen sind es 32 Prozent. Elf Prozent fühlen sogar emotionale Verbundenheit. Gleichzeitig sorgen sich einige, abhängig von KI zu werden – unter den Jüngeren 16 Prozent.
Ein signifikanter Teil nutzt die KI auch als „sicheren Gesprächspartner“: 20 Prozent vertrauen ihr Dinge an, die sie Menschen nicht erzählen würden, unter den unter 30-Jährigen 32 Prozent. Die Hälfte der jungen Nutzerinnen und Nutzer fühlt sich häufig gut verstanden. Rohleder kommentiert: „In der Kommunikation mit einem KI-Chatbot erwächst für manche eine neue Form digitaler Vertrautheit, besonders bei jungen Menschen.“

KI-Avatare: Vom Helfer zum Gegenüber
Die nächste Stufe sind KI-Avatare, sogenannte AI-Companions, die als digitale Freunde oder Partner auftreten. 18 Prozent können sich vorstellen, einen solchen Avatar zu nutzen, Männer häufiger (23 Prozent) als Frauen (13 Prozent). Bereits fünf Prozent der Männer und vier Prozent der Frauen besitzen einen KI-Avatar.
Die Meinungen hierzu sind gespalten: 77 Prozent der Frauen und 69 Prozent der Männer sehen problematisch, dass KI in Liebesbeziehungen vordringt. Gleichzeitig zeigt sich bei Männern mehr Offenheit für romantische Möglichkeiten mit KI – 15 Prozent halten Gefühle für möglich, und 11 Prozent könnten sich vorstellen, dass KI reale romantische Beziehungen ersetzt.
Chancen und Risiken für zwischenmenschliche Beziehungen
Zwei Drittel der Befragten sehen KI aktuell als Risiko für Freundschaften und Partnerschaften, 22 Prozent als Chance. Eine Mehrheit von 54 Prozent rechnet damit, dass KI menschliche Beziehungen in den nächsten zehn Jahren grundlegend verändern wird – bei den unter 30-Jährigen erwarten 63 Prozent einen Umbruch.
Rohleder fasst zusammen: „KI kommt im Privaten an, und viele ahnen, dass das Folgen haben wird. Gleichzeitig stellen sich gesamtgesellschaftliche Fragen: Was bedeutet Nähe, wenn sie jederzeit auf Knopfdruck verfügbar ist? Wie verändert KI unsere Bereitschaft, füreinander da zu sein? Und woran erkennen wir künftig noch, ob ein Gegenüber wirklich ein Mensch ist?“